Aus der Masse herausragen, etwas besonders sein wollen, wer will das nicht? In Eva Trobischs Familiendrama versuchen Mitglieder einer verzweigten Familie aus dem thüringischen Greiz ihren Platz im Leben zu finden, bewegen sich zwischen Scheidung und Streitigkeiten, Sehnsüchten und Hoffnungen. Ein leiser Film, der mehr in Subtexten als an der Oberfläche erzählt und seine Weltpremiere im Wettbewerb der Berlinale erlebte.
Über den Film
Originaltitel
Etwas ganz Besonderes
Deutscher Titel
Etwas ganz Besonderes
Produktionsland
DEU
Filmdauer
116 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Trobisch, Eva
Verleih
Pandora Film Medien GmbH
Starttermin
01.01.1970
Greiz, eine Kleinstadt im Süden Thüringens gelegen, 20.000 Einwohner, nur ein paar Kilometer sind es nach Bayern, in den ehemaligen Westen, der einst ebenso nah wie fern war. Auch lange nach dem Mauerfall, der vor allem auf dem Papier vollzogenen Deutschen Einheit, bestimmen die Unterschiede zwischen Ost und West noch das Leben, vor allem aber das Denken und Fühlen der Menschen.
Matze (Max Riemelt) hat lange im Westen gearbeitet, nun versucht er, sich in seiner Heimat etwas aufzubauen, lebt im Gasthof Waldblick, den seine Eltern Friedrich (Peter René Lüdicke) und Christel (Rahel Ohm) seit einem Vierteljahrhundert betreiben. Einen schönen Blick über den Thüringer Wald hat man von hier oben tatsächlich, nur die Gäste werden immer rarer.
Matze war lange mit Rieke (Gina Henkel) verheiratet, vor einiger Zeit hat das Paar sich getrennt, gerät selbst über scheinbare Banalitäten in Streit, schläft aber bisweilen noch miteinander. Obwohl Rieke mit dem Schulleiter Arthur (Florian Lukas) liiert und von ihm schwanger ist.
Ihre 17jährige Tochter Lea (Frida Hornemann) agiert ihrem Alter entsprechend, fremdelt mit sich und der Welt und hat es bei einer Castingshow im Stile von Deutschland sucht den Superstar in die zweite Runde geschafft. Für die typischen Homevideos, die das Programm lebendig gestalten sollen wird Lea interviewt, doch auf die Frage: „Wer bist Du, und was macht Dich aus?“ fällt ihr nichts ein, zu normal, vielleicht auch zu banal erscheint ihr ihr Leben.
Dabei ist sie von interessanten Menschen umgeben, etwa ihre Tante Kati (Eva Löbau), die ebenfalls nach langer Abwesenheit in ihre Heimat zurückgekehrt ist und nun im örtlichen Residenzschlosses ein kleines Museum über die Geschichte des Ortes eröffnet. Doch Katis Blick auf die Geschichte passt nicht jedem, rechte Gruppen in der Stadt beanspruchen die Interpretationshoheit und werden schon mal handgreiflich, wie auch Katis Sohn Edgar (Florian Geißelmann) am eigenen Leib spürt, wenn er sich nach einem Bier zu viel auf sinnlose Diskussionen einlässt.
In ihrem Debütfilm „Alles ist gut“ hatte Eva Trobisch von einer Frau erzählt, die vergewaltigt wurde, sich aber nicht als Opfer sehen wollte. In „Ivo“ wiederum ging es um eine Palliativkrankenschwester, die mit dem Mann einer von ihr betreuten Frau eine Affäre begann. Einen gewissen Hang zu nicht ganz gewöhnlichen Erzählungen kann man Trobisch also bescheinigen, umso überraschender, dass sich nun ihr dritter Film „Etwas ganz besonderes“ in für das deutsche Kino recht typischen Bahnen bewegt.
Als episodisches Familiendrama ließe sich die Geschichte beschreiben, verzweigte Figurenverhältnisse werden angedeutet, oft so vage, dass manches nur zu erahnen bleibt. Betont zurückhaltend inszeniert Trobisch diese Geschichte, bleibt mit der Handkamera zwar meist nah an den Darstellern dran, jedoch ohne ihnen wirklich zu nahe kommen zu wollen. Und auch die Schauspieler agieren zurückhaltend, größere Gefühlsausbrüche bleiben rar, Dinge passieren, das Leben nimmt seinen Lauf.
Was in den Zwischentönen passiert hat dabei größere Substanz, als das, was an der Oberfläche zu sehen oder zumindest zu ahnen ist. Als kleiner Ort an der ehemaligen innerdeutschen Grenze symbolisiert Greiz ein Land, dass immer noch nicht recht zusammengewachsen ist, in dem Konflikte unter der Oberfläche brodeln, ohne dass sie – zumindest in „Etwas ganz besonderes“ – an die Oberfläche gelassen werden. Wenn Katis Mutter bei der Eröffnung der kleinen Ausstellung nach einem Sekt zu viel etwas zu insistierend die Frage stellt, warum denn so viel EU-Förderung in das Projekt geflossen ist, hat man schon den emotionalsten Ausbruch einer Figur erlebt.
Ein Film voller leiser Töne, genau beobachtet, der sich gut einfügt in die Reihe deutscher Filme, die sich mit den emotionalen Folgen und Konsequenzen der deutschen Einheit auseinandersetzen.
Michael Meyns







