Four Lions

Manch ein Politiker wollte die brillante Terrorismus-Satire „Four Lions“ im Vorfeld ihres hiesigen Kinostarts verbieten lassen. Der Film würde die ohnehin angespannte Sicherheitslage bedrohen und Islamisten zu neuen Anschlägen anstacheln. Ein absurder Vorwurf. Tatsächlich gelingt Regisseur Christopher Morris eine bitterböse, schonungslose Abrechnung mit Fanatismus und religiösem Eifer, die sich auf jede Form des Extremismus übertragen lässt. Merke: Auch ein Terrorist ist nicht vor Spott, Häme und Missgeschicken gefeit.

Webseite: www.fourlions-film.de

GB 2010
Regie: Christopher Morris
Drehbuch: Christopher Morris, Jesse Armstrong, Sam Bain
Darsteller: Riz Ahmed, Kavyan Novak, Adeel Ahktar, Nigel Lindsay, Arsher Ali
Laufzeit: 97 Minuten
Kinostart: 21.4.2011
Verleih: Capelight
 

PRESSESTIMMEN:

Eine souveräne Film-Farce über Selbstmordattentäter… Der britische TV-Satiriker Christopher Morris hat mit „Four Lions“ seinen ersten Kinofilm gemacht. Gerade so, als hätten die wiedervereinten Monty Python mit Sacha „Borat“ Cohen ein total abgedrehtes Drehbuch verfasst, und „M.A.S.H.“-Maniac Robert Altman hätte dazu seinen posthumoresken Segen gegeben.
Der Tagesspiegel

Christopher Morris ist eine bitterböse Farce gelungen: Er verspottet die Fanatiker, ohne sie zu verharmlosen.
Der Spiegel

Der Film verliert bei allem Klamauk den Ernst des Themas nie aus den Augen, dazu trägt auch die unvermeidliche Tragik der Handlung bei. Und dennoch läßt "Four Lions" den Zuschauer am Ende mit einem breiten Lächeln das Kino verlassen.
ZDF Heute-Journal

FILMKRITIK:

Christopher Morris’ kontrovers diskutierte Terrorismus-Satire „Four Lions“ eröffnet mit einer Szene, die wir so zur Genüge aus den üblichen Droh- und Propagandavideos von Al-Quaida kennen. Junge Männer, die sich bereits als Märtyrer im Paradies sehen, kündigen in martialischen Worten und Posen ein todbringendes Attentat an. Anführer und Mastermind Omar (Riz Ahmed), sein Kumpel Waj (Kavyan Novak), der zum Islam konvertierte Barry (Nigel Lindsay) und der meist schweigsame Fessal (Adeel Ahktar) bilden eine Terrorzelle im englischen Sheffield. Ihr Ziel ist es, Tod und Zerstörung über die – wie sie uns im Westen nennen – Ungläubigen zu bringen und dem Islam damit zum Sieg zu verhelfen. Es zeigt sich jedoch, dass den Vier für ein solch ambitioniertes „Projekt“ mitunter die notwendigen Mittel fehlen.

Das beginnt schon mit dem eher peinlichen Ausflug in ein pakistanisches Terroristen-Camp, wo Omar und Waj nach einem folgenschweren Zwischenfall ihre Sachen packen und unverrichteter Dinge wieder abreisen müssen. Zurück im verhassten England beginnen sie schließlich mit der Planung für ein heimtückisches Selbstmordattentat. Bei einem Wohltätigkeits-Marathon wollen sie zuschlagen und ihren Ankündigungen endlich Taten folgen lassen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan, immerhin sind Omar und seine Terroristen-Buddies allesamt blutige Anfänger. Aus Angst davor, entdeckt zu werden, verschlucken sie ihre SIM-Karten oder verstellen beim Kauf der Bomben-Zutaten ihre Stimme. Und zum Test des explosiven Gemischs müssen auch schon einmal unschuldige Tiere dran glauben.

„Four Lions“ schert sich keinen Augenblick um das, was man vielleicht nicht zeigen oder worüber man sich vielleicht nicht lustig machen dürfte. Das ist seine große Qualität, wobei die konsequente Auslassung jeder politischen Korrektheit allein noch keinen guten Film ergäbe. In den äußerst treffsicheren, mitunter mehr als schwarzen Pointen – so kommt es mehr als nur einmal zu todbringenden Missverständnissen und Verwechslungen – versteckt Regisseur Christopher Morris eine ziemlich clevere Dekonstruktion von religiösem Eifer und eines offenkundig gestörten Weltbildes. Obwohl hier auf den islamistischen Terror bezogen, lässt sich die Lesart des Films auf jedwede Art von Extremismus problemlos erweitern. In allen Fällen werden Menschen instrumentalisiert, indoktriniert und mit absurden Versprechungen manipuliert.

