Everybody Wants Some!!

Nach seinem bahnbrechenden Meisterwerk „Boyhood“ lädt Independent-Filmer Richard Linklater zur vergnüglichen Zeitreise in die 80er Jahre ein. Drei Tage begleitet er den Baseball-Spieler Jake an seinem neuen College in einer texanischen Kleinstadt. Bis der Ernst des Uni-Lebens beginnt, bleiben dem smarten Sportler und seiner schrägen Männer-WG noch ein verlängertes Wochenende voller Partys, Flirts und Alkohol. Mit gewohnt grandioser Lässigkeit sowie spürbar großer Liebe für seine Figuren, entwickelt der begnadete Geschichtenerzähler Linklater ein charmant verspieltes Porträt über das Lebensgefühl einer Generation, die noch ohne Smartphone und soziale Medien ihren Spaß hatte. Ein Juwel des Independent-Kinos.  

Webseite: www.everybodywantssome.de

USA 2016
Regie: Richard Linklater
Darsteller: Blake Jenner, Ryan Guzman, Tyler Hoechlin, Wyatt Russell, Glen Powell, Zoey Deutch
Filmlänge: 111 Minuten
Verleih: Constantin Film
Kinostart: 2. Juni 2016
 

Pressestimmen:

"Eine wunderbare Feelgood-Komödie… Grandios… Im Alltag dem großen Zauber des Lebens nachzuspüren  und dabei Momente von überwältigender Schönheit einzufangen – darin ist Linklater wohl der größte Profi des amerikanischen Kinos."
Süddeutsche Zeitung

FILMKRITIK:

Mit „Dazed and Confused“, seinem zweiten Kinofilm, schilderte Richard Linklater einst trefflich das Lebensgefühl von Highschool-Kids Ende der Siebziger Jahre – mit dabei waren damalige Nobodys wie Ben Affleck, Matthew McConaughey oder Milla Jovovich. Fast ein Vierteljahrhundert später präsentiert der Regisseur aus Texas nun gleichsam die Fortsetzung. Wiederum ohne bekannte Stars und abermals ohne eine große Handlung. Was zählt sind Stimmung, Atmosphäre und Gefühle – sowie der Verzicht auf jeglichen Zynismus! Die schlichte Story geht so: Der junge Sportler Jake kommt neu ans College und bezieht ein Zimmer im Haus der universitären Baseball-Mannschaft. „Noch vier Tage bis zum Unterrichtsbeginn“ meldet warnend der eingeblendete Countdown. Der Freshman will die letzten freien Stunden für ein intensives Spaß-Programm nutzen. Abhängen mit den neuen Kumpels der Männer-WG. Reichlich Musik und Marihuana. Noch mehr Bier. Und natürlich möglichst viele Flirts. Beim Anbaggern sind die Jungs nicht zimperlich. Zu fünft brettern sie im Auto über den Campus und quatschen jede Studentin an, um sie zu ihrer großen Party einzuladen. Den Tag verbringen sie mit Billard, dem angesagten Videospiel „Space Invaders“ oder quatschen über die nicht minder populäre Serie „Twilight Zone“. Wenn sie abends aus der Disco fliegen, feiern sie eben fröhlich in einem Country & Western-Schuppen weiter oder besuchen spontan ein kleines Punk-Konzert. Der sensible Held hat bei allem Party-Spaß freilich noch ein paar ernstere Pläne: Er hat sich ziemlich heftig in Beverly, die hübsche Bewohnerin von Zimmer 307 im Studentenwohnheim nebenan, verguckt.
 
Fast schon traditionell überzeugt Linklater mit einem hübsch aufgestellten Figurenkarussell, das angenehm unangestrengt für die notwendigen Konflikte sorgt. Zum vergnüglichen Typen-Spektrum in dieser Sportler-WG gehört das Großmaul. Der Hippie. Der Checker. Der Naivling. Der Clown. Der Trottel. Allesamt fallen sie authentisch aus. Die Dialoge wirken so stimmig wie die üppigen Oberlippenbärte im Burt Reynolds-Stil, jene Adidas-Sneakers in schlichtem Weiß oder der reichhaltige Soundtrack, der vom titelgebenden Song von Van Halen über Blondie, Kool & the Gang, Cheap Trick, ZZ Top und Foreigner reicht.
 
Für Autor und Regisseur Linklater, Jahrgang 1960, ist dieses nostalgische Zeitreise eine spürbare Herzensangelegenheit, ein „American Graffiti“ der autobiografischen Art. Auf den ersten Blick geht es, wie bei ihm üblich, nicht um besonders viel. Die wichtigen Themen laufen gleichsam im Hintergrund. Politik? Interessiert hier keinen, wie ein auffallend einsames Wahlplakat von George Bush auf dem Campus demonstriert. Das Studentenleben findet vor allem im Party-Modus statt. Gleichwohl sind manche College-Kids durchaus auf der Suche ein bisschen Sinn im Leben – nicht umsonst ist der Titel mit zwei Ausrufezeichen versehen! Die einen philosophieren über die Akkord-Progression in Pink Floyds „Fearless“ oder die besten Anmachsprüche, die anderen über den Sinn eines Kunst-Studiums oder die griechische Mythologie und ihr Bezug zum Baseball. Das letzte Wort bleibt dem Professor in der ersten Unterrichtsstunde überlassen: „Grenzen sind dort, wo man sie findet“, kritzelt er an die Tafel. Für Jake und seinen Kumpel ist das Limit bereits erreicht. Sie dösen weg – die letzte Party fiel einfach ein bisschen zu exzessiv aus.

Dieter Oßwald