Eine Familie

Mit ihrem anrührenden Melodram „Eine Familie“ beweist Regisseurin Pernille Fischer Christensen erneut die emotionale Stärke des skandinavischen Kinos. Sensibel inszeniert die 40jährige Dänin eine klassisch moderne Familiengeschichte um Generationenkonflikt, Pflichtgefühl, Selbstverwirklichung, Zusammenhalt, Normen und Tradition. Dabei spart die ehemalige Kunsthistorikerin auch das Tabuthema Tod und Trauer nicht aus. Vor allem ihr Hauptdarsteller Jesper Christensen überzeugt durch sein kompromisslos intensives Spiel. Nicht umsonst galt der 62jährige legendäre dänische Schauspieler und Bond-Bösewicht aus „Ein Quantum Trost“ auf der diesjährigen Berlinale als Kandidat für den Goldenen Bären.

Webseite: www.tobis.de

Dänemark 2010
Regie: Pernille Fischer Christensen
Drehbuch: Pernille Fischer Christensen, Kim Fupz Aakeson
Kamera: Jakob Ihre
Länge: 102 Minuten
Darsteller: Lene Maria Christensen, Jesper Christensen, Pilou Asbæk, Anne Louise Hassing, Line Kruse, Coco Hjardemaal, Gustav Fischer Kjœrulff
Verleih: Tobis Filmverleih
Kinostart: 3.3.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die Vorstellungen darüber, wie Familie funktioniert, wandelten sich im ausgehenden 20. Jahrhundert rasch. Nicht selten wurde von ihrer Krise gesprochen, vom Wegbrechen traditioneller Strukturen zugunsten moderner Lebensweisen. Begriffe wie Kern-Familie, Patchwork-Familie oder die postmoderne Familie machten die Runde. Nun scheint die Familie trotzdem in der Moderne angekommen. Das zeigt auch Pernille Fischer Christensen fesselndes zeitgenössisches Familienportrait zwischen Tradition und Moderne. Ein Film, der zurückhaltend und trotzdem liebevoll von entscheidenden Konflikten des heutigen Familienalltags erzählt.

Ditte Rheinwald (Lene Maria Christensen) kann ihr Glück kaum fassen: New Yorks renommierterste Galerie bietet der erfolgreichen Kunstagentin einen Job an. Mit diesem Anruf erfüllt sich für die erfolgreiche Kopenhagenerin und ihren sympathischen Lebenspartner, dem Künstler Peter (Pilou Asbæk), ein langgehegter Wunschtraum. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Ditte stellt fest, dass sie schwanger ist. Die Entscheidung zwischen Kind und Karriere belastet die Beziehung des Paares. Aber auch in ihrer eigenen Familie läuft für die älteste Tochter der berühmten dänischen Bäckerdynastie Rheinwald nicht alles glatt.
Die Lieblingstochter aus erster Ehe macht sich Sorgen um ihren starrköpfigen Vater (Jesper Christensen). Eine langwierige Chemotherapie schwächt den Patriarchen, der immer noch leidenschaftlich und souverän seine traditionsreiche königliche Hofbäckerei führt. Überraschenderweise scheint sich das Blatt jedoch noch einmal zu wenden. Das Schicksal gibt Vater Rikard eine zweite Chance. Das Krebsleiden scheint überwunden.
Das soll im Hause Rheinwald ordentlich gefeiert werden.

Und so macht das charismatische Familienoberhaupt seiner langjährigen zweiten Lebensgefährtin Sanne (Anne Louise Hassing) einen Heiratsantrag, um sie offiziell in die Großfamilie aufzunehmen. Schließlich möchte er ihr, schon allein der beiden gemeinsamen Kinder wegen, mehr Sicherheit für die Zukunft bieten. Auch die beiden Töchter aus erster Ehe, Ditte und Chrisser (Line Kruse) sind zur Hochzeit eingeladen. Ausgelassen genießt die neue Patchworkfamilie das feuchtfröhliche Fest. Aber schon kündet sich neues Unheil an. Rikard erleidet einen Schwächeanfall. Diagnose der Ärzte: Gehirnkrebs, unheilbar.

Dittes inniges, liebevolles Verhältnis zu ihrem Vater wird dadurch auf eine harte Probe gestellt. Denn der Patriarch will nicht nur, dass er zuhause gepflegt wird, sondern bittet sie zudem die vor 300 Jahren begründete Bäckerei weiterzuführen. Mit dieser Wendung verengt sich die Perspektive allmählich. Was licht und freundlich begann, findet seine Fortsetzung jetzt häufig in abgedunkelten Innenräumen. Der Tod wirft seine Schatten voraus. Die leicht zittrige Kamera lässt nun endgültig nicht mehr ab von der Mimik, den Gesten, den Körperhaltungen der Figuren. Konzentriert und doch zurückhaltend verfolgt sie die Gesichter bis hinein in die feinsten Regungen des Schocks, der Fassungslosigkeit, der Betroffenheit und tiefer Trauer.

Obwohl „Eine Familie“ längst kein reiner Dogmafilm mehr ist, prägen ihn noch die positiven Spuren der ästhetischen Keuschheitsregeln dieser Erneuerungsbewegung. So dominieren streckenweise bewegliche Handkameraaufnahmen mit vielen Unschärfen, gedreht wird fast ausschließlich an Originalschauplätzen, Musik wird weitgehend ausgeblendet. Nicht zuletzt damit vermeidet diese Hommage an eine moderne Familie jedoch peinlich sentimentalen Sozialkitsch. Zudem besitzt das leise, unaufdringliche Melodram etwas, was den Erfolg aller großen Dogmafilme der 90er Jahre ausmachte: eine große Nähe zu seinen Charakteren, genaue, präzise Beobachtung und hohe Glaubwürdigkeit seiner Figuren.

Außerdem geht es um konkrete Gefühle, die für den Zuschauer nachvollziehbar sind. Ähnlich wie ihre großartige dänische Kollegin Susanne Bier erzeugt Christensen, die bereits 2006 einen Silbernen Bären gewann, dabei eine klug inszenierte Atmosphäre der Intimität. Ob es nötig war das Sterben des Vaters so detailliert bis zum letzten Atemzug mit anschließender Totenwäsche zu zeigen, darüber lässt sich freilich streiten. Doch diese mutige Entscheidung trägt viel zur Authentizität dieses bewegenden Gefühlskino bei, das berührt ohne depressive Stimmung zu verbreiten.

Luitgard Koch

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