El Club

Bereits mit seinem Polit-Drama "No" (2012) über die  Pinochet-Diktatur in seiner chilenischen Heimat wurde Regisseur Pablo Larraín für den besten nicht-englischsprachigen Film Oscar-nominiert. Selbiges könnte ihm nun mit seinem neuesten Film gelingen, dem verstörenden Drama "El Club", der die unzeitgemäßen, verstaubt-konservativen Ansichten und Weltanschauungen der katholischen Kirche ebenso thematisiert wie er deren schlampigen Umgang bei der Aufarbeitung der kircheninternen Missbrauchsfälle kritisiert. "El Club" findet dafür drastische, teils beängstigende Bilder und Stimmungen, aber die braucht es auch, um Gehör und Aufmerksamkeit zu finden. Ein wuchtiges Drama von immenser emotionaler Brutalität.

Webseite: www.pifflmedien.de

Chile 2015
Regie: Pablo Larraín
Drehbuch: Guillermo Calderón, Daniel Villalobos
Darsteller: Roberto Farias, Antonia Zegers, Alfredo Castro,
Alejandro Goic, Jaime Vadell
Länge: 97 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 05. November 2015
 

FILMKRITIK:

In einer Art WG unter Aufsicht der Ordensschwester Mónica (Antonia Zegers) leben einige ehemalige Priester (u.a. Alfredo Castro, Jaime Vadell)  gemeinsam an der Nordküste Chiles unter einem Dach. Gemein ist den früheren Geistlichen, dass sie – aus Sicht der katholischen Kirche – allesamt Schuld auf sich geladen haben und nun quasi dafür Buße tun müssen durch ein Leben der Enthaltsamkeit und in Abgeschiedenheit. Unruhe kehrt in die Geistlichen-WG ein, als ein neuer Bewohner in das Haus einzieht und sich am selben Tag noch das Leben nimmt. Um den mysteriösen Vorfall aufzuklären und einen öffentlichen Skandal zu verhindern, schickt die katholische Kirche einen Abgesandten (Marcelo Alonso) in den abgelegen Küstenort. Auf der Suche nach den Hintergründen der Tat offenbaren sich schließlich auch die "Sünden" und unterdrückten Gefühle der übrigen Bewohner, die zu ihrer Exkommunikation führten.

Für Aufsehen sorgte der chilenische Regisseur und Drehbuchautor Pablo Larraín 2012 mit seinem Polit-Drama "No" über das Unrechtsregime von Augusto Pinochet. "No" war das erste chilenische Werk überhaupt, das für den Oscar als bester fremdsprachiger Film ins Rennen ging. Gute Chancen auf Selbiges hat nun auch "El Club", das neue, beklemmende Drama von Larraín, das hart mit der katholischen Kirche, der Scheinheiligkeit des von ihr gepredigten Katholizismus und der mangelhaften Aufklärung der Missbrauchsfälle in den letzten Jahren ins Gericht geht. Bei der diesjährigen Berlinale wurde "El Club" mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.

"El Club" ist ein trostloser, bedrückender und emotional brutaler Film, der der katholischen Kirche den moralischen Spiegel vorhält und sie zwingt, sich selber, ihre Ansichten und fragwürdigen Methoden bei der Aufarbeitung von Verbrechen in ihren Reihen, zu hinterfragen. Die beklemmende, triste Stimmung des Films geht zu weiten Teilen alleine schon auf die düstere Bildsprache und die karge Inszenierung zurück. Große Teile der Handlung spielen sich in dämmrigen Abend- oder Morgenstunden ab, nebelverhangene, unscharfe und bläulich-trübe Bilder sowie das weitgehende Fehlen von Sonnenlicht passen sich der schauerlich-unheimlichen Vorgänge an.

Ein erster gewaltiger Schock widerfährt sowohl die Männer der Priester-WG als auch den Zuschauer, als sich der neueste Bewohner unvermittelt in den Kopf schießt. Diesem Vorfall geht eine Szene voraus, die zu den unerbittlichsten des gesamten Films zählt und doch nur das vorwegnimmt, was an emotionaler Kompromisslosigkeit und Härte in den nächsten 80 Minuten noch folgen wird: vor dem Haus der Priester findet sich ein ehemaliges Opfer des neuesten Bewohners ein, der lautstark und in aller Deutlichkeit ausspricht, oder besser, herausschreit, was dieser ihm in der Jugend in einem Heim Unmenschliches antat. Dieser Fremde tritt im Film künftig immer wieder auf und konfrontiert die übrigen Bewohner mit ihren eigenen unterdrückten Neigungen, Wünschen und Sehnsüchten.

In der Vergangenheit der Bewohner wühlt daraufhin der unerbittliche, unnahbare Psychologe und Kirchen-Abgesandte (herausragend unterkühlt verkörpert von Marcelo Alonso). Nach und nach werden die sogenannten "Verbrechen" der ehemaligen Priester deutlich, weshalb die Kirche sie in diese Abgeschiedenheit entsandte, in dieses trostlose Gefängnis am Meer. Am Ende steht fest: nicht die übrigen Bewohner haben Verbrechen begangen (abgesehen von dem Priester, der sich selbst richtete), sondern die verkrustete Institution Kirche selbst, die Homosexualität verteufelt bzw. als unverzeihbare Sünde ansieht und anstelle von Aufklärung der Straftaten in ihren Reihen eher an Verschleierung, Verschwiegenheit und einem sauberen Image interessiert  ist. Dieses ist jedoch längst dahin, worauf Regisseur Larraín nachhaltig verweist und dafür heftige aber notwendige Bilder findet.

Björn Schneider