Elternschule

Für ihren treffend betitelten Film „Elternschule“ begleiteten die versierten Dokumentarfilmer Jörg Adolph („Die große Passion“) und Ralf Bücheler („Die Formel Ost“) einige Familien während einer mehrwöchigen stationären Therapie in der psychosomatischen Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen. Dabei ist eine überraschend spannende Dokumentation entstanden, die nicht nur für (betroffene) Eltern interessant ist.

Webseite: www.elternschulefilm.de

Deutschland 2017
Regie & Buch: Jörg Adolph, Ralf Bücheler
Mitwirkende: Dietmar Langer
Laufzeit: 112 Min.
Verleih: Zorro/mindjazz pictures
Kinostart: 11. Oktober 2018

PRESSESTIMMEN:

ZDF: https://www.zdf.de/verbraucher/volle-kanne/dokumentarfilm-elternschule-100.html

WDR: https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westart/video-filmdoku-elternschule-das-geheimnis-guter-erziehung-100.html

DER SPIEGEL: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/job/doku-elternschule-ueber-ueberforderte-eltern-der-horror-des-alltags-a-1229953.html

EPD-FILM: https://www.epd-film.de/filmkritiken/elternschule

FILM-DIENST: https://www.filmdienst.de/film/details/562010/elternschule

DIE ZEIT: https://www.zeit.de/2018/41/dokumentarfilm-elternschule-erziehung-kinder-verunsicherung-regeln

Die Stellungnahme des Vorstands der DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR PSYCHIATRIE hier als PDF…

Der ERFAHRUNGSBERICHT EINES KINOMACHERS hier…

FILMKRITIK:

Sie heißen Anna, Felix, Joshua, Laura, Lucy, Mohammed, Zahra. Sie verweigern das Schlafen und das Essen, trinken literweise Milch, um sie direkt wieder zu erbrechen, sie beißen, toben, schreien, hauen, schubsen, sind apathisch, kratzen sich auf. Ein Junge streckt der Kamera intensiv die Zunge raus, zeigt den Mittelfinger und tut im nächsten Moment so, als sei nie was gewesen. Dass der Alltag mit verhaltensauffälligen Kindern kraftraubend bis unmöglich ist, liegt auf der Hand. Die Mechanismen aufzubrechen, die dazu geführt haben, ist jedoch eine Aufgabe, die ohne eine unterstützende Außenperspektive kaum zu schaffen ist.
 
Seit dreißig Jahren untersucht der Psychologe Dietmar Langer die Zusammenhänge zwischen Stress, Erziehung und chronischen Erkrankungen. In der Kinderklinik Gelsenkirchen steht er an einer Tafel und erklärt verzweifelten Eltern – beziehungsweise den Müttern und dem einen Vater, der zwischendurch anwesend ist – die kindliche Sicht auf die Welt. Die mal perfiden, mal dreisten Taktiken, die kleine „Kontrollettis“ wissentlich oder instinktiv anwenden, um ihren Willen durchzuboxen.
 
Es geht viel darum, Konsequenz an den Tag zu legen und Grenzen aufzuzeigen, deren Gültigkeit nicht beim nächsten Ausbruch bröckelt. Eine Mutter erklärt, Härte zu zeigen, falle ihr schwer. Langer entgegnet, man solle das „hart sein“ als „beibringen“ auffassen. Es gehe darum, dem Nachwuchs den Unterschied zwischen satt und hungrig, das regelmäßige Schlafen, das Zähneputzen beizubringen, kurzum: dem Kind das Leben zu vermitteln. Dafür müssen eingefahrene Perspektiven hinterfragt werden. Langer erklärt, oft nehme man nur die Bilder wahr, die man von Menschen habe, und reagiere gar nicht mehr auf die jeweilige Situation. Der Psychologe nennt das den „Motor der Chronifizierung“.
 
Trotz der an sich sperrigen Thematik wirkt „Elternschule“ nie zu erklärend, thesenhaft oder problembeladen. Das liegt ganz entschieden auch an der makellosen Montage der Editorin Anja Pohl, die beispielsweise für den Schnitt von „Bang Boom Bang“ und „Wer früher stirbt, ist länger tot“ verantwortlich zeichnete. Pohl findet immer passende Szenenausstiege, stets einen guten Einstieg in die nächste. Gerade bei dokumentarischen oder anderweitig improvisierten Stoffen, wo kein Skript die Struktur vorgibt, sondern teils Zufälle, teils bewusst hergestellte Situationen dies tun, ist die kreative Arbeit im Schneideraum ein fundamentaler Beitrag.
 
Ohne Kommentar, mit klaren, wertungsfreien Bildern beobachten Jörg Adolph und Ralf Bücheler den Klinikalltag. Sie zeigen Verhaltenstrainings und Erziehungscoachings, Besprechungen des Klinikpersonals oder Einzelsitzungen mit den Müttern. Weil die Auffälligkeiten meist im elterlichen Umgang mit den Kindern begründet liegen oder davon verschärft werden, stehen über weite Strecken die Erwachsenen im Vordergrund. Eine Mutter ist so verzweifelt, dass ihr Kind ins Heim soll, wenn keine Besserung eintritt, eine andere berichtet davon, dass sie unter „Phantomschreien“ leidet: Es kann passieren, dass sie ihr Kind ununterbrochen schreien hört, obwohl es nicht zugegen ist. Als Langer den Eltern Videoaufnahmen demonstrativ bockiger Kinder vorführt, lachen die Anwesenden. Aus diesem Lachen kann man den Stress heraushören, der hierhin geführt hat.
 
