Eine ganz heiße Nummer

Mit „Friendship“ gelang Markus Goller der große Comedy-Coup. Nun folgt sein nächster Streich. Statt um zwei verdutzte Ossis in Amerika geht es diesmal um drei resolute Damen im tiefsten Bayern. Dort bedroht die Schließung der Glashütte den kleinen Tante Emma-Laden. Weil Gebete des Dorf-Pfarrers gegen Arbeitslosigkeit wenig helfen, hat das weibliche Trio eine zündende Idee: Telefonsex soll Geld in die leere Kasse bringen. Erotik als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme – „Ganz oder gar nicht“ lässt grüßen. Wie einst bei den britischen Amateur-Strippern gibt’s bei den bayrischen Telefon-Stöhnerinnen reichlich Situationskomik, viel Wortwitz und liebenswert schräge Typen. Umwerfend komisch gespielt, flott inszeniert und prima getimt: Eine ganz heiße Comedy-Nummer.

Webseite: www.eineganzheissenummer.de

Deutschland 2011
Regie: Markus Goller
Drehbuch und Romanvorlage: Andrea Sixt
Darsteller: Gisela Schneeberger, Bettina Mittendorfer, Rosalie Thomass, Monika Gruber, Sigi Zimmerschied, Cleo Kretschmer
Laufzeit: 95 Minuten
Kinostart: 27.10.2011
Verleih: Universum

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Beschissen wäre angegeben“, so beschreibt Waltraud (Gisela Schneeberger) die desolate Wirtschaftslage ihres Tante Emma-Ladens. Nicht nur im kleinen Dorf, im ganzen bayrischen Wald sieht es dramatisch aus: „Jedes dritte Geschäft im Einzelhandel steht kurz vor der Schließung“ melden die Nachrichten im Radio. Als die örtliche Glashütte dichtgemacht wird, fehlt der Region ihr größter Arbeitgeber – und Waltraud die Kundschaft. Aus holländischem Dosengemüse werden kurzerhand „Junge Erbsen aus der Region“ gemacht, doch der verzweifelte Werbeversuch hilft wenig. Andere gut gemeinte Versuche scheitern gleichfalls: „Für alle, deren Existenz von der Schließung betroffen ist“ betet der Pfarrer – „Christus erbarme dich“ antwortet die gottesfürchtige Gemeinde. Doch weder der Allmächtige, noch die fast allmächtige Bayern-Bank erbarmen sich.

Wenn Waltraud und Maria (Bettina Mittendorfer) in vier Wochen ihren Kredit nicht zurückzahlen, sind sie den Laden los und Lena (Rosalie Thomass) ohne Job. Doch dann haben die Damen eine zündende Idee: Telefonsex. „3 Stunden gibt 900 Euro am Tag“ rechnet Maria freudig das neue Geschäftsmodell vor. Für das erotische Expertenwissen sorgt die Lektüre der „Geschichte der O“ sowie ein Besuch im Regensburger Sexshop. Die anfängliche Schüchternheit („Was sagt man da so?“) und moralischen Bedenken sind schnell überwunden. Bald brummt der Stöhn-Betrieb mit „Maja“, „Sarah“ und „Lolita“. Die flächendeckende Flugblattwerbung („Bayrisch. Rustikal. Direkt“) sorgt im erzkatholischen Dorf jedoch für Zündstoff – schließlich hofft die prüde Gemeinde auf die Ansiedlung eines neuen Priesterseminars. Die Bürgermeistergattin kommt den Hotline-Betreiberinnen auf die Schliche. Doch so leicht wollen die Damen sich ihr schlüpfriges Geschäft nicht streitig machen lassen.

