Loewenkaefig

Hätte Hollywood diesen Film über Mütter mit Kindern in einem Frauengefängnis gedreht, die Rolle der Hauptprotagonistin Julia wäre Mehrfachmutter Angelina Jolie auf den Leib geschrieben gewesen. Doch „Löwenkäfig“ ist eine argentinische Produktion, weshalb eben auch eine Schauspielerin aus Buenos Aires vor der Kamera hinter Gitter durfte. Mit ihrer eindrücklichen Darstellung wurde die der Jolie frappierend ähnlich sehende Martina Gusman auf Festivals mit einigen Preisen bedacht. „Löwenkäfig“ war zudem der argentinische Vorschlag für den Oscar als bester fremdsprachiger Film 2009.

Webseite: mfa-film.de

Originaltitel: Leonera
Argentinien, Südkorea, Brasilien 2008
Regie: Pablo Trapero
Darsteller: Martina Gusman, Elli Medeiros, Rodrigo Santoro, Laura Garcia, Leonardo Sauma
113 Minuten
Verleih: MFA
Kinostart: 4.6.2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

In seiner Heimat zählt Pablo Trapero („Familia Rodante – Argentinisch reisen“, 2004) zu den Vertretern eines neuen, realistischen Kinos. In seinem aktuellen Drama „Löwenkäfig“ interessiert er sich aber nicht nur für die Situation in Frauengefängnissen, sondern vor allem, wie es um die unschuldigen Kinder steht, die hier zum Teil sogar erst geboren wurden und zusammen mit ihren Müttern eingeschlossen sind. Den in einem eigenen Trakt untergebrachten Müttern sind sie einerseits psychischer Halt während ihrer Haft. Die Entwicklung der Sprösslinge aber leidet, ein Leben in Freiheit bleibt ihnen zumindest bis zum Alter von vier Jahren verwehrt. In Argentinien zumindest ist dies das Höchstalter, bis zu dem sie bei ihren Müttern bleiben dürfen.

Die Frage, ob Julia (Martina Gusman) eine Schuld an der in der Anfangsszene des Films gezeigten Bluttat trägt, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Sie macht aber insofern Sinn, als in der Klärung der Ereignisse jener tragischen Nacht Einblicke auf die psychische Verfassung der jungen, aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Studentin gegeben werden. Trapero lässt aber offen, ob Julia nun Täterin oder selbst nur Opfer ist.

Mit einem subjektiven, ja stellenweise äußerst intimen Blick beschreibt der oftmals dokumentarisch wirkende und immer wieder klaustrophobische Stimmungen erzeugende Film, wie Julia zunächst wütend über ihre Schwangerschaft ist. Erst durch die Unterstützung einer solidarisch eingestellten Mitgefangenen ist sie mehr und mehr bereit, sich auf ihren Sohn Tomas einzulassen. Als ihre eigene Mutter den Enkel zu dessen eigenem Wohl zu sich holen möchte, will Julia dies partout nicht akzeptieren.

„Löwenkäfig“ schildert neben diesem sehr persönlichen Schicksal auch die Zustände und Rahmenbedingungen innerhalb des Frauengefängnisses. Aggressionen zwischen den Inhaftierten der normalen Abteilung und den in eher Kinderzimmern ähnelnden Zellen lebenden Müttern stehen da ebenso auf der Tagesordnung wie Selbstmordversuche und Protestaktionen gegen die Haftbedingungen, ständige Leibesvisitationen und das Gefängnispersonal.

Ein leichtes Thema verhandelt „Löwenkäfig“ also nicht. Von Anfang bis Ende ist die Geschichte mehr von Verzweiflung und Enttäuschung denn von Hoffnung geprägt, herrscht eine bedrückende, manchmal gar bedrohliche Stimmung. Weglaufen aber geht nicht. Dank der intensiven darstellerischen Leistung von Martina Gusman erlebt man schließlich, wie Grenzen überwunden werden.

Thomas Volkmann

Mag sein, dass der Film auch so etwas wie eine Botschaft beabsichtigt, doch in erster Linie will er ganz einfach zeigen, was vor sich geht, und zwar in einem argentinischen Frauengefängnis.

Julia wacht auf. Sie ist voller Blut. Verstört begreift sie, was geschah: Ihre beiden Liebhaber, die zuvor voneinander nichts wussten, fochten einen mörderischen Kampf aus. Einer ist tot. Der zweite ist der Vater des Kindes, das Julia erwartet. Der, der am Leben geblieben ist, heißt Ramiro.

Julia wird verdächtigt, für eine Mörderin gehalten. Die Behörden fackeln nicht lange. Sofort kommt sie ins Gefängnis. Bis zum Gerichtsurteil wird unendlich viel Zeit vergehen.

Julia bringt ihren Sohn Tomas zur Welt. Der soll seine ersten vier Lebensjahre im Gefängnis verbringen. Traurige Aussichten für eine Kindheit.

Julia freundet sich mit Marta an. Die hat bereits einige Gefängniskinder und sich anscheinend mit dem Leben in der Haft arrangiert. Gut, dass Julia Marta hat. Andernfalls würde sie verzweifeln, durchdrehen.

Der Mutter Julias gelingt es, ihrer Tochter das Kind wegzunehmen. Sie hat zu ihr kein gutes Verhältnis, will angeblich nur erreichen, dass das Kind in Freiheit aufwächst. Julias Empörung ist grenzenlos.

Dazu kommt, dass Ramiro sich feige und feindlich verhält und alle Schuld auf Julia abwälzt. Das Gerichturteil ist entsprechend.

Gottlob hat Julia noch Marta. Mit ihrer Hilfe könnte ein sauberer Coup gelingen.

Vielleicht ist Julias Flucht nicht so ganz nachvollziehbar, was jedoch sonst geschildert wird, ist von realistischer, lebendiger, zum Teil traurig-schmerzlicher Echtheit. Das liegt u. a. daran, dass es dem Regisseur Pablo Trapero und seiner Frau Martina Gusman, die Mitproduzentin ist und die Hauptrolle spielt, gelang, in realen Haftanstalten mit echten Gefangenen als Mitschauspielern zu drehen. Das ergibt eine Unmittelbarkeit, die andernfalls nicht zu erreichen gewesen wäre. So ist ein Film entstanden, der mit seinen Themen Schicksal, Solidarität und Mutterliebe berühren kann.

Großartig spielt Martina Gusman die Julia. Bemerkenswert auch, wie Laura Garcia die Rolle der sympathischen Marta verkörpert.

In Argentinien werden nur sieben Prozent der Morde, die von Männern begangen werden, aus Leidenschaft verübt. Bei den Frauen sind 72 Prozent der Taten Verbrechen aus Leidenschaft.

Das schicksalhafte, drastische Leben in einem argentinischen Frauengefängnis.

Thomas Engel