Es war einmal in Deutschland…

Mit einer guten Portion schwarzen Humors erzählt Sam Gabarski die unglaubliche, aber wahre Geschichte des David Bermann (gespielt von Moritz Bleibtreu): Er überlebte als deutscher Jude das KZ und plant nach dem Krieg die Auswanderung in die USA. Gemeinsam mit ein paar Leidensgenossen schlawinert er sich als Wäschevertreter durch die Ruinen und bezirzt einsame Frauen, Kriegerwitwen und Heldenmütter. Doch es gibt ein paar Merkwürdigkeiten in Davids Vergangenheit, und die US-Militärpolizei lässt nicht locker. Eine tiefgründige Schelmenkomödie, in der Lachen und Weinen dicht beieinander liegen.

Webseite: www.facebook.com/eswareinmalindeutschland

Deutschland/ Belgien/ Luxemburg 2016
Regie: Sam Garbarski
Buch: Sam Garbarski, nach den Romanen von Michel Bergmann
Darsteller: Moritz Bleibtreu, Antje Traue, Mark Ivanir, Hans Löw, Tim Seyfi, Anatole Taubman, Pal Macsai, Vaclav Jakoubek
Länge: 101 Minuten
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 6. April 2017

FILMKRITIK:

Der Titel mutet märchenhaft an, aber diese Geschichte ist kein Märchen, sondern sie ist Teil der Familiengeschichte des Autors Michel Bergmann. Und was nicht wahr ist, ist es trotzdem, heißt es zu Beginn des Films, womit sowohl der Humor als auch das Lebensmotto des Helden klar wird. Denn wie könnte man das Leben ohne Lügen überhaupt ertragen? Dass dieser David Bermann ein paar Geheimnisse mit sich trägt, wird schon am Anfang klar, denn ausgerechnet ihm, dem Mitinhaber eines vormals bekannten Frankfurter Wäschekaufhauses, wird eine Geschäftserlaubnis verweigert. Wie die meisten KZ-Überlebenden lebt auch David in einem Lager, das die US-Army in der Nähe von Frankfurt/Main eingerichtet hat. Und wie die meisten hier träumt er von der Auswanderung nach Amerika. Doch die ist teuer, viel zu teuer für David, der immerhin jede Menge Ideen für eine geschäftliche Neuorientierung hat. Da er keine Handelsgenehmigung hat, weil die US-Behörden ihn als Kollaborateur verdächtigen, braucht David Hilfe. So versammelt er um sich ein paar Leidensgenossen, die er zu Teilhabern macht. Sein Ziel: die Ausstattung der deutschen Nachkriegshaushalte mit feinster Wäsche: Frottee, Damast und Leinen. Gemeinsam mit seinen Freunden wird David zum Handelsvertreter, zum Klinkenputzer, jiddisch: Teilacher, immer unter dem Motto „Hitler ist tot, aber wir leben noch!“ Aber nicht nur seine Freunde werden immer wieder daran erinnert, was sie gerade überlebt und überstanden haben, auch David wird gezwungen, sich mit seiner Vergangenheit zu beschäftigen: Die amerikanische Militärpolizei in Gestalt der schönen Sara Simon lädt ihn zu Verhören, bei denen er Rede und Antwort stehen muss. Warum hat David zwei Pässe? Wie konnte er dem KZ entkommen? Und was hatte er auf dem Obersalzberg zu suchen?
 
