Exit Marrakech

Mit dem berührenden Road-Movie „Exit Marrakech“ widmet sich Deutschlands erfolgreichste Regisseurin Caroline Link erneut ihrem Lieblingsthema Familie. Einfühlsam erzählt die Oscar-Preisträgerin eine sensible Geschichte über eine komplizierte Vater-Sohn-Beziehung, die Begegnung mit fremden Kulturen und das oft schmerzhafte Erwachsenwerden. Vor der faszinierenden Kulisse Marokkos entsteht dabei intensives Gefühlskino, brillant besetzt mit Ulrich Tukur und Josef Bierbichler. Vor allem die atmosphärisch sehr überzeugende Bilderwelt ihrer exzellenten Kamerafrau Bella Halben prägt sich ein.

Webseite: www.exitmarrakech.de

Deutschland 2013
Regie und Drehbuch: Caroline Link
Kamera: Bella Halben
Darsteller: Ulrich Tukur, Samuel Schneider, Hafsia Herzi, Josef Bierbichler, Marie-Lou Sellem
Länge: 122 Minuten
Verleih: Studio Canal
Kinostart: 24. Oktober 2013

PRESSESTIMMEN:

"…offenbart dem Zuschauer ein atemberaubendes Marokko. Ein wirklich intensives, erlebenswertes Drama."
Stern

"Emotionales Charakterdrama über einen Clash von Kulturen und Lebensmodellen."
Cinema

FILMKRITIK:

Sie ist Deutschlands erfolgreichste Filmregisseurin. Gleich mit ihrem Erstlingswerk, dem Gehörlosen-Drama „Jenseits der Stille“ erobert die inzwischen 49jährige Caroline Link nicht nur die Herzen der Zuschauer, sondern erhält eine Oscar-Nominierung. Mit „Nirgendwo in Afrika“, ihrem dritten Spielfilm, bekommt ihn die leidenschaftliche Autorenfilmerin dann auch. „Der Familie kann niemand entkommen“, glaubt die Wahlmünchnerin. Für die gebürtige Hessin ist daraus ein Lebensthema geworden. Wie ein roter Faden zieht es sich durch die bewegenden Filme der Oscar-Gewinnerin und Mutter einer elfjährigen Tochter.

In ihrem neuen Drama über eine komplizierte Vater-Sohn-Beziehung drängeln sich nun trotz pädagogischer Moderne, im Zeichen von Patchworkfamilien, Homoehe und Elternzeit, emotional gehandicapte Vaterfiguren zunächst herrisch ins Bild. Alles dreht sich darum, von der väterlichen Instanz anerkannt und wahrgenommen zu werden. Dabei gelingt ihr auch diesmal eine intensive Innensicht der Figuren, ein komplexes, emotional aufgeladenes Beziehungsgeflecht sowie ein höchst spannungsreiches Psychogramm einer intensiven, ungewöhnlichen Begegnung.

Ben (Samuel Schneider) ist hauptsächlich bei seiner Mutter aufgewachsen. Seinen geschiedenen Vater Heinrich (Ulrich Tukur) kennt der 17jährige Internatsschüler kaum. Jetzt soll der verschlossene Teenager zum ersten Mal die Sommerferien mit ihm in Marokko verbringen. Denn in Marrakech nimmt der gefeierte Theaterregisseur an einem internationalen Festival teil. Arrogant liegt der blonde Egomane am Hotel-Pool und liest Kurzgeschichten von Paul Bowles, der Außenseiter-Ikone der modernen Literatur, der in selbstgewählter Heimatlosigkeit stets die Verlockungen der Fremde vorzog.

Genervt vom Luxusleben seines Vaters im Touristenghetto setzt Ben sich trotzig ab, um die Stadt auf eigene Faust zu entdecken. Er klemmt sich sein Skater-Brett unter den Arm, rollt durch die Gassen Marrakeschs und begegnet in einer Disco dem jungen Berbermädchen Karima (Hafsia Herzi), einer Prostituierten. Immer tiefer taucht er mit ihr in die fremde Kultur ein und verliert sich dabei im verwirrenden Labyrinth seines Liebesabenteuers. Widerwillig macht sich sein Vater quer durch Marokko auf die Suche nach seinem abgetauchten Sohn, um ihn aus der Wüste zurückzuholen.

Im verheißungsvoll märchenhaften Licht sind das bunte Treiben in den Gassen, der malerische Charme der Oasen, die schroffe Schönheit der Wüste und die atemberaubenden Bergwelten des Atlas mehr als nur eine faszinierende Kulisse für großes Gefühlskino. Einfühlsam folgt die Geschichte den verzweifelten Versuchen von Ben und Heinrich, zueinander zu kommen.

Nach wie vor bevorzugt Caroline Link, die diesmal auch das Drehbuch komplett selbst verfasst hat, eine europäische Erzählweise, dramaturgisch freier und weniger konstruiert. Ihr Echtzeitabenteuer besticht mit einer klaren Erzählstruktur ohne aufgepfropfte Dramatik in all den familiären Wirrnissen. Mit Nahaufnahmen, Handkamera und harten Schnitten gestaltet sie Sequenzen von einer verblüffenden schauspielerischen Intensität und Direktheit auf der Suche nach der Poesie des Augenblicks. Denn es sind nicht die Actionszenen, die ihr Kino ausmachen, sondern leise Momente, in denen sich wenig bewegt, sich jedoch ihre Protagonisten öffnen, erklären oder verraten. Dabei inszeniert sie stilsicher und souverän Gefühle, entspinnt authentisch Konflikte. Immer wieder verharrt die Kamera ruhig bei den Figuren, fängt subtile Mikro-Milieustudien ein.

Eloquent spielt dabei das 55jährige Multitalent Ulrich Tukur in diesem emotionalem Roadmovie um Nähe und Distanz einen Vater, der zwar manchmal damit hadert, sein Kind verpasst zu haben, sein Lebensmodell aber nie wirklich infrage stellt. An seiner Seite kann sich Nachwuchsschauspieler Samuel Schneider mit verblüffendem Talent profilieren. Noch als Nebendarsteller schafft es Josef Bierbichler, dieser markante Darsteller aus der Stammlinie der bayerischen Künstlerrebellen Brecht-Valentin-Achternbusch, das Familiendrama bodenständig zu grundieren. Und last but not least gelingt es der 26jährigen Hafsia Herzi mit ihren maghrebinischen Wurzeln, dem tunesisch-algerischen Familienbackground, das nordafrikanische Flair mit seinen Traditionen, der verlockend sinnlichen Lebendigkeit, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen, authentisch zu vermitteln.

Luitgard Koch