Ende der Schonzeit

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In ihrem Spielfilmdebüt „Ende der Schonzeit“ verhandelt Franziska Schlotterer Fragen von Schuld und Moral während des Zweiten Weltkriegs. Deutsche und Juden, Sympathie und Vorurteile prallen in einer etwas schematischen, überkonstruierten Versuchsanordnung aufeinander.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Deutschland 2012
Regie: Franziska Schlotterer
Buch: Franziska Schlotterer, Gwendolyn Bellmann
Darsteller: Brigitte Hobmeier, Hans-Jochen Wagner, Christian Friedel, Max Mauff, Michaela Eshet
Länge: 98 Minuten
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart: 14. Februar 2013

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Israel, 1970. Bruno (Max Mauff), Mitte 20, trifft in einem Kibbuz ein, wo er Avi (Rami Heuberger) sucht und zu einem Gespräch nötigt. Nach dem Tod seiner Mutter Emma habe diese ihm die Wahrheit über seine Herkunft anvertraut und ihm verraten, dass Avi sein Vater ist. Erst unwillig, noch einmal in seine Vergangenheit blicken zu müssen, beginnt Avi schließlich zu erzählen: 1942, im Süden Deutschlands. Beim Versuch den Rhein zu überqueren, um sich in die neutrale Schweiz zu retten, wird er, der sich damals noch Albert nannte (Christian Friedel) von deutschen Soldaten überrascht und vom Bauer Fritz (Hans-Jochen Wagner) gerettet. Auf seinem abgelegenen Gehöft lebt Fritz mit seiner Frau Emma (Brigitte Hobmeier), die wenig begeistert von der Aussicht ist, einem Juden auch nur für eine Nacht Unterschlupf zu gewähren. Fritz dagegen ist ohne Vorurteil, er sieht in Albert weniger den Juden als einen zwar schmächtigen, aber durchaus fähigen Helfer, der ihm auf dem Hof zur Hand gehen könnte.

Denn Fritz hat ein Problem, dass ihm im Dorf zunehmend schiefe Blicke und hämische Kommentare einbringt: Obwohl Emma und er seit zehn Jahren verheiratet sind, haben sie noch keinen Stammhalter, denn Fritz ist nicht nur notorisch bärbeißig sondern auch impotent. Ob er bärbeißig ist, weil er impotent oder impotent weil er bärbeißig ist, ist nicht so ganz klar, spielt aber auch keine Rolle. Das Entscheidende ist, dass es keinen Sohn gibt. Und so schlägt er Albert ein bizarr anmutendes Geschäft vor: Albert soll Emma schwängern und darf dafür die relative Sicherheit des Hofes in Anspruch nehmen. Nicht nur Albert ist anfangs irritiert von der Idee, sich als eine Art Zuchtbulle zu verdingen, auch Emma ist, wenig überraschend, wenig angetan von der Idee. Doch schließlich machen alle mit, Albert aus Angst vor der Entdeckung, Emma, weil ihre Ehe ohnehin wenig freudlos verläuft. Und so kommt es, wie es in einer so konstruierten, schematischen Versuchsanordnung wohl kommen muss: Emma genießt es, endlich Sex zu haben und verliebt sich in Albert.

Es ist eine ebenso bizarre wie potenziell interessante Geschichte, die sich Franziska Schlotterer für ihren Debütfilm „Ende der Schonzeit“ ausgedacht hat, für den sie zusammen mit Gwendolyn Bellmann auch das Drehbuch verfasst hat. Das größte Problem an der Sache ist nun aber, dass das Schematische der Handlung so weit geht, dass fast jegliche Spannung im Keim erstickt ist: Jede Behauptung etwa, dass Alberts Leben in Gefahr ist, läuft ins Leere, schließlich ist er in der Rückblendenstruktur der Erzähler. Doch auch darüber hinaus war es augenscheinlich nicht Schlotterers Anliegen, eine spannende Geschichte zu erzählen, sondern eine komplizierte Dreiecksbeziehung zu etablieren, die Fragen nach Moral und Schuld stellt. Diese Fragen sind allerdings von so universeller Natur, dass es nicht zwingend erscheint, sie zusätzlich mit dem Thema der deutschen Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs zu vermischen.

Gerade die Fülle an Verwicklungen und zusätzlichen Komplikationen der Verbindungen, die gerade in den letzten zehn Minuten des Films noch kurz eingeworfen werden, lässt „Ende der Schonzeit“ überladen wirken. So viel will Schlotterer erzählen, so unterschiedliche Schicksale, Verletzungen und Verrate andeuten, dass das Einzelne, das Spezifische dabei bisweilen etwas auf der Strecke bleibt. So schaut man den starken Schauspielern zwar gerne zu, dennoch kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass hier weniger mehr gewesen wäre.

Michael Meyns

1942. Südlicher Schwarzwald. Rheinnähe.

Albert ist Jude, will sich in die Schweiz absetzen. Im Wald wird er von Fritz gestellt, der beim Jagen, besser gesagt beim Wildern ist. Nach anfänglichem Misstrauen nimmt Fritz den jungen Juden mit auf seinen Hof. Emma, die Bäuerin, ist davon nicht begeistert, sie hat Angst, zumal einer der Freunde der Familie ein Erznazi ist. Doch Fritz ist es, der das Sagen hat. Weil ein Knecht gebraucht werden kann, bleibt Albert.

Emma und Fritz sind seit zehn Jahren verheiratet, und noch immer ist kein Stammhalter da. Das hat einen sensiblen Grund: Fritz ist impotent. Langsam kommt ihm deshalb die Idee, dass Albert doch „aushelfen“ könnte; es braucht ja niemand etwas davon zu erfahren. Weder Albert noch Emma gefällt das, aber schließlich geschieht es doch. Immer wieder.

Emma wird schwanger, verliert jedoch das Kind.

Kriegsende. Albert, der (unglaublich von wem) verraten worden war und im KZ landete, kommt noch einmal auf den Bauernhof zurück. Fritz hat seine Impotenz und das, was darauf folgen musste, nicht überwunden. Er ist immer öfter betrunken. Wie wird er enden?

Emma und Albert aber kommen sich wieder näher. Ein Sohn wird geboren.

Rund 20 Jahre später auf einem Kibbuz in Israel (Prolog und Epilog). Emmas Sohn Bruno und Albert sind miteinander konfrontiert. Ersterer muss einen Brief Emmas überbringen. Vielleicht kehrt doch noch Frieden ein.

Die Themen: das Gespenst der verbrecherischen Judenverfolgung; die dumpfe Alltäglichkeit dieser Ehe, nicht zuletzt wegen des fehlenden Kindes; die damalige unemanzipierte Stellung der (Ehe-)Frau; die Impotenz von Fritz; das jeden Moment spürbare labile psychologische Gleichgewicht zwischen Fritz, Albert und Emma; die Auswirkung der diktatorischen Macht auf den Einzelnen; die Scham des Ehepaares, noch keinen Stammhalter zu haben; Emmas ungestüm erwachende Sexualität.

Die größte Stärke des Films: der absolut konsequente, einheitliche und einfache Stil. Eine beachtliche Dramatisierungs- und Regieleistung.

Gespielt wird von allen dreien fabelhaft: von dem ebenso grimmigen wie verzweifelten Fritz (Hans-Jochen Wagner); von der diskret fraulichen Emma (Brigitte Hobmeier); von dem total desorientierten Albert (Christian Friedel).

Thomas Engel