Es kommt der Tag

In ihrem Regiedebüt erzählt die Drehbuchautorin Susanne Schneider ein klassisches Familiendrama mit politischem Hintergrund. Iris Berben spielt eine ehemalige Terroristin, die ihre Tochter weggab, um in den Untergrund zu gehen. Viele Jahre später sucht die nun erwachsene Tochter (Katharina Schüttler) ihre Mutter in ihrem neuen Leben heim und konfrontiert sie. Womit, dass weiß weder sie noch der Film so recht, der sich zudem einer fragwürdigen Figurenzeichnung bedient.

Webseite: www.es-kommt-der-tag.de

Deutschland/Frankreich 2008
Regie und Buch: Susanne Schneider
Buch: Susanne Schneider
Darsteller: Iris Berben, Katharina Schüttler, Jacques Frantz, Sebastian Urzendowsky, Andrée Damant, Jean-Claude Arnaud
104 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Zorro Film
Kinostart: 27. August 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ein Auto biegt rasant von der Autobahn ab und hält auf einem Rastplatz. Die Fahrerin wechselt auf die Rückbank, lässt sich kurz und schnell von einem Typen vögeln, bevor sie ihn samt Gepäck rausschmeißt. Am Abend sehen wir sie in einer Kneipe, offenbar im französischen Grenzgebiet, erst bei wilden Trinkspielen, dann beim knutschen mit einem jungen Kerl, den sie ratlos stehen lässt. Ganz offensichtlich ist die junge Frau, Alice (Katharina Schüttler), rastlos, verstört und sehr wütend. Worauf erfährt man bald: Ihre Mutter Judith (Iris Berben) hat sie als kleines Kind weggegeben, da sie nach einem missglückten Banküberfall in den Untergrund abtauchen musste. Judith hat sich im Elsass ein neues Leben aufgebaut, hat mit ihrem französischen Mann Jean Marc zwei Kinder, darunter Lucas (Sebastian Urzendowsky), den jungen Kerl vom Anfang, führt ein Weingut und hat ganz offensichtlich ihre terroristische Vergangenheit hinter sich gelassen. Dass ihre Mutter ein ruhiges Leben führt, dass sie für ihre Taten nie verantworten musste, kann Alice nicht ertragen. Sie schleicht sich in die Idylle ein, besser gesagt, sie platzt hinein, macht aus ihrer Aversion keinen Hehl und setzt alles daran, den Frieden zu zerstören.

Lose ist Susanne Schneiders Film von Ulrike Meinhof inspiriert, die ihre kleinen Kinder bei deren Vater Klaus-Peter Röhl zurückließ und sich, der Ideologie der RAF entsprechend, von ihnen distanzierte. Ihre Tochter Bettina Röhl hat sich oft voller Wut über das Verhalten ihrer Mutter geäußert, die sich für ihre eigenen Interessen und gegen die ihrer Kinder entschieden hat. Um diese Fragen soll es auch in „Es kommt der Tag“ gehen. Durch immer neue Eskalationsstufen führt Schneider ihre Figuren bis zum finalen Eklat, durch den endgültig alles auf dem Tisch ist und Judith ihrer neuen Familie alle dunklen Geheimnisse ihrer Vergangenheit offenbart. In ihrer differenzierten Analyse ihrer eigenen Taten, in der Reue, die sie zeigt, liegt das größte Problem des Films. Denn es ist zwar ein dezidiert fiktionaler Film, aber doch einer mit dem Anspruch zeithistorisch authentisch zu sein. Mit der Zeichnung der ehemaligen Terroristin als nachdenkliche, reuige Person, ist er das aber genau nicht. Wenn es in den Berichten über den Interviews mit ehemaligen Terroristen einen Tenor gibt, ist das ein für den Außenstehenden schwer nachvollziehbares Beharren auf der Richtigkeit des damaligen Handelns. Selbstkritik an der mörderischen, menschenverachtenden Ideologie von RAF, Bewegung 2. Juni oder anderer Gruppen, sucht man meist vergeblich und wenn, dann wirkt er vorgeschoben, mehr den Erwartungen des Gegenübers als einem wirklichen Hinterfragen der eigenen Position geschuldet. Iris Berbens Judith wirkt wie das Wunschbild einer reflektierten Ex-Terroristen, die das Falsche ihres Tuns einsieht und dementsprechend handelt. Die ansonsten dichte Erzählung, mit ihrem isolierten Schauplatz, den vielschichtigen Konflikten und Figurenkonstellationen, scheitert letztlich an diesem fundamentalen Problem.

