Festung

Heruntergelassene Jalousien. Davor tuschelnde Nachbarn, dahinter angsterfülltes Halbdunkel. Familiäre Gewalt lässt vor allem die Kommunikation mit der Außenwelt einfrieren. Davon erzählt „Festung“: Wie zwei Töchter von ihrem prügelnden Vater in ein Leben der ständigen Lüge getrieben werden. Der Film wurde beim Max-Ophüls-Festival 2012 mit dem Preis der Jugendjury ausgezeichnet, das Drehbuch bereits bei der Berlinale 2010 prämiert.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Deutschland 2012
Regie: Kirsi Marie Liimatainen
Drehbuch: Nicole Armbruster
Darsteller: Elisa Essig, Ansgar Göbel, Karoline Herfurth, Peter Lohmeyer, Ursina Ladi, Antonia Tamara Pankow
Verleih: farbfilm verleih
Kinostart: 29. November

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Johanna (Elisa Essig) ist 13 und eine Außenseiterin. Wenn sie in der Schule Einladungskarten zu ihrer Geburtstagsfeier verteilt, erntet sie von den populären Mädchen nur spöttisches Lachen. Wenigstens Ritschie (Ansgar Göbel), als Sohn des Sportlehrers selbst nicht gerade beliebt, interessiert sich für sie. Die beiden werden ein zögerliches Paar – sie probieren aus, wie sich das anfühlt, verliebt zu sein. Aber Johanna erzählt Ritschie nicht, warum sie oft zu Verabredungen nicht kommen kann oder ständig ihre kleine Schwester Moni (Antonia Tamara Pankow) mit sich herumschleppen muss. Ihr Vater (Peter Lohmeyer) verprügelt zuhause regelmäßig ihre Mutter. Die ältere Schwester Claudia (Karoline Herfurth) ist ausgezogen und hat den Kontakt mit ihm abgebrochen. Die Mutter (Ursina Ladi) ist zu erschöpt und verängstigt, um überhaupt noch zu reagieren, und Moni verteidigt mit Klauen und Zähnen ihre Fantasie von der glücklichen Familie. Johanna ist völlig auf sich allein gestellt. Als sie sich Ritschie anvertraut, löst dessen Vater eine Katastrophe aus.

Konsequent schildert Drehbuchautorin Nicole Armbruster die Geschehnisse aus der Perspektive von Johanna. Wenn wieder ein Streit zwischen den Eltern ausbricht, ist der Zuschauer mit ihr und Moni im Kinderzimmer, hört das immer lauter werdende Geschrei, das Poltern umstürzender Möbel, das Wimmern der Mutter. Die absolute Hilflosigkeit und Einsamkeit der Kinder ist in diesen Momenten nachvollziehbar. Das ist wichtig für „Festung“ – nicht, weil der Film den Horror häuslicher Gewalt besonders realistisch evozieren möchte. Sondern, weil er von den Wunden in den Seelen der Kinder erzählt, die so real sind wie die blauen Flecken auf den Armen der Mutter, im Gegensatz zu ihnen aber unsichtbar. Scham, Angst und Verwirrung sind so groß, dass Johanna und Moni ein Bollwerk gegen das Außen bilden und sich niemandem anvertrauen. Dieses Schweigen verstärkt die seelische Verstümmelung der Kinder noch und macht es ihnen unmöglich, Anschluss zu finden.

„Festung“ macht diese Isolation auch filmisch stellenweise durchaus deutlich, etwa in der flachen Tiefenschärfe, die die Geschwister häufig von einer verschwommenen Umwelt trennt. Auch mit der Ausstattung: so wirkt das Elternhaus mit seinen grauen Wänden absolut anonym; das Hotel dagegen, das der Vater führt, ist ein wahres Monstrum von deutscher Gutbürgerlichkeit. Positiv fällt auch auf, dass die Geschichte regional fest verankert ist und durch die Kulisse einer nicht genannten Kleinstadt inmitten von Weinbergen sehr konkret macht.

