Finsteres Glück

Die Geschichte rund um eine Sonnenfinsternis ist bestes Literaturkino – ein fesselndes Familiendrama, komplett kitschfrei und in kühlen, wirkungsvollen Cinemascope-Bildern: Die Psychologin Eliane wird durch die Therapie eines traumatisierten Kindes an ihre eigene, nicht verarbeitete Vergangenheit erinnert. Stefan Haupt hat herausragende Darsteller für die ergreifende Romanverfilmung über Schicksal, Schuld und Liebe gefunden. Sein optimistischer Blick in die Zukunft wird getragen vom Glauben an Mitmenschlichkeit und Vernunft.

Webseite: www.finsteresglueck.wfilm.de

Schweiz 2016
Regie und Drehbuch: Stefan Haupt (nach dem gleichnamigen Roman von Lukas Hartmann)
Darsteller: Eleni Haupt, Noé Ricklin, Elisa Plüss, Chiara Carla Bär, Martin Hug
114 Minuten
OmU (Schweizerdeutsch mit hochdeutschen Untertiteln)
Verleih: W-film
Kinostart: 16.08.2018

FILMKRITIK:

Als Eliane mitten in der Nacht zu einem Einsatz ins Krankenhaus gerufen wird, ahnt sie nicht, dass die Begegnung mit dem kleinen Yves nicht nur sein, sondern auch ihr Leben verändern wird. Eliane ist Traumatherapeutin, und Yves hat soeben bei einem Verkehrsunfall seine Eltern und die beiden Geschwister verloren. Der Kleine scheint Eliane zu vertrauen – wenn sie bei ihm ist, redet er wie ein Wasserfall, und wenn er sich aufregt, kann nur sie ihn beruhigen. Seine nächsten Angehörigen, Tante und Oma, sind ihm dagegen wenig sympathisch. Ein hässlicher Sorgerechtsstreit entbrennt zwischen den beiden. Bis zur Klärung nimmt Eliane den Kleinen zu sich nach Hause. Zuhause kann sie ihn besser beobachten und betreuen. So lautet zumindest ihre offizielle Begründung, aber tatsächlich ist zwischen ihr und Yves eine Verbindung entstanden, die weit über eine professionelle Therapeut-Klienten-Beziehung hinausgeht. Das ist auch Elianes Töchtern nicht entgangen, Helen und Alice, die beide erhebliche Probleme mit sich selbst und mit ihrer Mutter haben. Das Leben mit Yves tut allen gut. Je länger er bei ihnen lebt, desto mehr öffnet er sich, so dass es scheint, als ob er bald zu den Ursachen des Traumas vordringen wird. Weitere Erkenntnisse lassen darauf schließen, dass es sich bei dem Unfall um einen erweiterten Selbstmord handeln könnte. Kennt Yves den wahren Hintergrund, und kann er sich mit Elianes Hilfe erinnern? Auch Elianes Erinnerungen an ihre eigene unbewältigte Geschichte, die mit dem Tod ihres ersten Mannes zu tun haben, werden immer intensiver. Aber noch bevor sich irgendetwas klären kann, wird Yves von seiner Tante abgeholt, die das Sorgerecht für ihn erhalten hat. Eliane und ihre Töchter kommen mit der Trennung von Yves nur schwer zurecht, doch noch mehr leidet der kleine Junge. Eliane entwickelt einen Plan, wie sie Yves ganz legal zu sich holen könnte. Und sie hat eine Ahnung, wie sich das Trauma bei Yves lösen ließe.
 
Auch wenn das alles zwar sehr komplex, aber sehr schweizerisch vernünftig klingt, ist der Film alles andere als nüchtern und keinesfalls psychologisierend, sondern eine klug ausgedachte, spannende Geschichte, die sich eng an der literarischen Vorlage orientiert. Das Thema der Sonnenfinsternis begleitet den gesamten Film, ist mal mehr, mal weniger präsent. Der Isenheimer Altar, dieses gleichzeitig monströse und ans Herz gehende mittelalterliche Kunstwerk, das von Verzweiflung und Hoffnung handelt, ist ein zweites Thema. Beide sind durch die Geschehnisse miteinander verbunden: Yves war mit seiner Familie unterwegs auf einem Ausflug, um die Sonnenfinsternis zu betrachten. Das geschah in der Nähe von Colmar, wo der Isenheimer Altar ausgestellt ist. Nach vielen Interpretationen ließ sich Matthias Grünewald in seiner Lichtgestaltung von einer Sonnenfinsternis inspirieren. Die Psychologin Eliane hat zu dem Kunstwerkt ein besonderes Verhältnis: Zu Beginn des Films sieht man sie ein Buch über den Altar öffnen, das sie selbst geschrieben hat. Scheinbar zufällig tauchen die Themen in der Geschichte immer wieder auf, werden mal mehr, mal weniger aufgenommen und verdichten sich schließlich zum Schluss hin.
 
Bei aller Symbolik bleibt der Film nachvollziehbar und verfällt weder in Effekthascherei noch in Kitsch. Es gibt kaum Rückblenden oder esoterisch angehauchte Vorfälle, nur hier und da ein paar Begegnungen zwischen Traum und Wirklichkeit. Das Licht in Stefan Haupts Film ist – ähnlich wie das der Altarbilder – eine ausgeklügelte Angelegenheit in sanften Herbsttönen, und manchmal sind die Bilder von Nebeln umwabert. Die gesamte Lichtstimmung ist ansonsten kühl. Und so ist auch Eliane, zumindest auf den ersten Blick. Mit kaum sichtbaren Emotionen, sehr sicher und sympathisch spielt Eleni Haupt diese ziemlich kaputte Frau, die manchmal eine fatale Ähnlichkeit mit der Madonna auf Grünwalds Altar hat. – Eine Replik hängt in ihrem Arbeitszimmer. Sanft und ruhig spricht Eliane das Kind an. Dasselbe versucht sie mit wechselndem Erfolg bei ihren Töchtern. Hinter der Fassade einer selbstbewussten Psychologin und engagierten Mutter steckt eine manchmal vollkommen hilflose und überforderte Persönlichkeit, die mit ihren eigenen familiären Problemen kaum fertig wird und sich vielleicht deshalb so bereitwillig in die Arbeit stürzt. Eleni Haupt stellt diesen Zwiespalt überzeugend dar und gibt Eliane zusätzlich eine geheimnisvolle Energie, die sie voranzutreiben scheint. Beinahe noch beeindruckender – und so fesselnd, dass man beinahe um das Seelenleben des Kindes fürchtet – spielt der kleine Noé Ricklin den Yves. Seine Blicke tun weh, diese Augen eines verlassenen Kindes, das nach Nähe sucht und nach Erklärungen. Die schauspielerischen Leistungen sind beeindruckend, sie ziehen den Zuschauer in einen Bann, dem er sich schwer entziehen kann, und machen den Film schon allein durch das Zusammenspiel der Charaktere spannend. Einen Großteil der Faszination macht auch die Bildgestaltung aus, die Porträts oft halbnah, mit warmherzigen Close-ups, die Landschaftstotalen dagegen herbstlich kühl, mit kahlen Bäumen, die Erinnerung an den Sommer ist fast schon dem Winter gewichen. Doch die Hoffnung bleibt.
 
Gaby Sikorski