Obgleich gewisse, besonders skurrile Einfälle ab sofort immer wieder nacherzählt und zitiert werden dürften – Fessals missglückte Versuche, eine Krähe als fliegenden Bombenkurier auszubilden, die hinreißend amateurhaften Outtakes ihrer Bekennervideos –, besteht „Four Lions“ nicht allein aus lauten Gags. Erschreckend ist, wie selbstverständlich Omars Frau – eine Krankenschwester – den Plan ihres Mannes unterstützt. Sie versucht erst gar nicht, ihm die grausame und feige Tat auszureden. Es sind Beobachtungen wie diese, in die Morris schmerzhafte Wahrheiten über Verblendung und Fanatismus verpackt. Sein Film tritt selbstbewusst für einen säkularen Staat und eine freie Gesellschaft ein. Dass er dabei bis zum Ende sein hohes Tempo beibehält und überdies nie seinen Biss verliert, macht aus ihm eine uneingeschränkt sehenswerte Satire.

Marcus Wessel

Zweifellos ein heikles Thema, aber eines, das sehr wohl behandelt werden darf. Denn seriöse Quellen wurden hinzugezogen, und die belegen, dass die Jihadis, also die Heiligen Kämpfer, auch nur Menschen sind, und zwar solche, die nicht immer in hellst möglicher Weise vorgehen.

Geheimdienstler, Moslems, Polizisten, Krieger wurden befragt, Prozessabschriften, Zeitungsberichte, Aufnahmen mit verwendet. Autor und Regisseur Morris: „Eine Terroristenzelle ist nichts anderes als eine Gruppe ganz normaler Jungs. Eine kleine Gruppe sich gegenseitig aufstachelnder Kerle, die von der Kante ihres Bettes einen kosmischen Krieg plant. Das ist nicht die schlechteste Ausgangslage für eine Komödie.“

Eine Satire über den Terrorismus also. Viele werden angesichts der zahlreichen Menschen, die durch Terrorismus ums Leben kamen, nicht einverstanden sein. Eine Farce über den Terrorismus kann so etwas wie ein Tabubruch sein. Chris Morris, der bekannte britische Satiriker, hat es dennoch gewagt. Er hat die belegte Ungeschicklichkeit mancher Jihadis und Terroristen zum Anlass genommen, die ganze Sache seiner Ansicht nach zu entschärfen und zu Recht ins Lächerliche zu ziehen.

Die Terroristenzelle, um die es bei Morris geht, besteht aus dem durchaus geschätzten englischen U-Bahn-Sicherheitsmann Omar, der der Auffassung ist, die Moslems würden in der westlichen Welt mit Füßen getreten. Aus Waj, der nicht gerade der Gescheiteste ist und eher Abenteuer sucht, aus Faisal, der sich als Sprengstoffexperte versteht, an dressierten fliegenden Krähen per Funk seine Explosionen ausprobiert und in der Drogerie – verkleidet – schon literweise das dafür nötige Peroxid beschafft hat. Dann aus Barry, einem britischen Konvertiten (und früheren National-Front-Mann), der unbedingt ein Attentat in einer Moschee will, weil nur dadurch die Muslime zu radikalisieren wären.

Die Intelligentesten sind sie alle nicht. Omar und Waj beispielsweise wollen sich in Pakistan ausbilden lassen. Mit einer Panzerfaust gehen sie gegen eine amerikanische Drohne vor. Doch der Schuss geht nach hinten los und vernichtet die Kommandospitze ihrer Ausbilder.

Niedergeschlagen kehren sie zurück. Inzwischen stieß der Rapper Hassan noch zu der Gruppe. Doch der will mehr Spaß als Krieg.

Mit dem von Faisal hergestellten Sprengstoff gibt es einen Unfall. Omar verlässt zeitweilig die Truppe. Beim Londoner Marathon soll von den verkleideten Mitgliedern der Zelle ein Blutbad angerichtet werden. Usw.

Wie soll das enden?

Die Dialoge, die Handlungsteile, alles läuft laut Morris nur darauf hinaus, die Kehrseite des Todernstes, die menschliche Unzulänglichkeit, die Lächerlichkeit der Großspurigkeit und Unverfrorenheit aufzudecken. Zwei der Anlässe dazu nennt der Autor und Regisseur: „Als der 9/11-Attentäter Mohammed Atta ausgelacht wurde, weil er zu laut pisste, gab er den Juden die Schuld, sie hätten zu dünne Toilettentüren gebaut.“ – „Der Terroristendrahtzieher Khalid Sheik Mohamed sucht zwei Stunden nach einer Garderobe, in der er vor der Kamera nicht fett aussieht.“

Hauptthema: „Wir wollten womöglich die bescheidene Aussage treffen, dass das Ermorden von Menschen keine so gute Idee ist.“

Thomas Engel