Flying Scotsman

Der Radsport ist nicht nur prädestiniert für schlimme Dopingsümpfe, sondern auch für große Heldengeschichten, wie sie der Schotte Graeme Obree in den 90ern schrieb. „Trainspotter“ Jonny Lee Miller spielt den exzentrischen Außenseiter, der Anfang der 90er auf den Velodromen dieser Welt für Furore sorgte. Mit einer gewagten Eigenkonstruktion verbesserte der Nobody gleich zweimal den Stundenweltrekord und gewann obendrein in den Jahren 1993 und 95 die Weltmeisterschaft in der Einerverfolgung. Die sensationellen Erfolge waren den Funktionären des Radsportverbandes ein Dorn im Auge. Mit Schikanen und Verboten technischer Details versuchte man den Schotten zu stoppen. Doch der besitzt die Hartnäckigkeit eines Highlanders.

Webseite: www.centralfilm.de

GB/D 2006
Regie: Douglas Machinnon.
Darsteller: Jonny Lee Miller, Brian Cox, Billy Boyd, Laura Fraser, Steven Berkoff.
96 Minuten
Start: 5.7.2007

PRESSESTIMMEN:

Sympathischer Sportfilm nach der wahren Geschichte des Radweltmeisters Graeme Obree, der auf die üblichen Klischees des Genres verzichtet und sich zur spannenden Tragödie verdichtet.
film-dienst

Eine Presseschau auf film-zeit.de hier…

FILMKRITIK:

Graeme Obrees Obsession ist das Radfahren. Sein Vater hat ihn schon früh in den Sattel gehievt. Damals allerdings nicht mit dem Plan, aus ihm einen Profi zu machen, sondern um ihm den entscheidenden Vorsprung vor seinen jugendlichen Verfolgern zu geben. Denn Graeme war als Sohn eines Dorf-Polizisten das beliebteste Ziel einer Jugendbande. Die Flucht per Fahrrad führt ihn an den Radsport heran, bedeutet aber gleichzeitig die Zementierung eines Traumas, dem sich der scheue Junge niemals gestellt hat. 

Auch sein weiterer Werdegang ermutigt ihn zuerst einmal nicht gerade zu großen Höhenflügen: das kleine Fahrradgeschäft geht pleite und Graham landet als einfacher Fahrradkurier bei einem Botendienst. Umso vermessener erscheint sein Traum, im Sommer 1993 den neun Jahre alten Stundenweltrekord im Bahnradfahren zu verbessern. In nur acht Wochen gelingt es ihm dennoch; dank großem Talent, ungeheurem Trainingfleiß und einer von ihm entwickelten, revolutionären Technik. Dass ihm der Rekord ohne gewaltige Sponsorensummen und mit einer technischen Eigenkonstruktion glückt, bei der sogar Teile einer simplen Waschmaschine zur Verwendung kamen, lassen den eigenbrötlerischen Schotten im Film wie im wahren Leben zu einem Medienereignis, aber auch zum ständigen Ärgernis des mächtigen Radsportverbandes werden. 

Der Kampf gegen die Funktionäre und nicht gegen die Konkurrenz steht denn auch im Mittelpunkt des Filmes. Noch größer als die Auseinandersetzungen mit den Funktionären ist allerdings der Kampf, den der stoische Selfmademan mit sich selbst auszutragen hat. Nicht zuletzt seine traumatische Kindheit sorgt immer wieder für bedrohliche, depressive Phasen. Selbst seine Frau steht der Krankheit hilflos gegenüber. Erst der Beistand eines unkonventionellen Kirchenmannes, gespielt von Paul Cox, verspricht Besserung.

Mit so rasanten Radsportbildern wie bei Pepe Danquarts Tour-de-France-Film „Höllentour“ kann der Film aus Großbritannien zwar nicht aufwarten, doch wenn der fliegende Schotte über die Bahn saust, dann sorgt die Kamera dafür, dass man im Publikum unwillkürlich mitstrampelt und dem Ziel entgegenfiebert. 

