Enfant Terrible

Man kann sich niemand anderen als Oskar Roehler vorstellen, um einen Film über Rainer Werner Fassbinder zu drehen, den wichtigsten deutschen Regisseur der Nachkriegsära. Zusammen mit einem brillanten Oliver Masucci in der Hauptrolle, gelingt Roehler mit „Enfant Terrible“ ein biographischer Film, der auf kongeniale Weise dem Exzess, der Tragik und der Zärtlichkeit Fassbinders gerecht wird.

Website: www.weltkino.de/filme/enfant-terrible-2

Deutschland 2020
Regie: Oskar Roehler
Buch: Klaus Richter
Darsteller: Oliver Masucci, Hary Prinz, Anton Rattinger, Katja Riemann, Erdal Yildiz, Jochen Schropp, Eva Mattes, Sunnyi Melles, André Hennicke, Alexander Scheer
Länge: 134 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 1.10.2020

FILMKRITIK:

„Ich will doch nur, daß ihr mich liebt“ lautet der Titel eines Fernsehfilms, den Rainer Werner Fassbinder 1976 drehte, ungefähr in der Mitte seiner Karriere als manisch, in unfassbarer Geschwindigkeit arbeitender Autor und Regisseur. Die Suche nach Anerkennung und Liebe benutzt Oskar Roehler als roter Faden seines biographischen Films, zu dem Klaus Richter ein Drehbuch geschrieben hat, das Fassbinders atemloses Leben in kurzen Episoden nachzeichnet, ohne dabei zu Stückwerk zu werden.
Ende der 60er Jahre beginnt der unaufhaltsame Aufstieg am Münchner Action-Theater, das Fassbinder bald geradezu im Handstreich übernimmt und zum antiteater formt. Bald bringt er seinen typischen Stil, der den damals bevorzugten Naturalismus mit einer betonten Künstlichkeit ersetzt auch auf die Leinwand, dreht fortan in rasendem Tempo einen Film nach dem anderen, verbraucht Mitstreiter und Männer, nimmt immer größere Mengen Kokain, feiert immer größere Erfolge, bis er 1982 viel zu jung, aber völlig ausgebrannt stirbt.
Seitdem kämpfen unterschiedliche Fraktionen des Fassbinder-Umfelds um die Interpretationshoheit, auf der einen Seite vor allem Juliane Lorenz, die sich als Fassbinders Witwe bezeichnet, die Fassbinder Foundation leitet und bezeichnenderweise in Oskar Roehlers Film nicht auftaucht. Auch andere, noch lebende Wegbegleiter wie Barbara Sukowa oder Hanna Schygulla, tauchen nur unter Pseudonym auf, anders als die schon verstorbenen aus Fassbinders Umfeld wie Kurt Raab oder Peer Raben. Zu ihnen gehören auch zwei der wichtigsten Männer aus Fassbinders Leben, der aus Tunesien stammende El Hedi ben Salem, der in „Angst essen Seele auf“ neben Brigitte Mira die Hauptrolle spielte und Armin Meier, ein Münchner Barkeeper. Beide Männer nahmen sich selbst das Leben, Momente die in „Enfant Terrible“ ganz nebenbei, im Off, passieren, aber doch den tragischen Kern von Fassbinders Psyche andeuten.
Den verkörpert Oliver Masucci mit ganzem Einsatz und zunehmend extremerem Körpereinsatz. Anfangs zwar noch etwas zu alt für den jungen Fassbinder, deutet Masucci mit fettigen Haaren, ungepflegtem Bart und beständig wachsendem Bauch den langsamen körperlichen Verfall Fassbinders an, der mit seinem beständig unruhigen, suchenden Geist einhergeht. Die dunklen, zerstörerischen Seiten Fassbinders stehen neben seinem Genie, der enormen Schaffenskraft, der schneidenden Analyse der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft und ihres oberflächlichen Umgangs mit der eigenen Vergangenheit.
All das zeigt Roehler in einem Stationendrama, das seine eigene Künstlichkeit offensiv in den Vordergrund stellt. Komplett im Studio gedreht, sind die Sets überdeutlich als gemalte Kulissen zu erkennen, Fenster, Bilder, Zigarettenautomaten sind nur gemalt, in den Räumen stehen allein einzelne reale Stühle und Tische. Zum einen mag man dies als Hommage an den Stil von Fassbinders letztem Film „Querelle“ erkennen, vor allem aber als treffender Hinweis auf den besonders bei Fassbinder fließenden Übergang von Leben und Kunst. Alles in Fassbinders kurzem, intensivem Leben war Material, er lebte und arbeitete meist mit einem festen Stamm an Mitarbeitern, die er manipulierte, benutzte, aber auch brauchte und nicht zuletzt besser machte.
Gut 40 Kino und Fernsehfilme, dazu einige Mehrteiler entstanden in kaum 13 Jahren, gekrönt von der epochalen Serie „Berlin Alexanderplatz“. Den Preis dieser Schaffenskraft zahlten zum Teil Fassbinders Wegbegleiter, am Ende aber er selbst, der mit nur 37 Jahren starb. Die Essenz dieses Lebens hat nun Oskar Roehler in „Enfant Terrible“ eingefangen, der an Exzess, Kraft und Zärtlichkeit seinem Sujet kaum nachsteht.

Michael Meyns