Kein Märchen, trotz des Titels, aber doch ein Spiel mit Fantasie: David behält seinen Witz und seine Selbstironie, ganz gleich, was geschieht. Dieser Humor ist schwarz und oft richtig fies, manchmal melancholisch, eher leise als laut, immer schnell und intelligent, ein Sprachwitz, der virtuos mit Worten spielt. Kurz gesagt: Es handelt sich um jüdischen Humor, der hierzulande aus nahe liegenden Gründen kaum noch bekannt ist, geschweige denn gepflegt wird. Moritz Bleibtreu, ein genialer Menschendarsteller, gibt David Berman Chuzpe, Geist und Leben. Er lässt ihn charmieren und parlieren, er zeigt ebenso seine Wehmut wie seinen unverwüstlichen Überlebenswillen und den Humor, der ihn auch in heiklen Situationen nicht verlässt. Was Moritz Bleibtreu in diesem Film leistet, ist mehr als Schauspielkunst: Er präsentiert in seiner Person nicht nur ein Menschenleben, sondern auch eine Kultur, die beinahe vergessen ist. Dieser stets gut angezogene, beinahe dandyhafte David ist der Held einer Geschichte, die wie jede gute Komödie einen tiefernsten Hintergrund hat. Seine Gefolgsleute haben ein ähnliches Schicksal wie er: Sie sind knapp dem Tod entronnen oder hatten einfach Glück bei ihrer Flucht vor den Nazis. Alle sind entwurzelt, sie haben fast alles und fast alle verloren. 
 
Doch hier geht es nicht ums Überleben, sondern eher ums Überlebthaben und Weiterleben im Nachkriegsdeutschland. Der Film hält geschickt die Balance zwischen Tragik und Komik – mit allen Konsequenzen. Denn es soll nicht verschwiegen werden, dass dieser Film bei aller Leichtigkeit auch ein Schwergewicht ist, der zwar auf Gräuelbilder verzichtet, aber dennoch hier und da sehr bewegt. Denn die KZ-Überlebenden und Flüchtlinge sind keinesfalls in Juppheißaßa-Stimmung, sondern sie werden, weil sie überlebt haben und viele andere nicht, von Schuldgefühlen beinahe mehr gequält als von ihren Erinnerungen, und sie müssen irgendwie damit zurechtkommen, dass sie auch nach dem Krieg weiter verfolgt und gedemütigt werden. Kein Wunder, dass sie eigentlich nur weg wollen aus diesem Land, das sie hassen lernen mussten.
 
Sam Gabarski (u. a. „Irina Palm“) inszeniert seine im wahrsten Sinne des Wortes tragikomische Schelmengeschichte in ruhigen Sequenzen. Die Farben sind klar, meist gedeckt – so wie die Stimmung. In den Rückblenden dominieren Sepiatöne. Antje Traue spielt die US-Offizierin Sara Simon, eine schwere Aufgabe neben dem furios aufspielenden, alles überragenden Moritz Bleibtreu, die sie mit zurückgenommener Gestik und großer Aufmerksamkeit bewältigt, was perfekt zu ihrer Rolle passt. David Bermans „Teilacher“, die Handelsvertreter, setzen sich aus einer Riege angesehener internationaler Darsteller zusammen, zu denen neben Anatole Taubman (u. a. Rollen in „Die Päpstin“, „Ein Quantum Trost) auch Hans Löw („Toni Erdmann“, „Axolotl Overkill“) und Tim Seyfi („Gegen die Wand“) gehören. Zusammen entwickeln sie eine beachtliche Energie und ein interessantes Sprachengewirr aus deutschen Dialekten und Akzenten mit einem Tüpfelchen Jiddisch obendrauf. Gemeinsam machen sie sich ans Werk, um dem Land der Mörder zu entkommen und ein neues Leben zu beginnen. Den meisten von ihnen ist nur ihre Würde geblieben. Und ihr Humor natürlich.
 
Trotz der generellen Leichtigkeit hat Sam Gabarski erfolgreich vermieden, seinen Film allzu glatt und entspannt durchzuinszenieren. Das macht ihn sympathisch, und das ist normal, besonders bei einer Komödie, die sich mit deutschen Tabus befasst und gelegentlich erfreulich politisch inkorrekt ist. Es gibt ein paar Vorhersehbarkeiten, und hier und da ist das Dialogtiming in den Gruppenszenen etwas zu brav. Der Film ist aber unbedingt sehenswert und nicht nur inhaltlich ein Gewinn, sondern vor allem ist er zu großen Teilen sehr komisch und manchmal eben auch traurig, so wie das Leben an sich und überhaupt. Der Grundton bleibt dabei positiv. Vielleicht ist es sogar ein bisschen „Schindlers Liste“ trifft „Ocean’s Eleven“, verziert mit einem winzigen Hauch Lubitsch-Touch. Winzig, aber spürbar.
 
