Jim Jarmusch, der Meister der cool distanzierten Komödie, ist vielleicht einer der letzten echten US-Independent-Autorenfilmer. Seine Werke sind geprägt von einer ruhigen Erzählweise und seinem lakonischen Humor, oft begleitet von einem atmosphärischen Soundtrack, der die meist melancholische Grundstimmung zusätzlich verstärkt.
All das gilt auch für seinen neuesten Film, für den Jim Jarmusch 2025 in Venedig den Goldenen Löwen für den besten Spielfilm entgegennehmen durfte.
Über den Film
Originaltitel
Father Mother Sister Brother
Deutscher Titel
Father Mother Sister Brother
Produktionsland
USA,FRA,ITA,DEU,IRL
Filmdauer
110 min
Produktionsjahr
2025
Produzent
Gillibert, Charles / Astrachan, Joshua / Logan, Carter
Regisseur
Jarmusch, Jim
Verleih
Weltkino Filmverleih GmbH
Starttermin
26.02.2026
Er zeigte sich gerührt – und wir sind es ebenfalls, denn „Father Mother Sister Brother“ ist schon fast ein Alterswerk, dabei nicht nur ein ziemlich typischer Jarmusch-Film, sondern auch sehr unterhaltsam und kann zudem mit einem stargespickten Ensemble aufwarten, zu dem u. a. Cate Blanchett, Charlotte Rampling, Vicky Krieps und Tom Waits gehören. Ein dreiteiliger Film, ein Triptychon – und es geht um die Familie. Doch die ist hier kein schützender Hafen, sondern ein ziemlich gedämpfter Resonanzraum, in dem Blicke die peinlichen Gesprächspausen überbrücken müssen, weil man sich nichts zu sagen hat.
In der ersten Episode besuchen Sohn und Tochter ihren Vater, der irgendwo in den Wäldern im Nordosten der USA in einem ärmlichen Blockhaus lebt. Jeff, der Sohn, (Adam Driver), hat dem Vater (Tom Waits) öfters mal ein paar Scheinchen zugesteckt. Emily (Mayim Bialik) steht ihrem Vater noch distanzierter gegenüber als ihr Bruder. Wenig überraschend tritt ihnen der Vater ziemlich verwahrlost und zerzaust gegenüber. Das mitgebrachte Paket mit Lebensmitteln wird gern angenommen. Als sich die Drei um den Tisch versammeln, will kein Gespräch zustande kommen. Offenbar steht zu viel zwischen ihnen, oder es gibt zu wenig gemeinsame Geschichte und zu wenig Interesse füreinander. Jim Jarmusch lässt das offen, er zeigt lediglich mit lakonischer Lässigkeit, wie die familiäre Beziehung zwischen den Dreien gleichzeitig trennend und verbindend ist. Und er präsentiert hier einen gelungenen kleinen Schlussgag.
Ähnlich sieht es im zweiten Teil aus, der in Dublin spielt. Hier sind es zwei Töchter, gespielt von Cate Blanchett und Vickie Krieps, die ihre Mutter (Charlotte Rampling) besuchen. Die Situation wirkt noch verkrampfter als in der ersten Episode, denn hier haben sich auch die beiden Schwestern nichts zu sagen. Ihre Gesprächsbeiträge sind von Vorsicht und Rücksicht geprägt. Nur nichts Falsches sagen!, scheinen sie ständig zu denken, als ob ein einziges, zur Unzeit ausgesprochenes Wort eine Katastrophe auslösen könnte.
Ganz anders dagegen die dritte Episode, in der ein erwachsenes Zwillingspärchen (Indya Moore und Luka Sabbat) noch einmal in die mittlerweile ausgeräumte Pariser Wohnung ihrer tödlich verunglückten Eltern fährt. Hier geht es auch um Trauer und um die tröstliche Wirkung einer Geschwisterbeziehung.
Der Film erzählt drei Variationen desselben Gedankens – dass Nähe weder durch die familiäre Bindung garantiert wird noch einfach aufkündbar ist. Familie ist ein work in progress, wenn man nicht gemeinsam daran arbeitet, geht die Essenz verloren. Die Botschaft des Films bleibt, typisch Jim Jarmusch, leise und beiläufig: Man kann ein Leben lang nebeneinander her leben und doch zusammengehören – in Gesten, Blicken, Routinen und in der Art, wie man schweigt. Und vielleicht kann man auch wieder zusammenfinden.
Autofahrten spielen wie in so vielen Jarmusch-Filmen eine wichtige Rolle: Die Fahrt zum Vater, zur Mutter und in die Wohnung der toten Eltern bietet die Gelegenheit für Gespräche, die später nicht mehr zustande kommen. Besonders Vicky Krieps, die offensichtlich viel zu verbergen hat und sich von ihrer Freundin zur Mutter fahren lässt, das aber nicht zugeben will, zeigt hier, wie sehr sie die Familie in Gestalt ihrer Mutter und ihrer Schwester als Last empfindet. Das Zusammensein mit Vater und Mutter ist für alle Beteiligten (und für das Publikum) auf schmerzliche Weise geprägt von dem Bemühen, Nähe herzustellen. Da passiert sonst nicht viel, aber gerade in der Ereignislosigkeit wird die Entfremdung am deutlichsten. In der dritten Episode sind es die Zwillinge, die sich über ihre abwesenden Eltern noch einmal neu und anders kennenlernen. Eigentlich haben sie ihre Eltern gar nicht gekannt, und diese Erkenntnis verstärkt den Verlust noch mehr.
Jim Jarmusch vertraut seinen Stars und ihrer Fähigkeit, in Pausen, Blicken und Gesten manchmal mehr zu sagen als mit Worten. Dazu passt das ruhige Erzähltempo, das aber gerade dadurch eine große emotionale Genauigkeit erreicht. Mit feinem Humor zeigt Jim Jarmusch das Modell der Kleinfamilie als lebenslange Übung im Aushalten, Annähern, Finden und Loslassen – eigentlich unspektakulär, aber wichtig.
Gaby Sikorski







