Eisheimat

Im Jahr 1949 verlassen 238 junge Frauen ihre norddeutsche Heimat, schiffen sich nach Island ein und brechen auf in ein neues Leben. Ihre Geschichte ist bis heute weitgehend unbekannt geblieben. Die Regisseurin Heike Fink suchte sechs dieser heute weit über 80-jährigen Frauen auf und ließ sie von ihrem Leben erzählen. So entsteht ein vielschichtiges Bild einzigartiger Schicksale, vom Deutschsein in der Fremde, von Fremdheit, Entwurzelung genauso wie von neu gefundenem Glück.

Webseite: www.eisheimat.de

Deutschland 2012
Buch und Regie: Heike Fink
Produzentin: Juliana Thevissen
Kamera: Birgit Gudjonsdottir und Marcel Reategui
Länge: 84 Minuten
Verleih: Mindjazz Pictures
Kinostart: 5. Dezember 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

1949: In einer Lübecker Tageszeitung erscheint eine Annonce, die das Leben von mehr als 200 jungen Frauen entscheidend verändern wird. Island sucht Landarbeiterinnen – und wohl auch, aber das steht nicht in der Annonce, Ehefrauen für seine alleinstehenden Bauern. Aníta und viele andere arbeitslose, ungewollte, perspektivlose Frauen melden sich. Sie verlassen Deutschland noch vor dem Wirtschaftswunder und gehen auf eine Reise ins Ungewisse. In Island erwartet sie harte Arbeit auf Höfen, die zum Teil kilometerweit von der nächsten Siedlung entfernt liegen. Nicht alle empfangen die Deutschen mit offenen Armen, aber größtenteils werden die Isländer ihrem Ruf gerecht, offen und gastfreundlich zu sein. Die Lebensläufe der Frauen entwicklen sich völlig unterschiedlich. Ob sie das Glück für sich finden, ist vor allem abhängig von dem Mann, den sie heiraten. Eines aber eint sie: Das Gefühl, zwar in Island angekommen, aber doch heimatlos zu sein. Und eine unbestimme Sehnsucht nach Deutschland begleitet sie bis ins hohe Alter.

Mit diesem Thema steigt Heike Fink gleich sehr emotional in ihren Film ein. Nicht wenigen Frauen versagt die Stimme, wenn sie über ihre Sehnsucht nach Deutschland sprechen, vielen laufen Tränen über die Wangen. Sie fühle sich sehr wohl in Island, sei aber Zeit ihres Lebens Deutsche geblieben, berichtet eine von ihnen. Anstatt den aufgeklärten Bundesrepublikaner zu befremden, rühren diese Szenen. „Eisheimat“ ist ein Film über Island, aber viel mehr noch ein Film über das Leben in der Fremde und eine Heimat jenseits aller Deutschtümelei. Damit setzt Heike Finke einen melancholischen Ton, denn es wird auch klar: Die Heimat, von der diese Frauen sprechen, ist ein unbestimmtes, sehnendes Gefühl im Herzen und hat wenig mit dem wirklichen Deutschland von heute zu tun. Denn viele von ihnen leben seit über 60 Jahren in Island.

Heike Finke gibt ihrem Langfilm-Debüt eine sehr einfache Struktur: Interview-Szenen wechseln sich ab mit herrlichen Landschaftsaufnahmen von Island. Sehr selten nur begleitet sie ihre Heldinnen an Stätten ihrer Geschichte oder in ihrem Alltag. Meist sitzen sie einfach nur da und erzählen. Eine sehr kluge Entscheidung. Denn so stehen ihre Berichte völlig im Mittelpunkt des Films. So werden gelebte Leben ausgebreitet. Was da zum Vorschein kommt, ist zum Teil zutiefst bewegend. Vor allem im familiären Bereich spielten sich viele Dramen ab, die typisch waren nicht für Island, sondern für eine Zeit, in der noch ein unangefochtenes Patriarchat herrschte. Die Männer kommen bis auf wenige Ausnahmen nicht gut weg in diesem Film. Und „Eisheimat“ bekommt über das Thema Migration hinaus einen Resonanzboden, der ins Heute weist. Man spürt förmlich, wie die Frauen ihre Interviews als letzte Chande begreifen, aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen zu berichten. Sie legen Rechenschaft ab. „Eisheimat“ bekommt so große Konzentration und Dringlichkeit und wird zu einer Reflektion über das Frausein und die Bedingungen des Glücks.

Oliver Kaever