Enzo

Reiche Eltern und ein Haus mit Meerblick einerseits, das tägliche Schuften auf den Baustellen andererseits. Enzo lebt zwischen diesen Welten. Die Schule beenden und studieren? Für den Jugendlichen keine Option. Stattdessen macht er eine Maurerausbildung, durch die er Bekanntschaft mit einem älteren Kollegen macht – der in ihm unbekannte Gefühle weckt. Das Drama „Enzo“ ergründet die Ängste und Träume eines innerlich zerrissenen Wohlstandkinds, das gegen die Erwartungen seines Umfelds rebelliert. Ein klug und symbolhaft inszenierter Selbstfindungstrip zwischen Anpassung und Selbstbestimmung – unaufgeregt erzählt und großartig gespielt. 

 

Über den Film

Originaltitel

Enzo

Deutscher Titel

Enzo

Produktionsland

FRA,ITA,BEL

Filmdauer

102 min

Produktionsjahr

2025

Produzent

Luciani, Marie-Ange

Regisseur

Campillo, Robin

Verleih

Salzgeber & Co. Medien GmbH

Starttermin

18.06.2025

 

Enzo (Eloy Pohu) lebt mit seinen wohlhabenden Eltern und dem Bruder in einer kleinen französischen Küstenstadt. Entgegen allen Erwartungen macht der 16-Jährige eine Ausbildung als Maurer. Auf den Baustellen der Region herrscht ein schroffer Umgangston, doch Enzo macht die Arbeit Spaß und versteht sich gut mit seinen Kollegen. Allen voran der selbstbewusste, charismatische Ukrainer Vlad (Maksym Slivinskyi) übt eine besondere Faszination auf ihn aus. Gleichzeitig verschlechtert sich zu Hause die Stimmung, da Enzos Vater klare Vorstellungen von der Zukunft seines Sohnes hat.

Der französische Regisseur und Drehbuchautor Robin Campillo platziert seinen jugendlichen Protagonisten in eine raue, männlich geprägte Welt. Die Baustelle ist ein Mikrokosmos, in dem harte körperliche Arbeit und deftige Sprüche an der Tagesordnung sind. In den Pausen sitzen die Männer im Kreis und präsentieren auf ihren Smartphones stolz ihre aktuellen – weiblichen – Eroberungen. Und mittendrin sitzt Enzo (eine echte Entdeckung: Jungdarsteller Eloy Pohu), der zwar auch eine Freundin hat, sich aber mehr für Vlad interessiert.

Campillo setzt den Szenen auf dem Bau die gelackte, klinisch sterile Welt in der elterlichen Villa entgegen. Das Haus, zu dem eine große Außenanlage mit Pool gehört, thront majestätisch über der französischen Riviera. Gleichzeitig liegt das Anwesen aber auch abgeschieden und isoliert. Zur Anlage führt einzig ein riesiges, ferngesteuertes Metalltor. All diese Details nutzt Campillo symbolhaft: Enzos Eltern schotten sich gewissermaßen von der Außenwelt (hier: der bürgerlichen Mitte und den „einfachen Arbeitern“) ab. Die pompöse Villa mit ihrer beeindruckenden, gläsernen Fassade steht für Wohlstand und Komfort – aber ebenso für soziale Unterschiede und ein bewusstes Abgrenzen.

Darstellerisch überzeugt „Enzo“ bis in die Nebenrollen. Es ist neben Pohu vor allem Pierfrancesco Favino als Enzos Vater Paolo, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Präzise und hingebungsvoll schlüpft er in die Rolle eines Mannes, der sich mit seinem Sohn in die immer gleichen, endlosen Diskussionen über berufliche Perspektiven und Zukunftschancen verstrickt – und dabei die eigentlichen Talente und Wünsche Enzos übersieht. Der klammernde, überbehütende Paolo meint es gut, ist aber nicht in der Lage, von den eigenen Standpunkten und starren Ansichten abzurücken. Und so fühlt sich Enzo zu Hause zunehmend fremd und unverstanden. Wie ein Fremdkörper bewegt er sich durch das Haus, er ist ein Gefangener im heimischen goldenen Käfig. „Ich bin nicht wie ihr alle“, sagt Enzo an einer zentralen Stelle im Film und bringt damit seine Verzweiflung und den Frust zum Ausdruck, der unter der Oberfläche schon lange brodelte.

Die sich langsam aufbauende Beziehung zu Vlad schildert der Film beiläufig und völlig unverkrampft. Nie ist klar, wohin sich diese Verbindung der beiden Männer entwickelt: Sind sie nur Arbeitskollegen, Freunde oder gar mehr? Vieles lebt von Mehrdeutigkeiten und Andeutungen. Der Ukrainer, der im Laufe der Handlung einen Einberufungsbefehl zum Kriegseinsatz in der Heimat erhalten wird, bleibt bis zum Schluss unnahbar und extrem widersprüchlich. Und genau das macht ihn (auch für Enzo) so interessant.

Auffällig ist der naturalistische, minimalistische Inszenierungsstil Campillos. Auf Hintergrundmusik verzichtet der 63-jährige Filmemacher fast vollständig, stattdessen dominieren in vielen Szenen die natürlichen Hintergrundgeräusche (zwitschernde Vögel, das Zirpen der Grillen u.a.). Mutig ist zudem das gewählte Ende, das Raum für Interpretation lässt und sich in seiner Uneindeutigkeit dem Charakter Vlads wunderbar anpasst.

 

Björn Schneider

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