Noch überzeugender als die Aufnahmen in den Radsportstadien (gedreht wurde in Norwegen und Köln) fällt die Leistung der Schauspieler aus. Im energiegeladenen Spiel von Jonny Lee Miller („Trainspotting“) spiegelt sich die ganze Dramatik eines Charakters wider, den die Dämonen der Vergangenheit auf das Siegerpodest und gleichzeitig in die Hölle führen. Den reizvollen Kontrast zu diesem unruhigen Geist bildet Brian Cox, der in der Rolle des radsportverrückten Gottesmann als ruhender Pol und Ansprechpartner fungiert. 

Vielleicht bleibt der Film etwas zu nah an den Tatsachen, um durchweg zu begeistern. Ein wenig mehr Fiction, wie im Falle des therapeutisch tätigen Priesters, hätte der Geschichte gut getan. Bei manchen Szenen mangelt es so an der dramaturgischen Verdichtung. Radsportfans und Liebhaber psychologischer Dramen kommen aber bei dieser gefühlvollen Sportlerstory aber dennoch auf ihre Kosten. 

Norbert Raffelsiefen

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Der Schotte Graeme Obree ist als Radsportler ein Selfmade-Mann. Mit einem selbst gebastelten Fahrrad, das er aus Waschmaschinenkugellagern und alten Eisenteilen zusammensetzte, mit unbändigem Willen und härtestem Training, mit Hilfe seiner fürsorglichen Frau Anna, seines – für den Film erfundenen – Freundes und „Managers“ Malky sowie eines älteren Priesters gelang es ihm nach schweren Rückschlägen, den Stundenrekord im Bahnfahren und auch den Weltmeistertitel zu gewinnen.

Dabei musste er immer wieder zuerst sich selbst besiegen. Sein Fahrradgeschäft ging pleite, er musste lange Zeit als Fahrradkurier arbeiten, und er litt an manischen Depressionen. Mehrere Selbstmordversuche waren die Folge. Dazu kam, dass ihn die Radsportfunktionäre schikanierten. Wegen angeblich vorschriftswidriger Bauweise des Rennrades und sogar wegen unkorrekter Körperhaltung auf dem Rad wurden ihm rechtmäßig erworbene Titel aberkannt. Doch trotz vorübergehender schwerer Resignation ließ Obree sich nicht kleinkriegen. Mitte der 90er Jahre konnte er noch einmal einen Weltmeistertitel gewinnen.

Ein Film, dessen Entstehungszeit wegen schwieriger Durchfinanzierung nicht weniger als neun Jahre in Anspruch nahm. Dass nicht sehr viel Geld verfügbar war, sieht man ihm auch an. Dennoch war es die Sache wert. Es ist die Geschichte realen sportlichen Geschehens, aber es ist vor allem auch diejenige eines Lebenskampfes. Sie ist quälend, aber überzeugend dargestellt. Wer leidet nicht an physischen oder psychischen Komplikationen? Jedermann. Und so scheint es immer wieder nützlich, Beispiele existenzieller Schwierigkeiten und den Sieg über sie vorgesetzt zu bekommen. 

Das geschieht hier in einfacher, aber immerhin glaubwürdiger Weise. Graeme Obree war bei der Produktion des Films dabei. Er hat nicht zuletzt dank seiner Frau Anna die früheren Krisen gemeistert und ist übrigens auch mit dem fertigen Film hoch zufrieden. 

Vier Charaktere stehen im Vordergrund: der von Jonny Lee Miller gespielte Obree. Enorm, was der Schauspieler hier auch an Sportlichem geleistet hat. Er ist nicht gedoubelt, sondern kämpft bis zur völligen Erschöpfung selbst. Alle Achtung! Ganz abgesehen davon, dass er sich auch beim reinen Spielen alle Mühe gibt. 

Die gut aussehende Laura Fraser stellt zurückhaltend, aber wirkungsvoll Obrees Ehefrau Anna dar, Billy Boyd ebenso glaubhaft den Freund Malky. Einen sehr guten Part hat der angesehene schottische Darsteller Brian Cox. Er hilft Graeme immer wieder seelisch auf die Sprünge – in angenehmer und natürlicher Form.

Ein sehr einfaches, aber letztlich doch inspiriertes „Bio-Pic“, eine „emotionale Achterbahnfahrt“, wie eine schottische Zeitung schrieb, ein Film über einen Mann, der nicht nur sportliche Wettkämpfe, sondern vor allem auch seinen Lebenskampf gewinnt.

Thomas Engel