Familientreffen mit Hindernissen

Familiäre Beziehungen sind gerade ihr großes Thema: Nur wenige Wochen nach dem thematisch verwandten Film „2 Tage in New York“ steht schon Julie Delpys neue Familienkomödie in den Startlöchern. Nach dem Big Apple geht es nun in die Bretagne, wo sich im Sommer 1979 eine große Sippe versammelt, um den Geburtstag der Großmutter zu feiern. Die französische Schauspielerin und Regisseurin erweist sich erneut als liebevolle Porträtistin dysfunktionaler Familien, die sich trotz aller Widersprüche und Konflikte zusammenraufen.

Webseite: www.familientreffen-derfilm.de

Originaltitel: Le Skylab
Frankreich 2011
Regie und Buch: Julie Delpy
Darsteller: Julie Delpy, Eric Elmosnino, Aure Atika, Noémie Lvovsky, Bernadette Lafont, Emmenuelle Riva
Filmlänge: 113 Minuten
Verleih: NFP marketing & distribution
Kinostart: neu 9. August 2012

PRESSESTIMMEN:

… man hat das Gefühl, man ist live dabei wie Familie Delpy damals in den 70er Jahren in der Bretagne gefeiert hat. […] FAMILIENTREFFEN MIT HINDERNISSEN hat kaum Geschichte, funktioniert eher wie eine Momentaufnahme vom Zusammenprall einer Großfamilie. […] Der Film ist Lebenslust pur, fein beobachtet mit wunderbarem 70ziger Jahre Kolorit und gewitzten Dialogen. Hinreißend!
ZDF Morgenmagazin

…essen, trinken, lachen, an den Strand gehen. Und die Erkenntnis: Familie ist, wenn man trotzdem das Beste daraus macht.
DER SPIEGEL

FILMKRITIK:

Saint-Malo in der Bretagne, Sommer 1979: Großmutter (Bernadette Lafont) feiert ihren 67. Geburtstag, und aus dem ganzen Land trudelt die weitverzweigte Familie ein. Dabei prallen Welten aufeinander: Sozialisten auf Nationalisten, Schauspieler auf Soldaten, Intellektuelle auf Spießer. Die zwölfjährige Albertine (Lou Alvarez) reist mit ihren schauspielernden Eltern (Julie Delpy, Eric Elmosnino) per Zug aus Paris an. Während die Überreste des frisch geschlachteten Lamms bei den Kindern für Grusel sorgen, verkeilen sich die Eltern bei Pastice und Wein in Diskussionen über Politik, Gesellschaft und Sex. Nachmittags geht es an den Strand, wo die Männer nichts Besseres zu tun haben, als nebenan am FKK-Abschnitt zu spannen. Albertine verliebt sich unsterblich in einen älteren Jungen, den sie abends in der Dorfdisco wiedertrifft. Während sie dort ihren ersten Stehblues tanzt, reden sich die Erwachsenen daheim schon wieder die Köpfe heiß.

Strahlende Sonne, saftiges Grün, kreischend schrille Klamotten: Julie Delpy hat einen klassischen Sommerfilm gedreht, der unverkennbar die 70er-Jahre hochleben lässt. Damals waren die politischen Fronten klarer, die Debatten leidenschaftlicher, die Menschen verrückter. So jedenfalls wirkt es in Delpys Inszenierung, die sich in diesem Film erneut mit ihrer eigenen Familie beschäftigt. Sie selbst spielt hier die Rolle ihrer Mutter, die im wahren Leben während der Dreharbeiten zu „2 Tage in New York“ starb. Ihr Vater Albert übernimmt in beiden Filmen eine kleine Rolle. Filmemachen, so scheint es zumindest, ist für Delpy eine Möglichkeit, die eigene Kindheit zu verarbeiten.

Darin liegt die Kraft, aber auch die Schwäche ihrer letzten beiden Filme. Im Gegensatz zu „2 Tage in New York“ verzichtet sie in „Familientreffen mit Hindernissen“ auf eine durchkomponierte Geschichte und zeigt das Geschehen als luftige Abfolge langer Einzelsequenzen, die nur lose dramaturgisch zusammengehalten werden. Ein reizvolles Konzept, das Delpy große erzählerische Freiheit verschafft. Aus der Beobachtung an sich banaler Momente will sie eine Feier des Lebens destillieren. Leider fehlt es dem Film dazu aber doch an dramatischer Verdichtung. Viele Sequenzen lässt Delpy zu lang laufen, andere Episoden sprengen den Rahmen und lassen den Fokus immer wieder verschwimmen.

Julie Delpy hat sich viel, vielleicht zu viel vorgenommen: Sie erzählt in Gestalt der kleinen Albertine vom Ende ihrer eigenen Kindheit und parallelisiert das mit dem Ende der Unschuld der wilden 70er-Jahre, die in die reaktionären 80er münden. Dazu dient auch ein im Hintergrund aufgespanntes Bedrohungsszenario um einen Satelliten, der über der Bretagne abzustürzen droht. Insofern ist „Familientreffen mit Hindernissen“ vor allem ein mutiger Film – gleichzeitig leichte Sommerkomödie und forschendes Gesellschaftsporträt.

Oliver Kaever

1979. Nicht weniger als zwei Dutzend, Alte, Mittlere, Junge, Kinder, sind es, die an einem Wochenende zum Geburtstag der Oma erscheinen.

Eine Schnurstracks-Handlung gibt es nicht, und doch passiert viel: essen, trinken, reden, reden, reden, kicken, Karten spielen, am Bretagne-Strand baden, Krebse fangen, am FKK-Abschnitt die Nacktbader beäugen.

Singen, der Oma gratulieren, über die Todesstrafe, die ehemaligen Kolonien, den Algerienkrieg oder die damalige Situation der französischen Parteien und Regierungen streiten, über Sex diskutieren.

Alle sind miteinander verwandt. Rechte und Linke gibt es in dieser Familie.

Wiedersehensfreude, viel Bewegung, Lärm – alles erlebt und gesehen mit den Augen der elfjährigen Albertine, die sich in der Dorfdisco zum ersten Mal verliebt und plötzlich auch körperlich ein wenig erwachsener wird. Die Rolle wird gespielt von der kleinen Lou Alvarez, die ihre Sache erstaunlich gut macht.

Es war von der Regie her bestimmt nicht leicht, den Trubel, den diese zwei Dutzend beinahe zwei Stunden lang veranstalten, durchzuziehen. Aber es ist Julie Delpy einigermaßen gelungen.

Und es ist bestimmt nicht leicht, einen Film quasi ohne Handlung, ohne prologartige Einstimmung, ohne Hinführung zu einem dramatischen Höhepunkt und ohne positive oder negative Schlusspointe gestalten zu wollen. Das allerdings spürt man deutlich.

Man muss den Film als das nehmen, was er ist: die banale aber wirklichkeitsnahe Schilderung eines solchen Treffens. Julie Delpy – sie ist auch die Drehbuchautorin – spricht dabei wie beiläufig einige interessante Themen an, mal frauentypisch, mal männertypisch, und sie hat auch ein paar schöne Kinderszenen dabei, etwa wenn Albertine mit ihren Großmüttern über den Tod spricht oder wenn sie zusammen mit ihren Cousins und Cousinen den von der Demenz erfassten Onkel Hubert tröstet.

Vieles an diesem Familienfilm über das „Familientreffen“ ist übrigens autobiographisch.

Für Liebhaber des Genres.

Thomas Engel