Fasten auf Italienisch

Kad Merad, der strafversetzte Postbeamte aus „Willkommen bei den Sch’tis“, ist in Olivier Baroux’ Komödie „Fasten auf Italienisch“ ein sympathischer kleiner Schwindler. Sein „Vergehen“: obwohl algerischer Herkunft, gibt sich der Mitarbeiter eines Autohauses für einen Italiener aus. Als er für seinen kranken Vater im Ramadan fasten soll, droht sein Doppelleben aufzufliegen. Leichtfüßig erzählt, thematisiert die Geschichte eine Vielzahl von Aspekten aus nicht nur der französischen Multi-Kulti-Gesellschaft, in der auf humorvolle, aber hintergründige Weise gezeigt wird, welche Schwierigkeiten ein Leben mit Migrationshintergrund bergen kann.

Webseite: www.arsenalfilm.de

OT: L’Italien
Frankreich 2010
Regie: Olivier Baroux
Mit: Kad Merad, Valérie Benguigui, Roland Giraud, Guillaume Gallienne, Farida Ouchani, Nathalie Levy-Lang, Karim Belkhadra, Alain Doutey, Arielle Sémenoff, Guy Lecluyse
102 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 13.1.2011
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es ist ja nur ein Beispiel, dafür aber sicher übertragbar auch auf andere Berufe und Situationen des sozialen Lebens: dass sich in einem französischen Autohaus für italienische Sportflitzer ein lebenslustiger Klischee-Macho aus Bella Italia besser macht als ein gleichermaßen qualifizierter Bewerber arabischen Namens, letzterer sich zudem auch bei der Wohnungssuche schwerer tut, das gehört zum Alltag in unserer multiethnischen Gesellschaft. Mourad Ben Saoud, in Frankreich aufgewachsener Sohn algerischer Einwanderer, hat sich aus genau diesem Grund in Dino Fabrizzi verwandelt. Als dieser bleibt er zwar weiterhin ein „Reingeschmeckter“ – als „typischer Italiener“ in einem von Dolce Vita geprägten Umfeld aber ist er so zum akzeptierten, ja sogar gefragten Prototypen respektive Vorzeige-Integrierten geworden. Mit Kad Merad („Willkommen bei den Sch’tis“) als selbst in Algerien geborenem Franzosen ist diese Rolle perfekt besetzt.

Die in Marseille lebende Familie ahnt vom Doppelleben ihres Ältesten nichts. Bekannt ist ihnen lediglich, dass er in Rom lebt und deshalb bei Familienbesuchen regelmäßig italienische Orangen mitbringt – eingekauft beim Import-Lebensmittelhändler daheim in Nizza. Kritisch für den „Italiener“ wird es, als sein Vater kurz vor Beginn des Ramadan einen Herzinfarkt erleidet und Mourad bittet, für ihn die Zeit des Fastens und des Betens zu übernehmen. Ereignisse also, die nicht so recht ins geschäftige Leben einer säkularen Gesellschaft passen. Mourad merkt schnell, dass er sich mit seiner List einer perfekten Tarnung in eine Sackgasse manövriert hat und zwischen seinen verschiedenen Verpflichtungen religiöser, geschäftlicher und privater Natur aufzufliegen droht. Heraus hilft ihm nur, sich zu seinen Wurzeln und seiner wahren Identität zu bekennen und die möglichen Konsequenzen zu akzeptieren.

Regisseur Olivier Baroux – in Frankreich zusammen mit Merad als Comedy-Duo eine feste Größe im Unterhaltungsgeschäft – hat für seine hintergründige Komödie ein Thema angepackt, das auf eine leichtfüßige humorvolle und witzige Art bestens zu der nicht nur in Frankreich, sondern auch hierzulande geführten Integrationsdebatte passt. Sein Blick gilt beiden Seiten und ihrem Verhalten.

Der Gefahr, sich aufs Glatteis einer Culture-Clash-Komödie zu begeben, entgeht der im Original als „L’Italien“ gestartete Film durch einen Verzicht auf plakative Pointen. Stattdessen werden eine Vielzahl kleiner und feiner amüsanter Details am Rande geliefert – insbesondere während der religionsbedingten Fastenzeit, in der u.a. der Frau an Dinos Seite unter Ausflüchten aller Art die plötzliche Enthaltsamkeit erklärt werden muss. Baroux sympathisiert deutlich mit dem listigen Schwindler, die „Bösen“ sind jene, die sich gegenüber der wahren Identität intolerant zeigen, etwa der Kollege im Autohaus, der ebenfalls ein Auge auf die Nachfolge im Chefsessel geworfen hat. Schön, wenn Arbeitgeber sich von solchen hetzerischen Zeitgenossen nicht beeindrucken lassen und auf Fähigkeiten und Charakter, nicht aber auf die Herkunft schauen.

Thomas Volkmann

Eine französische Komödie mit Hintergedanken.

Dino Fabrizzi ist Autoverkäufer in Italien. Aber er verkauft nicht irgendwelche Autos sondern Maseratis. Außerdem hat er in Italien eine Freundin und in Frankreich eine große Familie. Und alle lieben ihn. Also ein glücklicher Mensch?

Nicht ganz. Denn Dino führt ein Doppelleben. Er ist in Wirklichkeit weder reiner Franzose noch reiner Italiener, sondern Algerier. Sein ursprünglicher Name: Mourad Ben Saoud. Er gab sich den italienischen Namen, um nicht überall als Immigrant, als Muslim, als Araber, als Flüchtling zu gelten. Dass Menschen, die meist gezwungenermaßen auf fremdem Boden leben, ein solches Gefühl haben, wird mehr und mehr zur Realität.

Dino hat sich aber eingerichtet, er kommt mit seinem Scheinleben ganz gut zurecht. In seiner Firma hat er sogar tolle Aufstiegsaussichten.

Bei einem Besuch seiner in Frankreich lebenden Familie bekommt der Vater einen Herzanfall. Er kann dieses Jahr den Ramadan nicht begehen. „Dino“ nimmt er das Versprechen ab, für ihn einzuspringen. Denn Allah verlangt dies.

Oh je, oh je. Wie soll Dino seiner Freundin erklären, dass er keinen Sex haben darf? Wie soll er sich verhalten, wenn er zum Essen eingeladen wird? Wie soll er, der sich um Religion wenig kümmerte, die Gebete, die Waschungen, die Riten einhalten? Welcher Imam kann ihm dies alles beibringen?

Unter diesen Bedingungen das Doppelleben beizubehalten ist schier ein Ding der Unmöglichkeit. Das Misstrauen und die Missverständnisse in der Familie, die Schwierigkeiten in der Firma, der Krach mit der Freundin, das Theater, das Dino spielen muss, der Stress, das Unvorhergesehene – das alles geht bis zum Unerträglichen, führt ins Überdimensionale, hat sogar eine Verhaftung zur Folge.

Alles kommt schließlich ans Tageslicht. Aber Dino, ab jetzt nur noch Mourad, ist daran gewachsen. Er wird nun nur noch er selbst sein.

Ein fabelhaft erdachtes, inszeniertes und gespieltes Stück. Ein Amüsement – aber wie gesagt mit Hintergrund. Denn in den Witz eingepackt ist das Problem der Immigration, der Integration, der Schwierigkeiten der Menschen, die sich in einer solchen Lage befinden. Der Film kann durchaus – wenn auch sehr diskret – dazu auffordern, sich ein paar Gedanken zu machen und gegebenenfalls, wenn nötig, die eigene Haltung in der Frage zurechtzurücken.

Thomas Engel