Eine Geschichte von drei Schwestern

Die wilden Berge Anatoliens bilden die Kulisse für ein Familiendrama. Emin Alpers dritter Film bietet kunstvoll komponierte, meist ruhige Bilder, in denen Poesie und Realismus zueinander finden, und erzählt die Geschichte von drei jungen Frauen, die sich nicht mit ihrem vorherbestimmten Schicksal abfinden wollen.

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Originaltitel: Kız Kardeşler – A Tale of three Sisters
Türkei/Deutschland/Niederlande/Griechenland 2019
Regie und Drehbuch: Emin Alper
Darsteller: Cemre Ebüzziya, Ece Yüksel, Helin Kandemir, Kayhan Açıkgöz, Müfit Kayacan, Kubilay Tunçer
Länge: 108 Minuten
Originalfassung: türkisch mit deutschen Untertiteln, deutsche Synchronfassung
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 2. April 2020

FESTIVALS/AUSZEICHNUNGEN:

2019 Istanbul International Film Festival: Bester Film, Beste Regie, Beste Schauspielerin (Ensemble), Beste Musik, FIPRESCIPrize

2019 Sarajevo Film Festival: Heart of Sarajevo für die Beste Regie, CICAE Art Cinema Award


FILMKRITIK:

Am Beginn steht eine Autofahrt. Ein Mädchen weint stumm auf dem Rücksitz, während der Wagen immer weiter in die Bergregion hinein fährt, um schließlich ein winziges Dörflein zu erreichen. Havva, die jüngste Tochter von Şevket, dem verwitweten Vater der Schwestern, wird zu ihrer Familie zurückgeschickt, weil der kleine Junge, den sie betreut hat, gestorben ist. Auch ihre Schwester Reyhan ist mittlerweile wieder im Elternhaus gelandet, nachdem sie in der Stadt schwanger geworden war. Sie wurde mit dem einfältigen Viehhirten Veysel verheiratet, der mit Reyhan und dem kleinen Sohn ebenfalls in Şevkets Hütte wohnt. Bald kommt die dritte Schwester ebenfalls wieder nach Hause: Nurhan ist krank, aber auch sie hat ihre Stellung verloren, und der eigentliche Grund für ihre Rückkehr ist ihre Aggressivität. Alle Drei träumen immer noch davon, in der Stadt zu leben. Dort waren sie so etwas wie Kindermädchen. Im Gegenzug bekamen sie Kost und Logis. Jedenfalls ging es ihnen besser als in der Ödnis ihres Dorfes. Dass ihr Vater sie gehen ließ, beruht weniger auf seinem Verständnis für die Bedürfnisse der Mädchen als auf Pragmatismus und Sparsamkeit. Er lebt unter sehr einfachen Bedingungen in einer halb verfallenen Kate, die viel zu wenig Platz für alle bietet. Im Dorf gibt es keine Arbeit, die benachbarte Kohlemine ist längst stillgelegt, und alle jungen Leute sind längst abgewandert. Das Leben ist eher trist als beschaulich, aber für die Mädchen gibt es im Haus des Vaters immer etwas zu tun, und langsam raufen sie sich wieder zusammen. Der nahende Winter bringt jedoch nicht nur Schnee und Kälte, sondern es droht Unheil aus einer unerwarteten Richtung …

Die wunderbar durchkomponierten Bilder der kargen Gebirgslandschaft stehen im krassen Gegensatz zu der wenig romantischen Stimmung im Dörfchen, das von den wenigen übrig gebliebenen Männern regiert und bestimmt wird, die beinahe ständig zusammenhocken, tagsüber und abends am Lagerfeuer beim gemeinsamen Trinken. In dieser einsamen Bergregion, ohne (sichtbares) Telefon, ohne Computer, Internet und Fernsehen, fällt es schwer, die Handlung zeitlich zu verorten – sie könnte heute, aber auch vor 20 Jahren spielen. Lediglich die Autos, die gelegentlich den Weg in die Berge finden, bieten einen Hinweis auf die Gegenwart. Die Menschen hier haben tatsächlich nur das Gespräch miteinander, um sich die Zeit zu vertreiben und sich zu informieren. Daraus entwickelt sich eine merkwürdige Art der selbstverständlichen Kommunikation. Das Gespräch ist Normalität, nicht Ereignis. Wenn der Vater seinen Töchtern eine seiner Storys erzählt, wenn sich die Alten am Feuer versammeln oder die Mädchen beim Zubereiten von Ayran, dann wird gesprochen. Da gibt die große Schwester der jüngeren Aufklärungsunterricht, oder der tapsige Veysel macht sich bei den Männern unbeliebt, weil er uneingeladen in ihr Treffen platzt. Diese Gespräche unterstützen stark die Atmosphäre des Films, der manchmal eine beinahe mittelalterlich anmutende Zeremonialität hat, die durch die Darstellung von alltäglichen Handlungen noch unterstützt wird: das Ayran-Fass, das geschwenkt werden muss, die große Wäsche im Freien. Trotz der nach außen getragenen, scheinbaren Harmonie durch die Bereitschaft und Notwendigkeit, miteinander zu reden, gelten doch die strengen Rituale der patriarchalischen Dorfgemeinschaft. Der Arzt aus der Stadt, der den drei Schwestern den Job verschafft hat, steht dabei ganz oben, danach kommt der Dorfvorsteher. Die einzige Person, die sich offen widersetzt, ist eine ältere Frau, die zwischendurch immer mal wieder Purzelbäume schlägt. Sie scheint sich daran zu berauschen. Ein paar Purzelbäume, und sie genießt den Schwindel, der dann eintritt, wie einen Schwips. Ganz offensichtlich ist das ihre kleine Flucht aus dem Alltag. Sie wird ihre Gründe dafür haben.

Emin Alper zeigt zuerst etwas und erklärt es dann später, oder auch nicht. Mit einigem Geschick kombiniert er seine zuweilen poetischen Bilder, die an Alltagsszenen niederländischer Renaissancemaler erinnern, mit einer relativ realistischen Handlung, deren Einzelheiten sich erst im Verlauf erschließen, und mit verschiedenen, irritierenden Brüchen – siehe die Purzelbaum schlagende Frau. Vieles wirkt dabei theatralisch, und manchmal erinnert der Film an eine Moritat – eine schaurig schöne Geschichte, die mit einer gewissen Distanz vorgetragen wird. Eine merkwürdig traurige, fatalistische Stimmung liegt dann über dem Film. Emin Alpers Bilder haben nichts Romantisches oder Verklärendes, eher sind sie geheimnisvoll und scheinen dabei einige Symbolkraft zu entwickeln, so eine Szene, die Skorpione in Großaufnahme zeigt. Vielleicht ein Sinnbild für die Kraft der Natur, zu der auch das Gift gehört. Es kann jederzeit den Tod bringen.

Gaby Sikorski