Eine Dame in Paris

Sie ist immer noch die Königin der Leinwand: Jeanne Moreau, die 84jährige Grand Dames des französischen Kinos. In dem berührenden Kammerspiel „Eine Dame in Paris“ verkörpert die Muse der Nouvelle Vague erfrischend würdevoll eine kokette, teilweise herrische Lady, die in der Auseinandersetzung mit ihrer Pflegerin zu neuem Lebensmut findet. Mit heiterer Note, charmant und ohne Betulichkeit erzählt Regisseur Ilmar Raag die unsentimentale Geschichte einer Annäherung. Neben der Präsenz der Hauptdarsteller überzeugt die liebevolle Detailbeobachtung und Menschlichkeit.

Webseite: www.arsenalfilm.de

A Lady In Paris
Frankreich, Estland, Belgien 2012
Regie: Ilmar Raag
Drehbuch: Agnès Feuvre, Ilmar Raag
Darsteller: Jeanne Moreau, Patrick Pineau, Laine Mägi, Corentin Lobet, Ita Ever, François Beukelaers
Länge: 94 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 18.4.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Erwarten sie von mir, dass ich Plastik esse?“, empört sich die 80jährige Frida (Jeanne Moreau). „Ein echtes Croissant ist etwas“, versucht die Pariser Emigrantin ihrer Pflegerin Anne (Laine Mägi) klarzumachen, „das kauft man in der Bäckerei“. Aus dem verschneiten Estland kam die Mutter zweier erwachsener Kinder in die Metropole an der Seine. Voller Optimismus nahm die 50jährige ein Angebot an, in ihrer „Traumstadt“ die betagte estnische Emigrantin zu betreuen. Doch hier ist sie alles andere als willkommen. Nach einem misslungenen Suizidversuch lebt die eigensinnige Lady ihre Frustration an der verunsicherten Pflegerin aus.

Nur langsam lässt sich die alte Dame erweichen, etwas von sich preiszugeben. So erfährt Anne von ihrer Liebe zu ihrem ehemaligen jüngeren Geliebten dem Cafébesitzer Stéphane (Patrick Pineau) und den früheren Affären der unkonventionellen Frau. Schwankend zwischen dem Wunsch nach Abkapselung und der Sehnsucht nach Nähe entwickelt sich am Ende– nach einem Riesenkrach – zwischen den beiden doch noch eine ungewöhnliche Freundschaft, die von gegenseitiger Toleranz und Achtung getragen wird. Frida schließt Frieden mit sich und zuletzt auch, ohne dass diese es richtig bemerkt, mit dem Rest der Welt.

Fast märchenhaft wirken die Impressionen der nächtlichen Pariser Boulevards, durch die Anne voller Staunen streift. Von Anfang an erzählt Regisseur Ilmar Raag die Geschichte aus ihrer Perspektive. Die Geschiedene, die in Estland ihre Mutter pflegte bis diese starb und nun die Chance wahrnimmt, den Jugendtraum von Paris als Hausdame wahrzunehmen. Auf den ersten Blick wirkt der handwerklich gelungene Film wie eine Variante von „ Driving Miss Daisy“. Doch dieser Eindruck verfliegt schnell. Denn der Este Raag bringt genügend Charakterzüge aus Estland und aus Frankreich ein und die beiden Darstellerinnen ergänzen sich so wunderbar, dass ein gelungenes Erzählmuster entsteht.

Zudem gibt es eine Grazie, die Würde ist, wider die Hinfälligkeit des Alters. Von Jeanne Moreau, der der Grande Dame des französischen Kinos, wird sie exzellent verkörpert. Mit ihrer Mischung aus unterkühltem Glamour, geistreichen Esprit, leisen Humor und ihrer tiefen rauchigen Stimme hat sich die einstige Muse der Nouvelle Vague in das große Buch der Filmgeschichte mit Filmen von Truffaut, Antonioni, Welles, Buñuel, Téchiné, Fassbinder, Wenders und Angelopoulos eingeschrieben. Dabei genügten ihr oft ganz kleine Auftritte, um sich ins Gedächtnis einzubrennen. Mühelos gelingen ihr immer noch Szenen von großer Wahrhaftigkeit.

Durch ihre Filme spaziert sie wie eine Königin. Nach wie vor repräsentiert sie das europäische Kino in seiner ganzen Strahlkraft und bereichert den sanften Film durch eine anrührende Ebene der Nostalgie und Vergänglichkeit. Und so überzeugt die einfach erzählte, unsentimentale und nicht-melodramatische Geschichte durch liebevolle Detailbeobachtungen und Menschlichkeit sowie die Präsenz der Hauptdarsteller. Subtil in der Figurenzeichnung ist das konventionell erzählte Kammerspiel die Darstellung einer letztlich doch überraschenden menschlichen Annäherung. Dabei lässt der estländische Regisseur Ilmar Raag eigene Erinnerungen an seine Mutter in die Geschichte einfließen.

Luitgard Koch

Estland. Annas Mutter stirbt nach langer Krankheit. Anne ist Krankenschwester, erhält deshalb das Angebot, in Paris die Pflegestelle bei einer alten Dame anzutreten. Sofort macht sie sich auf in die französische Hauptstadt.

Frida heißt die Dame. Sie ist Estländerin und lebt schon seit vielen Jahren in Paris. Doch sie ist nicht nur Estländerin sondern auch eine dominierende, cholerische, eingebildete eigensinnige Furie, die behauptet, sie brauche keine Pflege, komme allein zurecht.

Stéphane hat sich bis jetzt um sie gekümmert. Er war früher ihr Liebhaber. Frida schenkte ihm später ein Bistro, das er in der Nähe betreibt. Ab und zu kommt er noch sie besuchen. Sie sehnt ihn herbei.

Frida führte vor vielen Jahren einen ziemlich lockeren Lebenswandel, zerstörte auch eine Ehe – was ihr die wenigen verbliebenen estländischen „Freunde“ nie verziehen.

Anne gibt sich geduldig, nobel, zurückhaltend. Immer wieder hört sie anfänglich, sie werde nicht gebraucht. Mehr als einmal trägt sie sich mit dem Gedanken, alles aufzugeben.

Frida begreift spät – aber immerhin begreift sie doch noch, wird zugänglicher. Schließlich kann sie zu Anne sagen: „Du bist hier zuhause.“

Doch es wäre nie soweit gekommen, hätte nicht Stéphane den Vermittler gespielt. Zwischen ihm und Anne ist es zu einem Einvernehmen gekommen, das zur Liebe führen könnte.

Ältere Menschen bekommen Macken, das ist nicht neu. Aber sie haben Verdienste. Deshalb muss man nachsichtig sein und sie lieben. In diesem nahezu perfekt gestalteten Film wird das schön demonstriert.

Und dies vor allem von Laine Magi, die die Anne spielt. Respekt vor dieser darstellerischen Disziplin. Wirklich erstklassig.

Dann Jeanne Moreau als Frida. Vielleicht ihre letzte Rolle. Hier spielt sie noch einmal auf der ganzen Klaviatur: ikonenhaft, legendenhaft. Ein Genuss.

Exzellent und diskret auch Patrick Pineau als Stéphane.

Thomas Engel