Gaby Sikorski

Fast alle Aspekte des Dritten Reichs und des Holocausts sind im deutschen Fernsehen und Kino schon bearbeitet worden, allein die Gruppe der überlebenden Juden, die nach dem Krieg in Deutschland blieben, kam bislang kaum vor. Diese Lücke schließt nun Sam Garbarskis „Es war einmal in Deutschland“, der auf wahren Begebenheiten beruht, oft aber anmutet wie eine Groteske a la Lubitsch, zumindest im Ansatz.

Es wirkt wie ein Konzentrationslager, die typischen Baracken, der Zaun, doch über dem Tor verrät ein Davidstern, dass der Krieg vorbei ist, das Lager umfunktioniert wurde: Durchgangslager ist es nun, in der Nähe von Frankfurt gelegen, und dient als Auffangbecken für die jüdischen Überlebenden der Vernichtungslager. Einer von ihnen ist David Bermann (Moritz Bleibtreu), der ein gutes Jahr nach Kriegsende wieder auf dem Weg nach oben ist. Vor dem Krieg führten seine Brüder und er ein großes Wäschehaus in Frankfurt, nun plant Bermann feinste Laken und weichste Handtücher bei der deutschen Hausfrau loszuwerden, um sein großes Ziel zu verwirklichen: nach Amerika zu emigrieren.
 
Doch es gibt ein Problem: Die amerikanische Besatzungsmacht verweigert David eine Lizenz, er wird der Kollaboration verdächtigt. Die amerikanische Offizierin Sara Simon (Antje Traue) bestellt David regelmäßig zu sich, wo er von seinem Schicksal berichtet. Schier unglaublich hört sich die Geschichte an, wie ein Märchen aus 1001 Nacht, aber im Geschichtenerzählen ist David auch groß. Gemeinsam mit seinen Kompagnons fährt er durch die hessische Pampa und dreht den Deutschen Laken an. Auch vor dem Druck auf die Tränendrüse scheut sich die Drückerbrigade nicht: Aus den Schuldgefühlen der Deutschen lässt sich ebenso Profit schlagen wie aus der Trauer darum, dass es mit dem Führer dann doch nicht so geklappt hat.
 
Würde man es nicht besser wissen, könnte man Sam Garbarskis Film vorwerfen, antisemitische Stereotype zu bestätigen: windige Geschäftemacher sind die jüdischen Drücker, haben stets den Profit im Sinn und sich auch im Konzentrationslager einiges zu Schulde kommen lassen, um zu überleben. Mehrmals betont David zwar „Hitler ist tot – Wir haben überlebt!“ doch ganz so einfach ist es nicht. In vielen Erinnerungen von Überlebenden der Lager ist davon die Rede, wie unmenschlich man sich oft verhalten musste, um seine eigene Haut zu retten, wie wenig Platz an diesem ohnehin unmenschlichen Ort für ein bisschen Menschlichkeit war.
 
Oft  mutet „Es war einmal in Deutschland“ zwar wie eine etwas verunglückte Groteske an, wie ein schief geratener Versuch, den Lubitsch-Touch in die Gegenwart zu übertragen. Doch immer dann, wenn die Melancholie des Überlebens in den Vordergrund der Geschichte gerät, gewinnt der Film an Kraft. Dann findet Garbarski überzeugende Bilder für die wechselvollen Emotionen, die die jüdischen Überlebenden im Land der Täter wohl empfunden haben. Glücklich, noch am Leben zu sein, gezwungen, mit Deutschen, die meist von all dem nichts gewusst haben wollten, als Nachbarn zu leben, und doch voller Schuldgefühle für all die anderen Juden, Freunde und Verwandte, die nicht überlebten.
 
Michael Meyns