Florence Foster Jenkins

Er hat der „Queen“ ein famoses Kino-Denkmal gesetzt. Nun erzählt Stephen Frears, nicht minder vergnüglich, die wahre Geschichte der schlechtesten Sängerin der Welt. Florence Foster Jenkins heißt die Dame. Ihr Traum: Umjubelte Opernsängerin. Das Problem: Keinerlei Talent. Ihr Vorteil: Viel Vermögen. So mietet Florence kurzerhand die berühmte Carnegie Hall für ein Konzert – und kauft sich glänzende Kritiken gleich dazu. Letzteres hat Frears kaum nötig. Er trifft, ganz im Unterschied zu seiner Heldin, jeden Ton perfekt. So komisch die Lachnummer über den Trash-Gesang der selbsternannten Diva ausfällt, bleibt die Würde dieser Lady nie auf der Strecke. Die exzentrische Figur bietet eine Steilvorlage für Meryl Streep, die sie mit sichtlichem Vergnügen zur großartigen Glanzparade nutzt. Da capo!

Webseite: www.constantin-film.de

GB 2016
Regie: Stephen Frears
Darsteller: Meryl Streep, Hugh Grant, Simon Helberg, Rebecca Ferguson, David Haig
Filmlänge: 110 Minuten
Verleih: Constantin
Kinostart: 24. November 2016
 

FILMKRITIK:

In “Mamma Mia!” hat Meryl Streep ihre Sangeskünste in Perfektion präsentiert. Nun muss sie das genaue Gegenteil unter Beweis stellen und so miserabel singen, wie es nur geht. Schließlich spielt sie Florence Foster Jenkins, die als schlechteste Sängerin der Welt für Furore sorgte und im New York der 40-er Jahre zur Kultfigur avancierte. Bis heute taugt ihr talentfreies Trash-Geträller zur Gaudi des You-Tube-Publikums. Die Click-Raten dürften nach diesem Biopic gehörig explodieren. Zugleich auch die Sympathiewerte steigen, denn ihrem Kampf gegen Windmühlen wohnt jener Zauber inne, der auch einen “Eddie the Eagle” beflügelte. Versager mit Visionen – das hat allemal enormes Empathie-Potenzial. Ecken und Kanten sind schließlich spannender als stromlinienförmige Perfektion.
 
„Viele Sängerinnen in meinem Alter werden schlechter. Ich werde immer besser!“ An Selbstbewusst sein fehlt es Florence Foster Jenkins gewiss nicht. An Talent umso mehr. Statt ihr die Wahrheit zu sagen, werden ihre schrillen Töne wie des Kaisers neue Kleider beklatscht. Zum einen vom Gesangslehrer, der sein fürstliches Honorar nicht gefährden möchte. Zum anderen vom Ehemann und Manager St Clair Bayfield (Hugh Grant), der seine Gattin aus Fürsorge vor der bitteren Wahrheit schützen will und trickreich dafür sorgt, dass stets ausreichend Claqueure vorhanden sind, die den Schwindel mitmachen. Nicht minder raffiniert versteckt der adelige Gentleman die Affäre mit seiner Geliebten. Die Zuneigung zur vermögenden Ehefrau erweist sich allerdings als durchaus wahrhaftig.  
 
Die kleinen Auftritte im von ihr finanzierten Verdi-Club oder die großen Schecks für den geldklammen Star-Dirigenten Toscanini waren Florence bislang ausreichend für ihr Kunst-Ego. Als sie jedoch eine Vorstellung der Opernsängerin Lily Pons in der Carnegie Hall besucht, ist sie derart begeistert, dass sie spontan beschließt: Das will ich auch!
 
Der um sein Image fürchtende Gesangslehrer ergreift sofort die Flucht, mit dem jungen Pianisten Cosme McMoon (Simon Helbeg aus “The Big Bang Theory”) wird schnell Ersatz gefunden. Auch er findet die Sangeskünste schrecklich. Doch Cosme schließt Florence in sein Herz. Und wie schon Beethoven sagte: „Ein paar falsche Töne sind verzeihlich. Der Mangel an Gefühlen jedoch nicht.“
 
Es folgt die große Premiere. Die betrunkenen Soldaten im Publikum sind kein gutes Omen. Ebenso wenig wie jener Kritiker, der empört das Konzert verlässt und alle Bestechungsversuche ablehnt. Doch weder Pöbel noch spießige Spaßbremsen setzen sich durch. Die Trash-Diva wird Kult, ihre Schallplatte ein paar Jahrzehnte später von David Bowie in seiner persönlichen Top 20-Liste geführt.  
 
Stephen Frears gelingt mit seiner amüsanten Hommage an diese ungewöhnliche Diva der nicht ganz leichte Spagat zwischen Lachnummer und würdigem Porträt. Allem Reichtum zum Trotz, hatte es die Dame in ihrem Leben keineswegs leicht. In jungen Jahren mit Syphilis infiziert, leidet sie an den gravierenden Spätfolgen. Ihre Klavier-Karriere muss sie deswegen aufgeben. Den großen Traum der Musik lässt sie sich nicht nehmen: „Das ist es, wofür wir leben!“ sagt Florence vor ihrem Konzert. Meryl Streep setzt ihr ein wunderbares Denkmal und zeigt hinter der ziemlich exzentrischen Schale den sehr sensiblen Kern. Für Hugh Grant ist diese Rolle des eitlen Frauenhelden natürlich eine gemähte Wiese, dabei selbstmitleidig den gescheiterten Shakespeare-Mimen zu geben, passt bestens zu dem auch in der Realität gerne kokettierenden Briten.
 
Der sympathischen Frau Jenkins wird dieses vergnügliche Biopic gewiss zu einem verdienten Comeback verhelfen. Der eitle Kritiker der „New York Post“ dürfte derweil seinen üblen Verriss verfluchen. Wie heißt es schließlich so treffend: „So lang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende.“
 
Dieter Oßwald