Factory Girl

Wäre es nach ihrer Mutter gegangen, Edie Sedgwicks Leben wäre auch ohne die von Andy Warhol postulierten berühmten 15 Minuten ausgekommen. Die 1943 geborene Edie aber lernte 1965 nach ihrem Umzug nach Manhattan eben diesen Warhol kennen und avancierte zum ersten „It-Girl“. In „Factory Girl“ widmet sich Regisseur George Hickenlooper aber nicht nur der kurzen Zeit von Sedgwicks Ruhm, er schildert auch den Alltag in der damaligen New Yorker Künstlerszene. Einige Fragen des im Dokumentarfilmstil inszenierten Biopics bleiben am Ende indes offen.

Webseite: kinostar.com

USA 2006
Regie: George Hickenlooper
Darsteller: Sienna Miller, Guy Pearce, Hayden Christensen, Jimmy Fallon, Jack Huston, Mena Suvari u.a.
90 Minuten
Verleih: Kinostar
Kinosstart: 6.8.08

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Das Schicksal meint es nicht gut mit der Familie Sedgwick. Wie man beiläufig erfährt, hat sich ein Bruder von Edie Sedgwick, die als „Factory Girl“ im Mittelpunkt von George Hickenloopers Film über das erste „It-Girl“ der Warhol’schen Künstlerszene steht, in einer Psychiatrie das Leben genommen, ein anderer Bruder kam bei einem Autounfall ums Leben. Edie selbst wächst zwar in einem privilegierten Umfeld einer großen Ranch auf, leidet aber aufgrund von familiären Problemen an Magersucht. Ginge es nach der Mutter, so sollte ihre Tochter einfach heiraten, Kinder bekommen und ein Leben als Mutter und Hausfrau führen.

Doch Edie (Sienna Miller) will raus aus der Provinz, will etwas erleben. 1964 zieht die 21-jährige von Kalifornien nach Manhattan und taucht dort ein in die Partyszene. Mit ihrem mutigen Kleidungsstil, ihrem Aussehen und ihrer Schlagfertigkeit schafft sie es bald schon aufs Cover der Vogue. Dann begegnet sie Andy Warhol (Guy Pearce), über den sie später einmal sagen wird, er sei der Vater, den sie nie hatte. Sie begleitet ihn zu zahlreichen Anlässen, spielt mit in seinen als Vorläufer eines Reality-TV geltenden Filmen (u.a. „Poor Little Rich Girl“ und „Vinyl“), geht in den als „Factory“ bezeichneten Ateliers ein und aus, rutscht auf diese Weise aber auch hinein in eine artifizielle Welt von Rausch und Drogen.

George Hickenlooper inszeniert dieses Leben so, als würden sich Szenen eben erst ereignen, als wäre er als Dokumentarist zugegen. Das Chaos, die Spontaneität, die Lebensfreude, das Provokative der Kunst, aber auch deren Desillusionen – all das findet sich auch in den Bildern dieses Films wieder. Und selbstverständlich auch der Look jener Jahre, die Mode, die Musik. Insofern ist „Factory Girl“ ein Film, der die 1960er Jahre lebendig werden lässt. Allerdings, und das könnte man kritisieren, fehlt der Blick über den Tellerrand der Factory hinaus.

In einem Interview hat George Hickenlooper gesagt, dass es ihm nicht um historische Details, sondern um ein Gefühl für die damalige Zeit, insbesondere für den Geist von Edie Sedgwick, gehe. Ein bisschen ist das wie ein Freifahrschein, mit dem Nachteil, dass auch der Film über weite Strecken als oberflächlich und bedeutungslos empfunden wird. Zwangsläufig stellen sich da Fragen nach der Wahrhaftigkeit des Gezeigten. So auch in der Beziehung von Edie zu einem Musiker (Hayden Christensen), dessen wahre Identität hier nur angedeutet wird, vielleicht ja aus Rücksicht auf den noch lebenden Bob Dylan. 

Überraschend an „Factory Girl“ ist nun aber weniger der biografisch verbürgte soziale Abstieg der 1971 nach einer Überdosis von Barbituraten gestorbenen Edie Sedgwick, die Sienna Miller (zuletzt zu sehen in ihrer eindrucksvollen Rolle mit Steve Buscemi in dessen Film „Interview“) glaubhaft und bis zur Selbstaufgabe verkörpert, auch wenn sie sich als Off-Erzählerin bisweilen als Opfer stilisiert und ihr Verfall ins Depressive nicht sonderlich Laune macht. Überraschend ist, welches Bild Hickenlooper hier von Andy Warhol zeigt. Von Guy Pearce als blasse Ikone der Kunstwelt meist mit einer dunklen Sonnenbrille gespielt (was man amüsiert zur Kenntnis nimmt), ist Warhol hier ein menschenverachtendes Monster mit satanischen und sadistischen Zügen, der Menschen wie Edie offenbar nur deshalb um sich schart, um sie für sich, sein Ego und seine Kunst zu gebrauchen, sie dann aber fallen lässt wie faules Obst. Ein Verhalten, das genau besehen aber Warhols Einstellung zu den immer wieder zitierten „berühmten 15 Minuten“ nur unterstreicht.

Thomas Volkmann