Foxcatcher

Die unglückliche Geschichte der Beziehung zwischen dem reichen Unternehmens-Erben John du Pont und dem Ringer-Brüderpaar Mark und Dave Schultz ist hierzulande kaum bekannt. Regisseur Bennett Miller, der sich mit Filmen wie „Capote“ (2005) und „Moneyball“ (2011) auf real-life-Dramen spezialisiert hat, macht daraus ein ungeheuer intensives Leinwand-Erlebnis. Miller wurde für seine Arbeit und beim Festival in Cannes 2014 als bester Regisseur ausgezeichnet. Als John du Pont begeistert der Komiker Steve Carell in seiner ersten tragischen Rolle.

Webseite: www.foxcatcher.de

USA 2014
Regie: Bennett Miller
Buch: E. Max Frye, Dan Futterman
Darsteller: Channing Tatum, Steve Carell, Mark Rufallo, Vanessa Redgrave, Sienna Miller, Anthony Michael Hall
Länge: 134 Minuten
Verleih: Koch Media / Studiocanal
Kinostart: 5. Februar 2015
 

FILMKRITIK:

Der Ringer Mark Schultz (Channing Tatum) hat schon mehrere olympische Goldmedaillen und Weltmeistertitel gewonnen, aber wirklich zufrieden ist er nicht mit seinem Leben. Emotional abhängig von seinem älteren Bruder Dave (Mark Rufallo), ebenfalls ein Ringer von Weltklasse, ist Mark unsicher, was seine Zukunft betrifft. Dave entzieht sich in der letzten Zeit dem sehr engen Brüderverhältnis und kümmert sich verstärkt um seine Familie. In dieser Situation wird Mark auf das Anwesen des Multimillionärs John du Pont (Steve Carell) eingeladen. Er will sich zum Mentor des amerikanischen Ringersports machen und bietet Mark Wohnung, monatliches Gehalt und topmoderne Trainings-Einrichtungen. Tatsächlich feiert das Team „Foxcatcher“ bald sportliche Erfolge. Aber John entpuppt sich als hochneurotischer Charakter, der unter der Kälte seiner Mutter (Vanessa Redgrave) leidet und mit Mark Psycho-Spielchen spielt. Drogen lassen eine unterschwellige Paranoia entstehen, die mit Daves Ankunft auf der Farm außer Kontrolle gerät.
 
Bennett Miller macht keine Biopics, sondern biografische Dramen. Die Geschichten, die er erzählt, sind zwar wirklich passiert, aber Miller wandelt sie ab, verwandelt sie in Fiktion – um so einer tiefer liegenden Wahrheit auf die Spur zu kommen. Bei „Foxcatcher“ gelingt ihm das ganz vortrefflich. Der Film erzählt von einer unheilvollen Dynamik zwischen Individuen in ganz konkreten Situationen. Aber auch eine sehr amerikanische Geschichte, in der das in der Verfassung garantierte Streben nach dem Glück in einem Alptraum endet.
 
Die größte Überraschung an diesem Film ist sicher der Auftritt von Steve Carell als John du Pont. Eine Figur, die weniger wegen der überzeugenden Maske und den der echten Person nachempfundenen Manierismen im Gedächtnis bleibt, sondern wegen ihrer Vielschichtigkeit. Carell porträtiert ihn als Verlorenen und Einsamen, der verzweifelt nach Aufmerksamkeit sucht und dabei entweder als linkischer Freund oder manipulativer Tyrann auftritt. Die Rolle, in der du Pont sich selbst sieht, kann er jedenfalls nie auch nur ansatzweise ausfüllen. 
 
Nicht weniger eindrucksvoll spielen Channing Tatum und Mark Rufallo das (auch miteinander) ringende Brüderpaar. Das Ringen wird in „Foxcatcher“ zur Metapher auf den  amerikanischen Traum und die Sucht nach Anerkennung. Channing Tatum macht Mark Schultz zu einer zutiefst unsicheren, verletzten und sensiblen Seele, die im Körper eines muskelbepackten Hünen wohnt. In klaren, wenig überhöhten Bildern fängt Bennett Miller dieses menschliche Drama ein und steigert durch genaue Beobachtung die Spannung immer mehr. In seinem Film erzählen einzelne Gesten und überhaupt die Körpersprache die ganze Geschichte, Worte sind dabei fast überflüssig. Wenn die beiden Brüder zum Beispiel zu Beginn gemeinsam trainieren, wirkt ihr Ringen wie ein intimes Ballett, das aber auch auch Dinge über ihre Beziehung erzählt, die nie ausgesprochen werden. Die Übungseinheit endet mit einer blutigen Nase.
 
Oliver Kaever