Francofonia

Assoziativ und bildgewaltig handelt Alexander Sokurovs elegisches Kinogedicht vom Krieg und der Liebe zur Kunst. Nach der Zeitreise durch die Eremitage in St. Petersburg, mit „Russische Arche“, seinem Film, den er in nur einer Einstellung drehte, widmet sich der russische Regisseur und Drehbuchautor dem Louvre in Paris. Im Zentrum der eigenwilligen Dokufiktion steht die Geschichte des Louvre in der Zeit der Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten. Sein komplexer Blick auf die europäische Kultur voller Melancholie würdigt  Männer, die Frankreichs Kunst vor den Nazis beschützten: den französischen Museumschef Jacques Jaujard und den deutschen Grafen Wolff-Metternich.

Webseite: http://francofonia.de

Frankreich/Deutschland/Niederlande 2015
Regie: Alexander Sokurov
Drehbuch: Alexander Sokurov
Darsteller: Louis-Do de Lencquesaing, Benjamin Utzerath, Vincent Nemeth, Johanna Korthals Altes, Andrey Chelpanov, Jean-Claude Caer.
Länge: 90 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 25. Februar 2016
 

FILMKRITIK:

„Mich interessierte“, sagt Alexander Sokurov  „wie der Louvre die Nazi-Besatzung überstehen konnte.“ Und so nähert sich der russische Altmeister in seinem dichtmontiertem Bilderessay auf unterschiedlichen doku-fiktiven Ebenen dem Schicksal des Museums während des zweiten Weltkriegs. Schließlich ist das alte Königsschloss der Franzosen mit seiner Kunst aus verschiedensten Jahrhunderten und Artefakten der Menschheitsgeschichte, noch vor der Antike, zentral  für die europäische Identität. In wenigen Stationen fasst der Film seine Geschichte zusammen. Dabei ist er vor allem auch selbst Besucher.
 
Er verharrt vor den Federn der Nike von Samothrake, sucht in den Porträts der italienischen Renaissance nach den Gesichtszügen vergangener Generationen und erkennt die Erhabenheit der Kunst in der Tiefe der großen Galerie. Innig tastet die Kamera die Meisterwerke der europäischen Malerei ab, all die Porträtierten, die uns über die Jahrhunderte hinweg anblicken. Dabei erwacht die Kunst zum Leben. Trotzdem erinnert der versierte Regisseur in seiner Meditation über das Museum an sich auch an die zweifelhafte Entstehung dieser Kulturtempel. Ungeschönt zeigt er den Zugriff der Herrschenden auf die Kunst.
 
Und so irrt Imperator Napoleon (Vincent Nemeth) als Geist durch die Räume, Krieger und Räuber zugleich. Stolz verweist er ein ums andere Mal auf seine Eroberungen. Nicht  nur in seinen Porträts und der berühmten „Kaiserkrönung“ von Jacques-Louis David findet sich der selbstverliebte Herrscher wieder, sondern sogar in da Vincis „Mona Lisa“ . C’est moi“, kommentiert der Feldherr nahezu jedes Bildnis an den reich behängten Wänden des Louvre. Neben ihm kann „Marianne“ (Johanna Korthals Altes), die Allegorie der französischen Republik, nur noch „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ flüstern.
 
Belebt aber wird Sokurovs cineastische Installation durch eine wahre Geschichte. Sie erzählt davon, wie im Jahr 1940 der für die französischen Kunstwerke verantwortliche Nazi-Offizier Graf Franziskus Wolff-Metternich (Benjamin Utzerath), und der Direktor des Louvre Jaques Jaujard (Louis-Do de Lencquesaing),  zu einer stets gefährdeten, aber von gegenseitiger Achtung geprägten Allianz zusammenfinden, um die Sammlung nicht nur vor dem Krieg zu retten, sondern auch weitgehend vor der Gier und den gnadenlosen Raubzügen des nationalsozialistischen Deutschlands. Ohne den katholischen Adeligen zu glorifizieren, schildert Sokurov die Aktionen des für den „Kulturgutschutz“ verantwortlichen Deutschen, der seine Aufgaben bewusst gegen die Interessen Rosenbergs, Görings und Hitlers auslegte.
 
Die beiden Männer schlossen einen unausgesprochen, gut funktionierenden Pakt, um die Kunst des Louvre für die Nachwelt zu bewahren. Wie es dem Jaujard auch mithilfe des Kunstexperten Wolff-Metternichs gelang, dass die teilweise schon 1938 in ein Schloss an der Loire ausgelagerten Kunstwerke bis Kriegsende in den Außendepots verblieben – von den  NS-Oberen unangetastet – ist wenig bekannt. Selbst George Clooneys erhellendes Epos „Monument’s Men“ über die amerikanischen Kunstretter auf der Jagd nach Hitlers Raubkunst konnte  dieses Kapitel nur anreißen. Denn zu ungeheuerlich scheint diese gnadenlos durchorganisierte NS-Plünderung der kulturellen Schätze Europas. Immer noch werden abertausende von Kulturgütern im Wert von Milliarden Euro vermisst.
 
Mit sicherer Hand zieht Sukorov in seiner bemerkenswerten Reflexion jedoch historische Linien, ohne unlauter zu vergleichen. Die Unterschiedlichkeit, mit der deutsche NS-Soldaten West- und Ost-Europa behandelten ist nicht zu leugnen. Den sogenannten Bolschewiken wurde das Menschsein abgesprochen. Dem Einsatz einzelner kunstliebender deutscher Offiziere für die Schätze des Louvre stellt der preisgekrönte Altmeister die Barbarei der Leningrader Blockade gegenüber. Dass auch Kunstliebhaber nicht die besseren Menschen sind ist ihm nicht vorzuwerfen. Ebenso wenig greift die Kritik, er gehe zu nachsichtig mit den NS-Verbrechen um. Die Aufarbeitung deutscher NS-Vergangenheit kann nicht seine Aufgabe sein. Die Auseinandersetzung mit den Gräueln der NS-Zeit muss immer noch vor allem dort geführt werden, wo sie begann. Schließlich würdigt Sokurovs ungebrochene Liebe zur klassischen Kunst den Louvre – trotz aller prekären Verhältnisse – sehenswert als lebendiges Zeugnis von Zivilisation.

Luitgard Koch