Folktales – Mit Schlittenhunden ins Leben

Die Dokumentation ist so etwas wie die stille Antwort auf die Dauerbeschallung des Alltags. Es geht um eine Gruppe von Jugendlichen, die ein ungewöhnliches „Gap Year“ in der Arktis verbringen – fernab von Selbstoptimierungsparolen und dem reflexhaften Griff zum Smartphone. Stattdessen lernen sie, Hundeschlitten zu fahren, in der tief verschneiten Wildnis zu übernachten und miteinander klarzukommen.

 

Über den Film

Originaltitel

Folktales

Deutscher Titel

Folktales – Mit Schlittenhunden ins Leben

Produktionsland

USA, NOR

Filmdauer

106 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Grady, Rachel / Ewing, Heidi

Verleih

mindjazz pictures UG

Starttermin

05.02.2026

 

Die Regisseurinnen Heidi Ewing und Rachel Grady bleiben in ihrer beobachtenden Dokumentation nahe an den jungen Leuten, die ein Jahr lang eine Schule am Rand der Welt besuchen, wobei drei von ihnen im Mittelpunkt stehen: Hege, die unerwartet ihren Vater verloren hat, Romain, der immer Angst hat, das Falsche zu sagen, und Bjørn Tore, der gleich zu Beginn sagt: „Ich habe nicht viele Freunde. Die Leute finden mich nervig.“

Drei typische Kids von heute – die beiden Filmemacherinnen haben eine Dokumentation über die Kinder der Generation Z gedreht: Alle sind im Mediengewitter aufgewachsen, mit Smartphones und Internet, und nun werden sie in der Konfrontation mit dem Leben in der Arktis zurückgeworfen auf sich selbst und auf die Ursprünge des Menschseins oder, um mit einem der Schlittenhunde-Lehrer zu sprechen: auf ihr Steinzeit-Gehirn. Das Leben in der Wildnis ist hart, die Temperaturen liegen ständig unter dem Gefrierpunkt, und die Polarnacht mit ihren zwei Monaten Dunkelheit zerrt an den Nerven. Doch hier im äußersten Norden Norwegens, an der Barentssee, kurz vor der russischen Grenze, ist auch für Momente der Erschöpfung Platz, ebenso für Unsicherheiten, Trauer, Trotz und das große Bedürfnis dieser jungen Leute, irgendwo „richtig“ anzukommen. Die Kids suchen nicht das Abenteuer als Instagram-Kulisse – obwohl das durchaus denkbar und lohnend wäre – sondern eine Art Neustart, und sie bekommen ihn nicht geschenkt. Die Hunde spielen dabei eine wichtige Rolle: Sie sind kein wuscheliges Therapie-Requisit , sondern eigenwillige Partner, die Geduld und Vertrauen fordern. Gerade in dieser Reibung liegt eine besondere Kraft: Ein Schlitten läuft erst dann richtig, wenn Mensch und Tier einander respektieren, und so wird aus dem Kursprogramm ein Spiegel fürs Leben. Einschließlich der Unwägbarkeiten und Überraschungen, die es mit sich bringt, im Guten wie im Schlechten. So wie in der nordischen Mythologie, in der die Nornen den roten Faden spinnen, der das Schicksal der Menschen bestimmt. Der rote Faden begleitet den Film – als Erinnerung daran, den Moment zu genießen angesichts einer Zukunft, die Verheißung und Verhängnis sein kann.

„Folktales“ erzählt von Selbstwirksamkeit – davon, dass man sich nicht „finden“ muss wie einen verlorenen Schlüssel, sondern dass man sich die eigene Persönlichkeit erarbeiten kann und muss, Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug. Das Setting der Folk-High-School-Tradition (lernen ohne Prüfungsdruck, wachsen durch Erfahrung) bildet dafür den idealen Rahmen. Und weil die Natur hier keine Metapher ist, sondern konkrete Wirklichkeit, entwickelt jedes Durchhalten, jedes gemeinsame Erlebnis – ein Feuer im Wind, ein Bad im Eis – eine ziemlich überraschende emotionale Wucht.

Dazu passen die Bilder von zauberischer Schönheit: weite Schneeflächen, knorrige Bäume, ein Mond wie aus dem Bilderbuch, und dazwischen die jungen Gesichter der Kids. Kamera und Montage setzen auf Rhythmus statt auf Effekte: Training, Alltag, Rückschläge und kurze Triumphe greifen ineinander, auch die Anstrengungen werden fühlbar. Die Jugendlichen sind hier keine Fallstudien, sondern Menschen in Bewegung, die dafür arbeiten, in der Wildnis zu überleben und miteinander klarzukommen. Und die Hunde? Sie hecheln vor den Schlitten und rennen offenbar begeistert durch die eiskalte, weiße Wildnis, reagieren aber sehr aufmerksam auf jedes Fehlverhalten der jungen Schlittenfahrer, die ziemlich häufig im Schnee landen und trotzdem wieder aufstehen und weitermachen.

Wenn der Schulleiter in seiner Abschlussansprache die ganze Klasse auffordert, mutig zu sein, dann ist das eigentlich gar nicht mehr nötig. Sie wissen es alle, und sie haben es schon geschafft. Und sie werden dieses Jahr in der Finnmark nie vergessen.

 

Gaby Sikorski

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