Everest

Aus dem Abenteuer einer Mount Everest-Besteigung ist längst ein einträgliches Geschäft mit Hobby-Alpinisten geworden. 1996 ereignete sich auf dem höchsten Berg der Welt nach einem plötzlichen Wetterumschwung eines der bis heute schwersten Unglücke. Knapp 20 Jahre danach wagt sich Hollywood an eine filmische Rekonstruktion jener Ereignisse, für die man auf Berichte von Überlebenden zurückgriff. Das erstklassig besetzte (Scott Clarke, Jake Gyllenhaal, Emily Watson, Josh Brolin) Actiondrama „Everest“ schildert in eindringlichen 3D-Aufnahmen eine emotional zutiefst packende Survival-Story – jedoch ohne wirkliches Happy End.

Webseite: www.everest-film.de

USA 2015
Regie: Baltasar Kormákur
Drehbuch: Simon Beaufoy, William Nicholson
Darsteller: Scott Clarke, John Hawkes, Jake Gyllenhaal, Emily Watson, Josh Brolin, Sam Worthington, Keira Knightley, Elizabeth Debicki, Naoko Mori
Laufzeit: 121 Minuten
Verleih: UPI
Kinostart: 17.9.2015
 

Pressestimmen:

"Ein monumentales Drama über den Abenteuertourismus im Himalaya …mit atemberaubenden Bildern."
ARD Tagesschau

FILMKRITIK:

Auf der Suche nach den letzten Abenteuern dieser Welt landet man früher oder später bei einer Besteigung des 8848 Meter hohen Mount Everest. Auch wenn sich das Erklimmen des Gipfels in den letzten 20 Jahren fast zum Sport für Jedermann entwickelte, so bleibt die Natur in diesem Teil der Erde doch unberechenbar und sowohl Auf- als auch Abstieg keinesfalls risikolos. Der Tod von 16 Sherpas im vergangenen Jahr zeigte dies auf tragische Weise. 1996 sorgten ähnliche Schlagzeilen für ein Höchstmaß an medialer Aufmerksamkeit, immerhin verloren seinerzeit 8 Bergsteiger unter anderem aus Neuseeland, den USA und Japan nach einem plötzlichen Wetterumschwung ihr Leben.
 
Die Aussagen und Schilderungen der Überlebenden – darunter die des US-Journalisten Jon Krakauer – bildeten die Grundlage für die von Hollywood aufwändig inszenierte Rekonstruktion jener verhängnisvollen Maitage. Für diese kamen ein Oscar-erfahrenes Produzenten- und Autorenteam zusammen. Während Simon Beaufoy (Slumdog Millionär) am Drehbruch mitschrieb, übernahmen Tim Bevan und Eric Fellner (Fargo, Frost/Nixon) den Produzentenjob. Regie führte der schon aufgrund seiner Herkunft mit Kälte und Eis bestens vertraute Isländer Baltasar Kormákur.
 
Erzählt wird die Geschichte zweier Expeditionen und deren dramatisches Schicksal, das sich am 10. Mai des besagten Jahres 1996 für immer verändern soll. Der Neuseeländer Rob Hall (Scott Clarke) – Gründer des Reiseunternehmens „Adventure Consultants“ – ist eigentlich ein sehr erfahrener und gewissenhafter Bergsteiger. Er will eine Gruppe, zu der neben Krakauer auch der texanische Arzt Beck Weathers (Josh Brolin) und der routinierte Kletterer Doug Hansen (John Hawkes) gehören, über den Südsattel zum Gipfel führen. Dabei kommt es aber schon beim Aufstieg zu Komplikationen. Weathers’ Sehkraft lässt plötzlich nach, bei Hansen schwinden ebenfalls die Kräfte. Dazu fehlen an mehreren Schlüsselstellen wie dem „Hillary Step“ notwendige Fixseile. Es kommt zu Verzögerungen, so dass die letzten Teammitglieder deutlich später als geplant den Gipfel erreichen. Auch eine weitere Expedition des US-Amerikaners Scott Fischer (Jake Gyllenhaal) findet sich so in einem „Stau“ am Berg wieder.
 
Von der Ankunft am Fuße des Mount Everest, über die Vorbereitungen im Basislager, den Aufstieg und schließlich den verhängnisvollen Rückweg zeichnet „Everest“ die Chronik dieser erschütternden Katastrophe zumeist sehr genau und in eindrucksvollen, mit der besonderen Höhe und Tiefe am Berg arbeitenden 3D-Aufnahmen nach. Als Zuschauer weiß man natürlich um den Schrecken, der auf die Teams wartet, was gerade im letzten Drittel des Films eine unglaubliche Beklemmung erzeugt. Die Ausweglosigkeit der Situation, das langsame und vor allem einsame Sterben in eisiger Höhe legt Kormákur schonungslos offen. Dass er dabei weitgehend auf Hollywood-Kniffe verzichtet und stattdessen ganz seinem großartigen Ensemble vertraut – sogar die Nebenrollen sind hier mit Emily Watson, Keira Knightley und Robin Wright exzellent besetzt –, macht aus „Everest“ am Ende ein äußerst packendes Survival-Drama, dem sicherlich auch gewisse Chancen in der kommenden Awards-Season eingeräumt werden müssen.
 
Die emotionale Kraft von Kormákurs Film wirkt ohnehin lange nach. Wenn der mit Originalaufnahmen bebilderte Abspann rollt, fühlt man sich von Ereignissen auf der Leinwand zunächst wie erschlagen. Der Grund dafür ist neben der handwerklichen Klasse von „Everest“ und seines realen Hintergrunds noch ein anderer. Hier verhandelt eine Geschichte elementarste Themen wie die Suche nach dem Sinn des Lebens, Abenteuerlust, das menschliche Streben nach Extremen und unser aller Angst vor dem Tod. Die Kritik am kommerziellen Bergsteigen und touristisch organisierten Extremtouren wie die auf den Mount Everest tritt im Vergleich dazu – obwohl vorhanden – eher in den Hintergrund. Dass die Wahl der Produzenten auf den sowohl in der Inszenierung von straffen Action-Sets (Contraband) als auch von leisen Tönen geübten Kormákur fiel, war klug und konsequent. Längst hat sich der Isländer in der Traumfabrik etabliert. Mit „Everest“ liefert er nun seine bislang beste, englischsprachige Arbeit ab. Intensiv, mitreißend, beklemmend.
 
Marcus Wessel