Elektrokohle – Von wegen

Am 21. Dezember 1989 (zufälligerweise auch der Geburtstag von Stalin) spielten die Einstürzenden Neubauten ihr erstes Konzert in Ostberlin. 20 Jahre später sucht Uli M. Schueppel mit damaligen Besuchern den Schauplatz des Konzertes erneut auf und verknüpft diese Erinnerungen mit Originalaufnahmen von 1989. Das Ergebnis ist ein spannender Blick in die Vergangenheit, auf eine Stadt, die ihr Gesicht in 20 Jahren komplett verändert hat.

Webseite: neuevisionen.de

Deutschland 2009 – Dokumentation
Regie und Buch: Uli M. Schueppel
Kamera: Cornelius Plache, Uli M. Schueppel
Schnitt: Ernst Carias
Musik: Einstürzende Neubauten
Mit Blixa Bargeld, Alexander Hacke, FM Einheit, Mark Chung, Andrew Unruh, Heiner Müller, Jack Lang
91 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 28. Mai 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ende 1989, kurz nach dem Fall der Mauer, war Berlin eine Stadt im Ausnahmezustand. Der eiserne Vorhang war gefallen, die DDR aber noch nicht Geschichte. Es gab Reisefreiheit, aber doch noch strenge Passkontrollen. Die zwei Berlins waren nicht mehr getrennt und doch noch nicht vereint. In dieser Stimmung machten sich die Einstürzenden Neubauten am Morgen des 21. Dezembers auf den Weg in den Osten der Stadt, um ein Konzert zu geben. 1980 gegründet, hatten sich die Einstürzenden Neubauten mit ihrem harten, experimentellen Klang zum Inbegriff der roh anmutenden Kultur der „Frontstadt“ West-Berlin entwickelt. Auf Bootlegs, von Hand kopierten Kassetten, kursierten ihre Platten auch im Osten der Stadt, oft gehört von Gegnern des Regimes, Individualisten, Außenseitern. Sie alle trafen sich am Abend des 21. Dezember 1989 im VEB Elektro-Kohle, ironischerweise im Wilhelm-Pieck-Saal (benannt nach dem Arbeiterführer und erstem Präsidenten der DDR), um einem legendären Ereignis beizuwohnen.

Einige dieser Menschen hat Uli M. Schueppel 20 Jahre nach dem Konzert aufgetrieben, lässt sie von damals erzählen, ihrem täglichen Leben, ihrem Blick auf das System und begleitet sie einzeln auf dem Weg von ihrem damaligem zuhause zum Konzertsaal in Lichtenberg. Die Mitglieder der Einstürzenden Neubauten dagegen – mit denen Schueppel befreundet war und sie 1989, als er in Berlin Film studierte, mit seiner Kamera zu dem Konzert begleitete – tauchen konsequent nur in den Rückblenden auf. Durch diese Entscheidung wird „Elektrokohle“ zu mehr als einem nostalgischen Rückblick auf vergangene Zeiten, zu einer Beschreibung einer veränderten Stadt. Im Wechsel der alten und neuen Aufnahmen zeigt sich der enorme Umbruch, den Berlin in kaum 20 Jahren erlebt hat, der Wandel von ramponierten, verfallenen Straßenzügen zu sanierten Häuserzeilen, Modernisierung in allen Facetten, aber auch dem Zerfall. Das riesige Gelände der VEB Elektrokohle ist in weiten Teilen eine Ruine, nur am Rand haben sich ein paar Geschäfte eingenistet, ein Nagelstudio und ein vietnamesischer Laden. Der hat mit seinem Lager ausgerechnet den Wilhelm-Pieck-Saal in Beschlag genommen. Die alten, piefigen 50er-Jahre-Lampen und Wandverkleidungen sind noch zu erkennen, selbst die Treppe zur Umkleidekabine ist noch zu sehen, ansonsten ist vom einstigen Prunksaal nichts geblieben.