Manchmal, wenn ein unterernährtes Kind eine Sonde gelegt bekommen soll oder Eltern rabiat auf Ausbrüche reagieren, entwickeln die Beobachtungen eine fast beklemmende Wirkung. Zwischendurch zeigen Jörg Adolph und Ralf Bücheler aber immer wieder Momente kindlicher Freude, mit Zeitlupen und heimeliger Musik. Darin laufen die Kinder durch die Klinikflure und wirken glücklich. Zumindest für den Moment.
 
Christian Horn

Kinder im chronischen Stress: Mädchen und Jungen, die die Nächte nicht durchschlafen, sich blutig kratzen, nur noch Ungesundes essen oder den ganzen Tag jammern. Die lehrreiche Dokumentation „Elternschule“ beobachtet den Alltag in einer Gelsenkirchener Kinderklinik und blickt hinter die Kulissen der Therapiearbeit. Der sehenswerte und ehrliche Film offenbart die Schwierigkeit, stets den richtigen Umgang mit dem Nachwuchs und einen zielführenden Weg im Irrgarten „Kindererziehung“ zu finden.

Mindestens drei Wochen dauert in der Kinder- und Jugendklinik eine stationäre Therapie. Diese soll der Heilung chronischer Erkrankungen wie Neurodermitis oder Asthma sowie von Verhaltensauffälligkeiten dienen. Der dortige Behandlungsansatz der Ärzte, Pfleger und Therapeuten ist ein ganzheitlicher, heißt: Nicht nur die die Symptome der Kinder werden behandelt. Gemeinsam mit den Eltern betrachtet man das gesamte familiäre Beziehungsgeflecht. Das schließt ebenso ein mögliches – wenn auch unbeabsichtigtes – Fehlverhalten der Eltern nicht aus.

Viele Wochen lang gingen die beiden Filmemacher Ralph Bücheler und Jörg Adolph mit ihrer Kamera auf der Station „Pädiatrische Psychosomatik“ ein und aus. Jährlich werden rund 5000 Kinder und Jugendliche in der Klinik behandelt, die auf eine 90-Jährige Geschichte zurückblickt. Bücheler und Adolph studierten beide an der Münchener Hochschule für Film und Fernsehen. Sie leben heute als freie Filmemacher in der bayerischen Landeshauptstadt. Gemeinsam realisierten sie bereits einige dokumentarische Lang- und Kurzformate.

„Wenn wir das Verhalten von Kindern ändern wollen, müssen wir ihr Verhalten verstehen“, erklärt einer der Therapeuten den aufmerksam zuhörenden Eltern bei einem Vortrag. Es sind Eltern, die – genauso wie ihre Kinder – am Ende ihrer Kräfte sind. Vor ihnen liegt eine intensive Behandlung mit unterschiedlichsten Verfahren und Therapien. Darunter Schlaftraining, Esstraining, Verhaltenstraining, Psychotherapie und Erziehungscoaching. „Elternschule“ bringt dem Zuschauer all diese Methoden und Ansätze näher, indem er einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen des Klinikalltags wagt. Und damit hinter die sonst für unbeteiligte Außenstehende verschlossenen Türen: Bücheler und Adolph sind bei Besprechungen des Pflegepersonals anwesend, bei intensiven, zum Teil höchst emotionalen Gesprächen zwischen Therapeuten und Müttern und bei den Therapien, die einen Schwerpunkt des Films bilden.

Die Krankheiten und Auffälligkeiten der jungen Patienten sind mannigfaltig. Ein kleines Mädchen etwa schreit bis zu 14 Stunden täglich. Ein anderes schläft jede Nacht bei den Eltern im Bett und wird bis zu sechsmal pro Nacht wach. Und während ein Junge ausschließlich Milch zu sich nimmt (die er jedoch sofort wieder erbricht), isst ein fünfjähriges Mädchen  außer Pommes und Chicken Nuggets gar nichts mehr.

Als Betrachter dieser, immer wieder mit atmosphärischen Zeitlupenaufnahmen der Kinder angereicherten Doku, erfährt man viel viel über die Symptome und möglichen Ursachen dieser Störungen. Aber auch über den Irrgarten „Kindererziehung“ klärt der Film auf. Darüber, was bei der Menschenbildung alles missglücken kann und worin die Fehler auf Seiten der Eltern liegen. Die Therapeuten scheuen nicht davor zurück, die Missstände innerhalb der Kindererziehung klar und deutlich anzusprechen.

An einer Stelle erklärt der Therapeut den Müttern, dass man zum Beispiel Schlafen nicht üben oder trainieren könne und letztlich ein angeborenes, natürliches Bedürfnis bzw. Verhaltensmuster sei. „Man kann aber die Rahmenbedingungen ändern und so anpassen, dass ein natürlicher Schlaf entsteht“, so der Therapeut. Tipps und Werkzeuge, wie man diese Bedingungen schaffen kann, bekommen sie während des Klinikaufenthaltes an die Hand. „Elternschule“ verdeutlicht daher auch: Für Eltern bedeutet Erziehung fortwährendes Lernen,  Reflektieren und  Überprüfen der eigenen Methoden und Verhaltensweisen.

Björn Schneider