Zehn Kanus, 150 Speere und drei Frauen

Die Geschichte der australischen Aborigines ist alt. Sehr alt sogar. Geschätzt wird, dass sie vor 40.000 bis 50.000 Jahren über Landbrücken von Südostasien in den Norden Australiens kamen. Dort lebten sie bis zur Einwanderung durch die Europäer im Einklang mit der Natur. Ihre mythenumrankte Geschichte erzählten sich die Aborigines stets mündlich weiter. Auch Rolf de Heers in den nördlichen Sumpfgebieten spielender „Ten Canoes“ setzt auf dieses erzählerische Stilmittel – und bringt das einfache und doch von komplexen Regeln bestimmte Leben einer Gruppe von Ureinwohnern eindrucksvoll auf die Leinwand.

Internationale Filmfestspiele Cannes 2006 Spezialpreis der Jury – Un certain regard

Webseite: www.tencanoes.com.au

OT: Ten canoes
Australien 2006
Regie: Rolf de Heer
Darsteller: Crusoe Kurdall, Jamie Gulpilil, Richard Birrinbirrin, Peter Minygululu, Frances Djulibing, Philip Gudthaykudthay, David Gulpilil (Erzähler)
90 Minuten
Verleih: Alamode-Film
Kinostart: 9.8.2007

PRESSESTIMMEN:

 

…entführt den Zuschauer in eine fremde Welt und lässt ihn dort heimisch werden. Die Regisseure Rolf de Heer und Peter Djigirr erzählen schwungvoll Alltagsgeschichten und Legenden aus dem Leben der Aborigines… So viel erschien eine bedrohte Kultur selten auf der Leinwand wie in diesem amüsanten Spielfilm, der den Blick weitet und das Herz öffnet.
Der Spiegel

Ein ebenso poetisches wie bildgewaltiges Drama, das ganz aus dem Blickwinkel der australischen Ureinwohner erzählt wird, was auch die Tatsache erklärt, dass Dinge des täglichen (Über-)Lebens gleichberechtigt neben der archaischen Liebesmetapher stehen. Der zeitlose Film von der Wucht eines shakespeareschen Dramas entstand unter Mitwirkung von Aborigines und schafft es mit viel Humor, deren Denk- und Wertesystem näher zu bringen. – Sehenswert ab 14.
film-dienst

Pressestimmen auf film-zeit.de hier…

FILMKRITIK:

Man tut sich am Anfang etwas schwer mit den ungewohnt klingenden Namen der beteiligten Figuren. Macht aber nichts, denn die erzählte Geschichte selbst ist dafür umso simpler. Zunächst begleitet „Ten Canoes“ (Originaltitel) eine Gruppe von Männern auf der Jagd. Dazu müssen aber vorher noch aus der Rinde von Bäumen schwimmfähige Kanus gebaut werden. Ein älterer Mann erzählt einem jüngeren währenddem die Geschichte eines tragischen Zwischenfalls. Dem jungen Jäger wird sie ein Lehrstück für seinen weiteren Lebensweg sein. Dem Kinobesucher ist sie Erkenntnis über das Leben und die Natur der Aborigines.

 

Berichtet wird, dass ein Jäger drei Frauen unterschiedlichen Charakters besitzt, sein im Single-Camp lebender Bruder aber auf die jüngste ein Auge geworfen hat. Als am sogenannten Haarschneidetag ein Fremder ins Hüttendorf kommt und kurz darauf die stets eifersüchtige mittlere Frau des Jägers verschwindet, tippen manche im Dorf auf Entführung. Monate später glaubt man, den Fremden wieder im Gebüsch entdeckt zu haben. Ein Speer flirrt lautlos ins Ziel – getroffen aber hat er einen Unschuldigen. Die Leiche wird versteckt, doch nicht gut genug. Als Stammesbrüder des Toten die Tat entdecken, kommt es im Zuge einer „Payback-Ceremony“ zur Vergeltung. Die beiden Brüder müssen sich dabei der möglicherweise tödlichen Verantwortung stellen.

Die Erzählweise aboriginärer Traumzeitmythen macht sich der hollandstämmige Rolf de Heer auch filmisch zunutze. Während „Ten Canoes“ in Schwarzweißbildern beginnt, ist das, was der Erzähler – gesprochen von dem seit Nicholas Roegs „Walkabout“ (1969) wohl bekanntesten Aborigine-Darsteller David Gulpilil (u.a. auch in Philip Noyces „Rabbit-proof fence“ oder Wim Wenders „Bis ans Ende der Welt“) – nun als eigentliche Geschichte mitteilt, in Farbe zu bestaunen. Fast schon bilderbuchartig werden zunächst die Figuren mit einer kurzen Porträtansicht eingeführt, Humor kommt in der Folge der Erzählung nicht zu kurz – gelacht wird bei den Aborigines offenbar gerne und ausgiebig.

Dass einem die kulturellen Hintergründe zunächst fremd oder unbekannt sind, stört indes nicht. Im Gegenteil: die in „Ten Canoes“ (angesiedelt im Gebiet Arnhem Land im Northern Territory, rund 600 Kilometer westlich von Darwin) erzählte Geschichte behandelt mit dem Thema Eifersucht und Vergeltung ja doch wieder nur Konflikte, wie sie auch in zivilisierten Kulturen an der Tagesordnung sind. Hier kommen sie einem noch vor wie im Märchen.

Thomas Volkmann