Auch wenn er keine eigene juristische Kategorie ist, hat der Begriff Femizid einem Thema in den letzten Jahren zu dringend notwendiger Sichtbarkeit verholfen: Häusliche Gewalt gegen Frauen. Wie schwer es für die Betroffenen ist, sich aus einer toxischen Beziehung zu lösen und staatliche Hilfe zu bekommen, zeigt Alina Cyranek in ihrem teils nüchternen, teils experimentellen Dokumentarfilm „Fassaden.“
Über den Film
Originaltitel
Fassaden
Deutscher Titel
Fassaden
Produktionsland
DEU
Filmdauer
90 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Cyranek, Alina
Verleih
n.n.
Starttermin
12.02.2026
„Warum hast du ihn nicht einfach verlassen?“ Diese Frage, die eher einem Vorwurf gleichkommt, müssen sich Frauen allzu oft anhören, wenn sie von einer toxischen Beziehung berichten, in der sie drinstecken und oft nur schwer rauskommen. Die Erlebnisse gleichen sich dabei oft, formen ein geradezu klassisches Muster, das sich immer wieder aufs Neue wiederholt.
Aus vier Berichten von Frauen, die häusliche Gewalt erlebt haben, hat Alina Cyranek eine einzige Erzählung geformt, eine Art Typologie, ohne genaue Ortsbeschreibungen, nicht an diese oder jene Person gebunden und dadurch besonders universell. Vorgetragen wird diese Erzählung von Sandra Hüller, die mit nüchterner Stimme in die Rolle einer Frau schlüpft, die sich anfangs noch voller Enthusiasmus in eine Beziehung mit einem Mann einlässt, der scheinbar perfekt ist. Schnell zieht das Paar zusammen, sie gibt fast alles für ihn auf, steckt Geld in ein gemeinsames Haus, zieht sich aus ihrem alten Freundeskreis zurück, da er behauptet, dies mache ihn eifersüchtig, doch dann kippt alles. Immer häufiger wird er gewalttätig, prügelt sie durchs Haus – Doch ihn so einfach zu verlassen, das gelingt nicht.
Es wäre nun leicht, dieser Frau Vorhaltungen zu machen, zu sagen, dass sie doch schon früher etwas hätte merken müssen, dass sie nicht immer wieder auf seine Versprechen, sich jetzt aber wirklich zu ändern, hereinfallen hätte sollen. Genau solche Vorwürfe mussten und müssen sich Frauen immer wieder anhören, doch sie gehen am Punkt vorbei.
Wie schwer es aus unterschiedlichen Gründen ist, sich aus einer toxischen Beziehung zu befreien, erklären die Interviewpartner, die Cyranek zu Wort kommen lässt, von einem Polizisten, über Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen, bis hin zu einer Anwältin. Sie berichten nicht zuletzt auch von den Grenzen des Systems, das in der Regel erst dann aktiv werden kann, wenn eine Betroffene aktiv um Hilfe bittet. Niemand wird dazu gezwungen, Hilfe anzunehmen, was dann allerdings auch bedeutet, dass es die freie Entscheidung einer Frau ist, zu einem Mann zurückzukehren, der nicht gut für sie ist.
Doch selbst wenn die Entscheidung zu einer Trennung erfolgt ist oder gar eine Anzeige gestellt wurde, schützt das Rechtssystem oft den Mann, der in dieser Art der Beziehung oft nicht zuletzt der finanziell Stärkere ist. Im Zweifel für den Angeklagten heißt es nun mal im Rechtssystem, was bedeutet, dass Fälle oft gar nicht vor Gericht kommen. Und wenn, führt die Art und Weise der Befragung nicht selten zu einer neuerlichen Traumatisierung des Opfers.
Wirken diese Interviewpassagen klassisch dokumentarisch, versucht Alina Cyranek die von Sandra Hüller vorgetragenen Fallgeschichte oft mit experimentellen Bildern zu unterlegen. Tänzer sind hier zu sehen, die sich teils von Laken umgeben auf dem Boden wälzen und die Nähe einer Beziehung andeuten, die als Liebe begann und in Gewalt endete. Ein ungewöhnliches, aber auch gewöhnungsbedürftiges Stilmittel.
Stärker wirken da starre Einstellungen auf Häuserfronten oder Luftaufnahmen einer Vorortsiedlung. Ohne identifizierende Merkmale stehen diese Gebäude für die Fassaden des Titels, hinter denen häusliche Gewalt stattfindet, oft, aber nicht immer, ohne dass es jemand mitbekommt. Doch gerade in einer Kleinstadt oder einem Dorf, wo jeder jeden kennt, bieten die Fassaden oft sogar dem Täter Schutz. Gegen einen Nachbarn vorgehen oder wegen eines Kumpels aus der Kneipe die Polizei rufen, das fällt besonders schwer und sorgt dafür, dass das Thema häusliche Gewalt immer noch viel zu aktuell ist.
Michael Meyns