Erfolgsautorin Andrea Sixt hat ein gutes Händchen für ihre Figuren, auch die Umsetzung des eigenen Romans für die Leinwand gelingt mit unverkrampfter Leichtigkeit. Gewohnt lässig, mit gekonntem Timing und viel Gespür für Situationskomik inszeniert „Friendship“-Regisseur Markus Goller das „Lust“-Spiel. Beim pflegebedürftigen, pornosüchtigen Opa gerät die Sache zwar ein wenig zur „Klimbim“-Klamotte, dafür überzeugen die Akteure umso mehr. Comedy-Urgestein Gisela Schneeberger, die langjährige Partnerin und Entdeckerin (!) von Gerhard Polt, könnte mit ihrem schnippischen Charme ohnehin jedes Telefonbuch unterhaltsam vorlesen. Rosalie Thomass, die einst schon die junge Hannelore Kohl gespielt hat und in drei Rosenmüller-Filmen auftrat, brilliert als strenggläubige, in Dauerversuchung verführte Unschuld vom Land. Das Wiedersehen mit Sigi Zimmerschied und Cleo Kretschmer macht Vergnügen, derweil Newcomer Matthias Ransberger als rustikaler Frauenschwarm Willy überzeugt.

Dass jenseits des Weißwurst-Äquators vielleicht nicht unbedingt jedes Idiom der Eingeborenen völlig verstanden wird, ist halb so wild: schon Karl Valentin konnte schließlich alles, außer Hochdeutsch.

Dieter Oßwald

Der (fiktive) Ort Marienzell irgendwo in Niederbayern oder in der Oberpfalz. Die in der Nähe liegende Glashütte musste wegen der zu starken ausländischen Konkurrenz schließen. Die Männer sind arbeitslos. Nur der Pfarrer kann in der Kirche noch für sie beten.

Auch der Gemischtwarenladen von Maria Brandner läuft schlecht. Die Ortsbewohner, allen voran die Bürgermeistersgattin Gerti Oberbauer, kaufen „beim Aldi“ ein. Geht das so weiter, muss Maria schließen und ihre beiden Kolleginnen Waltraud und Lena entlassen. Denn auch die Bank will keinen Kredit mehr garantieren.

Etwas muss geschehen. Mehr oder minder durch Zufall kommen Waltraud, Maria und Lena auf die Idee, dass doch mit Telefonsex Geld zu verdienen wäre und die Schulden abbezahlt werden könnten. Sie beschaffen sich Material in einem Regensburger Sexshop, stellen frivole Ausdrücke zusammen, lernen stöhnen – und los geht’s. Die ersten Antworten auf sofortige Anrufe hören sich noch etwas lernfähig an, aber dann werden, meist während der Arbeit im Laden, Ächzer losgelassen, ordinäre Worte ins Telefon gesäuselt, die Männer heiß gemacht. Kein Wunder, dass natürlich auch Marienzeller dabei sind, möglicherweise sogar ein Geistlicher. Wenigstens betet und beichtet Lena regelmäßig.

Die Gattin des Ortsbürgermeisters kommt den Telefonsexlerinnen auf die Spur, der Skandal ist da, der Auftrag, neue Kirchenfenster für den Regensburger Dom zu schaffen, ist womöglich verloren.

Und dann geht doch alles noch glimpflich aus.

Eine Art Bauernschwank, aber auf beachtlichem Niveau. Gesprochen wird „bayrisch“, Wort- und Situationswitz fehlen in der skurrilen Handlung nie. Der Film stützt sich auf den gleichnamigen Roman von Andrea Sixt, die auch das Drehbuch verfasste. Markus Goller führte flüssig Regie, besonders lebhaft und gut ist der Schnitt. Ein lustiges pseudoordinäres Vergnügen.

Dazu tragen vor allem auch die drei Hauptdarstellerinnen Gisela Schneeberger (Waltraud), Bettina Mittendorfer (Maria) und Rosalie Thomass (Lena) bei. Daran, dass die Schneeberger wie immer top ist, brauchte niemand je zu zweifeln, aber dass Bettina Mittendorfer derart köstlich spielt, ist schon so etwas wie eine Entdeckung. Ebenfalls bemerkenswert Rosalie Thomass. Die Kabarettistin Monika Gruber als Frau Bürgermeister chargiert leicht.

Alles in allem relativ vergnügliche 96 Minuten.

Thomas Engel