Familienfieber

Mit seinem Kinodebüt "Silvi" erregte Nico Sommer einige Aufmerksamkeit, nun versucht er den Erfolg mit dem auf ähnliche Weise entstandenen "Familienfieber" zu wiederholen. Erneut bedient er sich der Form der Improvisation und lässt sein Darsteller-Sextett in lose geplanten Szenen Beziehungskisten durchprobieren. Dass das über kurze 78 Minuten trägt, liegt vor allem an den Darstellern, die die Probleme des Konzepts überspielen können.

Webseite: www.familienfieber.de

Deutschland 2014
Regie: Nico Sommer
Darsteller: Kathrin Waligura, Deborah Kaufmann, Peter Trabner, Jörg Witte, Anais Urban, Jan Amazigh Sid
Länge: 78 Minuten
Verleih: daredo media
Kinostart: 15. Januar 2015
 

Preise/Auszeichnungen:

Preis der Saarländischen Ministerpräsidentin beim Max-Ophüls-Preis 2014
"Best Director" beim ACHTUNG BERLIN new berlin film award 2014

FILMKRITIK:

Maja (Kathrin Waligura) und Uwe (Peter Trabner) sind seit ewigen Zeiten zusammen und haben im Lauf der Jahre jegliche erotische Spannung verloren. Kein Wunder, wenn man voreinander auf der Toilette sitzt, sich körperlich gehen lässt und einen Alltag lebt, der in Routine erstarrt ist. Die gemeinsame Tochter Alina (Anais Urban) dagegen ist noch jung und glaubt an die Liebe, die sie in Nico (Jan Amazigh Sid) gefunden zu haben meint. Sagenhafte drei Monate ist das junge Paar schon zusammen und plant nun ein Essen, bei dem sich die jeweiligen Eltern kennen lernen sollen. So fahren Maja und Uwe aus Berlin hinaus aufs Land, wo Nicos Eltern Birgit (Deborah Kaufmann) und Stefan (Jörg Witte) in einem alten Herrenhaus leben.

Eigentlich könnte der Abend ganz entspannt verlaufen, doch ein Problem gibt es: Maja und Stefan haben seit längerem eine Affäre, ein Umstand, den Maja nicht lange geheim halten kann. Während die Sprösslinge also über ihre gerade beginnende Beziehung diskutieren und sich fragen, ob sich die Mühe überhaupt lohnt, beginnen die Erwachsenen an ihren langen, aber längst erstarrten Beziehungen zu zweifeln.

Einen Improvisations-Film nennt Nico Sommer "Familienfieber", was in diesem Fall heißt, dass es nur ein vierseitiges Konzept gab, in dem Figuren und mögliche Situationen lose vorgegeben waren, die dann von den Darstellern während der Dreharbeiten ausgeschmückt und entwickelt wurden. Dass diese Dreharbeiten nur sieben Tage betrugen, zeigt nicht zuletzt, mit welch geringen finanziellen Mitteln dieser Film entstanden ist, der ohne öffentliche Förderung gedreht wurde. Dass man "Familienfieber" seine ungewöhnliche Entstehung auf den ersten Blick nicht anmerkt, kann man als Kompliment verstehen, auf den zweiten Blick kommen die Schwächen des Konzepts allerdings deutlicher zum Tragen.

Diese zeigen sich vor allem in einer etwas schlichten Handlung, deren drei Paare allzu schematisch verschiedene Formen der Beziehung andeuten. Dass zudem oft eher offensichtliche Charakterzüge betont werden, die Figuren eher grob als komplex gezeichnet sind, ist angesichts der kurzen Drehzeit kaum zu vermeiden.

Dass "Familienfieber" dennoch ein oft pointierter, sehenswerter Film geworden ist, liegt an zwei Aspekten: Zum einen der erstaunlichen souveränen Bildgestaltung, in der es Sommer und seinem Kameramann Eugen Gritschneder gelingt, die Figuren in präzisen, langen Einstellungen zu beobachten und dabei nie den Eindruck einer improvisierten Produktion zu erwecken. Zum zweiten sind das die Schauspieler, die ihren Figuren trotz aller Konventionen Leben und Eigenständigkeit verleihen. Das gilt besonders für Kathrin Waligura und Peter Trabner, deren Figuren auch die komplexesten, interessantesten sind, gerade in Abgrenzung zu den eher schematisch charakterisierten anderen Paaren.

So oder so ist "Familienfieber" ein interessantes Experiment, dass in engen Bahnen improvisiert und auf sehenswerte Weise Realität und Fiktion verbindet.
 
Michael Meyns