Dieser nachdenkliche Blick auf das Vergangene, den Umgang mit der Geschichte und der Erinnerungskultur ist das Zentrum des Films, das manches mal Gefahr läuft, von der schieren Absurdität der Aufnahmen von 1989 überschattet zu werden. Wie auf einem Schulausflug gerieren sich die Mitglieder der Neubauten, albern herum, amüsieren sich über die zahllosen Formulare, die es an der Grenze auszufüllen gilt und suchen mit ihrem klapperigen Bus den richtigen Weg: Über die Leninallee in die Ho-Chi-Minh-Straße, so hieß das damals im Osten. Der Höhepunkt ist dann erreicht, wenn Renate Zimmer, zu der damaligen Zeit persönliche Assistentin von Heiner Müller, davon erzählt, wie sie den Autor von einem offiziellen Termin abholte, um ihn zum Konzert zu fahren. Müller war Gast bei einem Essen für Francois Mitterand, der als erster westlicher Staatsmann nach der Wende zu Besuch war. Als Müller ging, wurde er von Jack Lang, dem damaligen französischen Kulturminster begleitet, dazu noch einige andere Minister. Mit dicken Limousinen fuhr man ins tiefste Ostberlin und tauchte in der Umkleidekabine der Neubauten auf, zu einer Art ost/west deutsch-französischen Kulturtreffen.

Dass sind tolle Aufnahmen, die allein für einen Film gereicht hätten. Doch es ist Schuppels Stärke, dass er sich nicht allein auf das offensichtlich amüsante, das Namedropping verlassen hat, sondern eine zweite Ebene eingebaut hat, die „Elektrokohle“ erst die Qualität gibt, die ihn so sehenswert macht.

Michael Meyns

 

20 Jahre ist der Mauerfall nun her, Möglichkeit, eine kurze Zwischenbilanz zu ziehen. Uli M. Schueppel hat das in einem Dokumentarfilm auf seine Art getan.

21. Dezember 1989. Die Band „Einstürzende Neubauten“, seinerzeit en vogue, gab im Ostberliner Kulturhaus der VEB Elektrokohle ein Konzert, etwas, was vor dem 9. November 1989 als unmöglich galt. Viele Konzertbesucher von damals und natürlich auch die Musiker erinnern sich, wie das war. Dokumente aus jener Zeit und heutige Filmszenen werden in stetigem Wechsel gezeigt.

Überall Ungewissheit und Beklemmung über das, was politisch geschehen war und das, was kommen sollte – das spürt man aus Schueppels Film gut heraus. Denn die DDR bestand ja noch. Die Stasi war keineswegs zerschlagen. Es gab noch strenge Grenzkontrollen.

Doch das Freiheitsgefühl war stark geworden. Die Bürger der DDR begriffen beispielsweise, in welchem Luxus im Gegensatz zu ihnen, die an vielem Not gelitten hatten, die Parteibonzen in Wandlitz gelebt hatten. Man fing an, die Stasi-Lager zu besetzen. Es gab Protestdemonstrationen für die Befreiung Rumäniens vom Kommunismus, denn dort herrschte noch Ceausescu.

Eine aufregende, „elektrisierende“ Zeit. Auflösungserscheinungen – auch Selbstmordgedanken bei jenen, die ihren Mitbürgern Schändliches angetan hatten.

Von Wiedervereinigung war noch nicht im Geringsten die Rede. Viele wollten, nach alledem, was schief gegangen war, einfach abwarten, sich Zeit lassen, die DDR verändern und erneuern, vielleicht einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ schaffen, wie er 1968 in der damaligen CSSR unter Dubcek versucht worden war.

Die Zeitzeugen machen anschaulich, was sich seit damals geändert hat, was aus dem „Mythos DDR“ wurde. Das ganze ein Schlaglicht auf einen dramatischen Moment im Leben Deutschlands.

Die Konzertvorbereitungen – zum Teil noch mit Polizeipräsenz. Dann die ironische Einführung durch den Schriftsteller Heiner Müller. Und zum Schluss das Konzert mit seinen aufrührerisch-poetischen Songtexten.

Etwas für Interessierte.

Thomas Engel