Frank

Ein Mann mit einem überdimensioniertem Kopf aus Papiermaché ist Titelfigur „Frank“, avantgardistischer Sänger, der mit seiner Band betont unmelodiöse Songs spielt und die Frage aufwirft, wie viel Erfolg wert ist. Wer diese Beschreibung nicht nur bizarr sondern spannend findet, der könnte gefallen an Leonard Abrahamsons in jeder Hinsicht ungewöhnlichem Film finden.

Webseite: www.weltkino.de

GB 2014
Regie: Leonard Abrahamson
Buch: Jon Ronson, Peter Straughan
Darsteller: Michael Fassbender, Domhnall Gleeson, Maggie Gyllenhaal, Francois Civil, Carla Azar
Länge: 95 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 27. August 2015 (und erscheint 2 Monate später bereits auf DVD)
 

FILMKRITIK:

Wenn man ein bekanntes Gesicht wie Michael Fassbender engagiert, dann setzt man gewöhnlich alles daran, es in Szene zu setzen. Auch für kleine, unabhängige Produktionen wie Leonard Abrahamsons „Frank“ ist ein bekannter Star zunehmend notwendiges Mittel, um Geldgeber zu finden. Dass dieses Prinzip hier konsequent unterlaufen wird, der Star über fast die gesamte Dauer unter einem überdimensionierten Papiermachékopf verschwindet, macht Abrahamsons kaum zu kategorisierenden Film neben vielem anderem auch zu einer Dekonstruktion des zeitgenössischen Starkults.

Ein Star will Jon (Domhnall Gleeson) werden, der allerdings ein großes Problem hat: Er ist nicht besonders talentiert. Doch in der heutigen Zeit ist mangelndes Talent bekanntermaßen kein Hindernisgrund für Erfolg bzw. Bekanntheit. Der Zufall bringt Jon mit der avantgardistischen Band Soroprfbs zusammen, deren Musik ebenso merkwürdig klingt wie ihr Name. Neben den beiden existenzialistisch anmutenden Mitglieder Baraque (Francois Civil) und Nana (Carla Azar) besteht die Band aus Clara (Maggie Gyllenhaal), die Jons Hunger nach Erfolg vom ersten Moment an skeptisch gegenüber steht und eben dem Leadsänger Frank (Michael Fassbender), der immer, beim Singen, Schlafen, Duschen und Essen einen Papiermachékopf trägt.
Mit seinen Ersparnissen finanziert Jon der Band Aufnahmesessions in einem abgelegenen Haus im Wald. Ohne das Wissen seiner Kollegen stellt Jon Aufnahmen ins Internet: Mit Erfolg. Die Band wird zum Independent-Festival South by Southwest nach Texas eingeladen. Doch der scheinbare Durchbruch in Amerika erweist sich als Chimäre, das fragile Bandgefüge gerät zunehmend aus den Fugen.

Man könnte erwähnen, dass es Frank tatsächlich gegeben hat, in Gestalt des britischen Sängers Chris Sievey, der mit der Kunstfigur Frank Sidebottom in den späten 80er Jahren auf Tour ging. Teil der damaligen Band war damals auch Jon Ronson, der seine Erlebnisse später in einem Buch beschrieb und nun auch das Drehbuch zu diesem Film verfasst hat. Der die wahren Begebenheiten aber eher zum Anlass für eine subtile Groteske nimmt. So merkwürdig wirkt Frank, so bizarr die Musik seiner Band, dass allein dieses betont amateurhafte, kontrastiert mit dem unbedingten Glauben an die eigene Qualität fast ausreichen würde. Doch Leonard Abrahamson will mehr. Ganz unterschwellig deutet er eine Dialektik zwischen Jon und der Band an: Der eine hat kein Talent, ist aber bereit, für den Erfolg jeglichen Kompromiss einzugehen, die anderen sind ganz Eigen und wollen sich diese Eigenartigkeit um jeden Preis bewahren. Zwischen diesen Polen steht Frank, der offensichtlich eine gestörte, aber auch eine tragische Gestalt ist.

Viele Interpretationsansätze bietet Abrahamson, vom Preis des Erfolgs über die Oberflächlichkeit der modernen Starkultur bis hin zu einer fast dokumentarischen Darstellung des South by Southwest Festival. Im Mittelpunkt steht allerdings Michael Fassbender, der für seine physischen Darstellung bekannt ist und hier eine besonders ungewöhnliche, denkwürdige Performance abliefert. – In einem ebenso ungewöhnlichen, bemerkenswerten Film.
 
Michael Meyns