Electroboy

"Ein Leben wie ein Roman" ist eine dieser journalistischen Phrasen, die viel gebraucht werden und selten zutreffen. Außer man hat es mit einem Menschen wie Florian Burkhardt zu tun: Model, Selbstdarsteller, psychisch Gestörter und nun Subjekt von Marcel Gislers Dokumentation "Electroboy." Weniger ein Porträt als eine vorsichtige Annäherung an einen schwierigen Charakter, für den Gisler mit dem Schweizer Filmpreis für die Beste Dokumentation ausgezeichnet wurde.

Webseite: www.electroboy.de

Dokumentation
Schweiz 2014
Regie: Marcel Gisler
Länge: 113 Minuten
Verleih: dé-jàvu Film
Kinostart: 26. November 2015

AUSZEICHNUNGEN:

Schweizer Filmpreis: Bester Dokumentarfilm und beste Montage (Schnitt)

Zürcher Filmpreis

Publikumspreis des DOK.fest München

PRESSESTIMMEN:

Eine faszinierende Dokumentation über ein wundersames Leben zwischen Selbsterfindung und Selbstfindung.
NZZ

Ehrlich, authentisch und schonungslos.
Bayerischer Rundfunk – KINO KINO

FILMKRITIK:

Eigentlich wollte die Produktionsfirma von "Electroboy" einen Spielfilm über den vor allem in seiner Schweizer Heimat bekannten, nun aber in Berlin lebenden Florian Burkhardt drehen. Durchaus passend, denn die Lebensgeschichte, die Marcel Gisler in seiner Dokumentation nachzeichnet, mutet oft wie erfunden an, wie ein Roman oder ein überdrehter Hollywoodfilm. Hollywood ist auch das Stichwort, denn dort, in der Traumfabrik, im Land der Schönen und Reichen und der schillernden Oberfläche begann das eigentlich Leben Florian Burkhardts.
 
Zu diesem Zeitpunkt war er schon 21 Jahre alt, hatte seine Ausbildung zum Lehrer abgeschlossen und stand vor einer ganz normalen, ganz bürgerlichen Karriere. Doch Burkhardt wollte mehr, wollte aus der Schweizer Idylle, die ihm wohl ein Gefängnis war, ausbrechen und erfand sich neu: Zusammen mit seinem Freund imaginierte er einen Lebenslauf, der in Verbindung mit seiner schillernden Persönlichkeit, seiner androgynen Attraktivität ausreichte, um in Hollywood einen Agenten zu bekommen. Für eine Schauspielerkarriere reichte es zwar nicht, aber als Model und Coverboy wurde Burkhardt erfolgreich und begehrt, was wohl – auch wenn der Film von diesem Teil seines Lebens kaum etwas erzählt – zu exzessiven Partys und Drogenkonsum geführt haben dürfte.
 
Wirkt dieser Teil von Burkhardts Biographie noch verführerisch, ändert sich der Ton bald dramatisch: Eine Angststörung wird diagnostiziert, Burkhardt lässt sich selbst in psychiatrische Behandlung einweisen, lebt zeitweise Jahre in fast völliger Isolation und zieht schließlich nach Berlin, wo er Electropartys organisiert und ein wenig Stabilität findet.
 
Das Zentrum von "Electroboy" ist ein langes Interview, das Gisler mit Burkhardt geführt hat und das zunehmend einer Therapiesitzung dient. Denn Burkhardt ist keineswegs ein unreflektierter Gesprächspartner, sondern hat im Lauf der Jahre augenscheinlich viel, vielleicht auch zu viel, über sich, sein Leben und nicht zuletzt das Verhältnis zu seinen Eltern nachgedacht. Auch diese kommen ausführlich zu Wort, konterkarieren Burkhardts Aussagen, bestätigen sie zum Teil und lassen das Bild einer im Kern konservativen Familie entstehen, aus der der Filius ausbrechen wollte.
 
Dass sein Ziel Hollywood war, sein Weg eine Geschichte im Stile Felix Krulls, lässt an einen anderen Schweizer denken, den Journalisten Tom Kummer. Der fabrizierte einst in Hollywood fiktive Interviews, die in der deutschen Presse reißenden Absatz fanden, nutzte auf seine Weise die Faszination Hollywoods ebenso aus wie es Burkhardt tat. Vielfältige psychologische Lesarten würden sich hier anbieten, doch zum Glück entzieht sich Gisler dieser Versuchung. Statt dessen lässt er Burkhardt erzählen, ergänzt dessen Sicht auf sein Leben mit zusätzlichen Interviews und einigen wenigen Archivaufnahmen und Fotos und lässt so das Bild einer komplexen Person entstehen, die lange Jahre nach ihrer Identität gesucht hat und sie – vielleicht – inzwischen gefunden hat.
 
Michael Meyns