So groß wie im „Baader Meinhof Komplex“ ist die Faszination mit dem Terrorismus hier zwar nicht, eine überzeugende Auseinandersetzung mit den vielfältigen gesellschaftlichen und persönlichen Konflikten der Jahre des Terrorismus in Deutschland und ihrer Folgen gelingt auch Susanne Schneider nur bedingt.

Michael Meyns

Judith Müller und ihr Mann Jean Marc betreiben in der Nähe von Colmar (Elsaß) ein Weingut. Lucas und Francine sind die bereits erwachsenen Kinder.

Zwar bereiten Schulden Sorgen, doch es wird zünftig gerackert, und es kann schon noch alles gut werden. Judith setzt sich nebenbei für eine Kampagne gegen Gen-Mais ein. Dass dabei ihr Foto veröffentlicht wird, erweist sich später als Missgeschick.

Eines Tages taucht unverhofft ein Gast auf, eine etwa 30jährige Frau, die sich als Mia Francke ausgibt. Dass mit ihr etwas nicht zu stimmen scheint, merkt man bald. Denn in Wirklichkeit denkt sie gar nicht daran, Mia zu heißen. Ihr Name ist vielmehr Alice, und sie ist niemand anderes als Judiths Tochter, die ihre Alice als kleines Kind zur Adoption freigab.

Denn Judith war damals Terroristin, lebte im Untergrund, erschoss einen Mann. Gefängnis oder Flucht hieß die Alternative. Judith setzte sich ab – wurde Frau Müller.

Alice sieht ihre Kindheit und Jugend als verloren an. Ihr Hass auf die Mutter ist groß, endlich hat sie sie gefunden, und nun will sie Genugtuung – außerdem, dass Judith sich stellt.

Diese hatte ihrem Mann und überhaupt der Familie nur die halbe Wahrheit erzählt. Langsam stellt sich alles heraus: durch Alices unerbittliche und übertrieben erscheinende Hartnäckigkeit; durch die Unterstützung, die ihr durch Lucas zuteil wird; bei einem Besuch der Schwiegereltern, der als eine Art Coming-out-Katastrophe endet.

Judiths Zweitleben ist zerstört. Endlich hat Alice ihr Ziel erreicht. Persönliche Befriedigung konnte sie erfahren, Judiths Zukunft allerdings bleibt vollkommen offen.

Das Drehbuch zu diesem Film erhielt einen Preis, bei der Regie von Susanne Schneider handelt es sich um ein Debüt. Die beiden Fakten sind typisch für den Film. Auf der einen Seite das durchaus bemerkenswerte Thema: die hinterhältige Entdeckung und erzwungene Aufarbeitung einer schweren Schuld sowie die Bewältigung der total verpassten Elternliebe (wobei allerdings die thematische Auflösung unbefriedigend bleibt). Auf der anderen Seite die künstlerische Handhabung: Eine Menge Übertreibungen, vor allem im Dialog und Spiel der Figur der Alice (Katharina Schüttler) sind nicht zu verkennen, so dass man von einem Drama mit leichten Mängeln sprechen muss (was wahrscheinlich dem Regiedebüt zuzuschreiben ist). Deshalb bleibt es beim Durchschnitt.

Hervorragend: Iris Berbens Darstellung der Judith.

Thomas Engel