Es gilt das gesprochene Wort

2017 legte der mit einem Studenten-Oscar prämierte Filmemacher Ilker Çatak den erfrischenden Jugendfilm „Es war einmal Indianerland“ vor. Çataks nicht minder eigensinnig betitelte Scheinehe-Romanze „Es gilt das gesprochene Wort“ wurde nun auf dem 37. Filmfest München uraufgeführt, wo Nils Mohl und der Regisseur für das gemeinsam verfasste Drehbuch sowie der ausdrucksstarke Nachwuchsschauspieler Oğulcan Arman Uslu mit Preisen bedacht wurden.

Webseite: wwww.x-verleih.de

D/F 2019
Regie: Ilker Çatak
Drehbuch: Nils Mohl, Ilker Çatak
Darsteller/innen: Anne Ratte-Polle, Oğulcan Arman Uslu, Godehard Giese, Jörg Schüttauf, Özgür Karadeniz, Johanna Polley, Sebastian Urzendowsky, Sasun Sayan
Laufzeit: 120 Min.
Verleih: X Verleih
Kinostart: 1. August 2019

FILMKRITIK:

Als Kurde in der Türkei hat der junge Baran (Oğulcan Arman Uslu) kein leichtes Leben: Die Jobs als Küchenhilfe und Gigolo halten ihn gerade so über Wasser, am liebsten will er woanders neu anfangen. Rettung naht in Gestalt der Pilotin Marion (Anne Ratte-Polle), die sich an der türkischen Riviera eine kurze Auszeit mit ihrer Affäre Raphael (Godehard Giese) gönnt. Nach dem flüchtigen Kennenlernen bittet Baran die Touristin, ihn in Deutschland zu heiraten, damit er nach drei Jahren Scheinehe einen Pass erhält. Nach erster Ablehnung willigt Marion tatsächlich ein. Das stößt Raphael vor den Kopf und führt zu weiterem Wirbel, als Marion und Baran außerplanmäßige Gefühle füreinander entwickeln.
 
Die nüchterne Inszenierung der in drei Kapitel unterteilten Romanze wirkt wie ein bewusster Gegenentwurf zu Çataks Vorgängerfilm „Es war einmal Indianerland“, in dem der Regisseur sämtliche stilistische Register zog. In beiden Filmen zeigt Çatak Sinn für Ästhetik, konstruiert die Konflikte der Figuren aber etwas lapidar. Die Sollbruchstelle der Erzählung ist Marions diffuse Motivation. Man weiß nicht, warum sich die selbstbewusste Pilotin auf die riskante Scheinehe einlässt. So bleibt nur die Wahl, den von Hitchcock gescholtenen „Wahrscheinlichkeitskrämer“ zu bändigen und das unerhörte Ereignis als Handlungsmotor zu akzeptieren. Neben der Irritation eröffnet das Nicht-Erklären, das dem Film generell zu eigen ist, auch Räume für Zwischentöne und vielschichtige Porträts.
 
Dass die ungewöhnliche Romanze einnimmt, liegt wesentlich am fabelhaften Ensemble. Anne Ratte-Polle („Dark“) und der Newcomer Oğulcan Arman Uslu harmonieren bestens als eigentlich völlig unterschiedliches Paar, das insbesondere bezüglich der Emanzipation andere Ansichten hat und schließlich doch zusammenfindet. Auch die Nebenrollen wurden mit Charaktermimen wie Godehard Giese, Jörg Schüttauf und Sebastian Urzendowsky stark besetzt. Die oft unbewegten Einstellungen, der ruhige Erzählfluss und der Verzicht auf kleinteilige Dialoge rücken die darstellerischen Leistungen umso mehr in den Vordergrund. Das wiederum hebt das Fragezeichen hinter Marions Entscheidung so gut wie auf.
 
Christian Horn