Dennoch leidet der Film zunehmend an einigen dramaturgischen und inszenatorischen Schwächen. Abgesehen von wenigen mutigen Einstellungen bleibt „Festung“ ein konventionell inszeniertes Fernsehspiel, das die Geschichte nicht auf stilistischer Ebene reflektiert und auch keinen Gebrauch von der Kinoleinwand macht. Das ist schade, weil Ansätze dazu durchaus verhanden sind, aber nicht weiterverfolgt werden. Auch macht sich auf Dauer bemerkbar, dass die Figur des Vaters so schwach motiviert ist, dass es auch einem großen Schauspieler wie Peter Lohmeyer selten gelingt, ihm Tiefe zu verleihen. Vor allem seine Beziehung zu Johanna bleibt völlig im Dunkeln. Dem Film fehlt so ein Zentrum, und die Geschichte dümpelt im zweiten Drittel vor sich hin. So wird man den Eindruck nicht los, dass „Festung“ ein weiterer deutscher Problemfilm ist, der ein ein Thema brav aufarbeitet, ohne aber den Zuschauer wirklich mit in seine Tiefen zu nehmen.

Oliver Kaever

Eine eher idyllische Gegend, ein kleines Städtchen, ein gepflegtes Einfamilienhaus. Erika wohnt da mit ihrem Mann Robert sowie den Töchtern Claudia, Johanna und der kleinen Moni. Claudia allerdings ist schon vor einer Weile ausgezogen. Warum?

Es ist wegen Robert, dem Vater. Der nämlich hat bereits eine Gewaltentziehungstherapie hinter sich. Er verhält sich zwar jetzt meist normal und vernünftig, aber die eigentlich latent Leidtragende ist doch Erika. Immer wieder misshandelt und schlägt Robert seine Frau, die blauen und blutenden Flecken an ihrem Körper sind unübersehbar, beweisen es.

Moni, die Kleine, ist hilflos, versucht sich immer schützend vor die Mutter zu stellen, schläft manchmal sogar vor deren Zimmertür. Claudia, die sich innerlich längst von ihrem Vater getrennt hat, tobt, wenn sie da ist oder wieder etwas Schlimmes bemerkt hat. Johanna ist in der Pubertät. Sie würde sich lieber in Christian verlieben, doch ihr ganzes Wesen ist verstört und gestört: in der Schule, zu Hause oder wenn sie bei Freunden sein will.

Die Menschen draußen bekommen davon nichts oder nicht viel mit. Das Haus ist eben eine „Festung“. Niemand will etwas nach außen dringen lassen. Nach innen aber ist vieles zermürbt, traurig, kaputt.

Erika wollte schon oft aufgeben, doch sie ließ sich stets erneut besänftigen. Sie scheint ihren Robert trotz allem zu lieben. Johanna schließlich ist es, als es wieder einmal zuviel wird, die ihren Mut in beide Hände nimmt. Sie greift zum Telefon. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Was aus Robert wird, niemand weiß es.

In vielen, allzu vielen Häusern und Heimen herrscht Gewalt. Dass dieser Film auf unsensationelle aber umso wirkungsvollere Weise wieder darauf aufmerksam macht, ist sein Verdienst. Es geschieht nicht viel, aber die Furcht, die ständige Unsicherheit und Gefahr, die dadurch gegebene Zerstörung des Familienlebens, sie sind offenbar.

Nicht gerade ein fröhlicher Film, doch einer, aus dem Lehren gezogen werden können – und wohl müssen.

Die filmische Form ist einfach – aber wie gesagt, gerade durch das Fehlen des Spektakulären ist das Stück eindringlich. Es spielen u. a. Peter Lohmeyer (Robert), Ursina Lardi (Erika), Karoline Herfurth (Claudia) und vor allem Elisa Essig als Johanna. Von dieser jungen Dame wird man noch hören.

Eine Art Lehrstück über versteckte Gewalt in der Familie.

Thomas Engel