Frau die singt, Die

Kanadas Beitrag für den diesjährigen „Best Foreign Language Film“ schickt den Zuschauer in ein von Krieg und Hass gezeichnetes Land. Zwei Geschwister begeben sich nach dem Tod ihrer Mutter auf eine emotionale Spurensuche, die eine unglaubliche Tragödie offenbart. „Die Frau, die singt“ ist ein Ausnahmefilm, gleichermaßen Familienchronik wie Zeitportrait. Ein packendes Drama und ein zurückhaltend bebilderter Thriller, der niemanden kalt lassen dürfte.

Webseite: www.arsenalfilm.de

OT: Incendies
KAN 2009
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Denis Villeneuve nach dem Theaterstück von Wajdi Mouawad
Darsteller: Lubna Azabal, Mélissa Désourmeaux-Poulin, Maxim Gaudette, Rémy Girard, Abdelghafour Elaaziz, Allen Altman, Mohamed Majd
Laufzeit: 133 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 23.6.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Die Frau, die singt“ ist ein ziemlich harmloser und unscheinbarer Titel für einen Film, der den Zuschauer von Beginn an gefangen nimmt und ihn auf eine in vielerlei Hinsicht extreme Reise schickt. Diese reicht in ihrem Ursprung nicht nur vierzig Jahre und damit fast eine ganze Generation zurück, sie führt uns auch in eine Gegend, über die wir fast täglich Berichte in den Abendnachrichten hören und die für die meisten für uns doch undurchschaubar bleibt. Gemeint ist der Nahe Osten, dessen Geschichte untrennbar mit religiösen Konflikten bis hin zum Bürgerkrieg verbunden ist. Wie sehr die Ereignisse der Vergangenheit bis in die Gegenwart reichen, erfahren die Zwillinge Jeanne (Mélissa Désourmeaux-Poulin) und Simon Marwan (Maxim Gaudette) an dem Tag, an dem das Testament ihrer verstorbenen Mutter Nawal (Lubna Azabal) eröffnet wird.

Als Notar Lebel (Rémy Girard) ihnen zwei Briefe übergibt – einen für ihren Vater, von dem sie glaubten, er sei längst tot und einen für ihren Bruder, von dessen Existenz die Geschwister bisher überhaupt nichts wussten – schießen ihnen Tausend Gedanken durch den Kopf. Während Simon den letzten Willen seiner Mutter am liebsten ignorieren möchte, ist seine Schwester fest entschlossen, in die Heimat ihrer Eltern zu reisen, um vor Ort das Rätsel ihrer so verschlossenen und verschwiegenen Mutter zu lösen. Es ist eine schmerzhafte, erschütternde Geschichte, in der Hass, Krieg und Fanatismus die Menschen für immer zu zerstören drohten.

„Die Frau, die singt“ ist kein leichter Film, aber einer, der es allemal wert ist, sich mit ihm und seiner Agenda intensiv auseinanderzusetzen. Der diesjährige kanadische Oscar-Beitrag für den „Besten fremdsprachigen Film“ liefert in klaren, fast schon naturalistischen Bildern eine gleichermaßen soziale wie individuelle Kartografie des Nahen Ostens. Das Schicksal des Einzelnen – in diesem Fall das von Simons und Jeannes Mutter – scheint dabei untrennbar mit den gewaltsamen politischen Umbrüchen jener Zeit verbunden. Dass nur die Namen kleiner Orte oder Städte erwähnt werden und man somit nicht immer gleich auf ein bestimmtes Land schließen kann, dürfte Absicht sein. Auch wenn viele Hinweise auf den Libanon deuten, die Heimat des Schriftstellers und Theaterregisseurs Wajdi Mouawad, der die teils autobiografische Vorlage zu „Die Frau, die singt“ lieferte, beschreibt der Film ein düsteres Szenario, das letztlich überall spielen könnte und das bis heute leider immer noch hochaktuell ist. Dazu reicht es, nur einmal Richtung Nordafrika, Syrien oder Iran zu gucken.

Regisseur Denis Villeneuve ging mit der Entscheidung für zwei sich abwechselnde Erzählebenen ein nicht unerhebliches Wagnis ein. Was nur zu leicht als ein verkopftes und dabei lebloses Drehbuchkonstrukt hätte enden können, ergibt sich hier gewissermaßen organisch aus den unterschiedlichen Perspektiven der Mutter und ihrer Kinder. Die Authentizität des Gezeigten stellt man als Zuschauer nie in Frage. Dafür sorgen neben der schnörkellosen Kameraarbeit auch die vielen Laiendarsteller, deren Alltag und Lebensumstände immer wieder in kleinen, unaufdringlichen Beobachtungen thematisiert wird. Man hat das Gefühl, dass der Film ganz genau weiß, was er erzählen will, und dass sein Regisseur dieses Anliegen in die vielleicht einzig dafür denkbare Form übersetzte.

Die Entwicklung der Geschichte ähnelt indes einer detektivischen Spurensuche. Anstatt die Ereignisse wie ein allwissender, passiver Beobachter aus der Distanz zu überblicken, kommt der Zuschauer zusammen mit Jeanne und Simon der grausamen Wahrheit Puzzleteil für Puzzleteil auf die Spur. Über diesen Ansatz gelingt es Villeneuve, die Spannung bis zum Ende zu halten und den Film überdies zu einem emotionalen wie klugen Abschluss zu bringen, der sogar einen deutlichen Hoffnungsschimmer beinhaltet. Es ist niemals zu spät, den scheinbar ewigen Kreislauf aus Gewalt und Hass zu durchbrechen.

Marcus Wessel

Nawal Marwan, die Mutter der Zwillinge Jeanne und Simon, führte in den vergangenen Jahren in Kanada ein reichlich verschwiegenes, fast mysteriöses Leben. Jetzt, da sie gestorben ist, erfährt man auch, warum das so war. Der Notar, der das Testament verliest, übergibt den Zwillingen Briefe. Sie sollen ihren Vater suchen, von dem immer angenommen wurde, er sei tot, und außerdem müssten sie ihren Bruder ausfindig machen, von dem bis jetzt außer Nawal überhaupt niemand wusste, dass er existiert.

Jeanne macht sich auf den Weg. Der Mittlere Osten ist das Ziel. Denn die Mutter, eine Christin, liebte einst einen Moslem, der deshalb durch einen Ehrenmord sterben musste. Das Kind aber, das dieser Liebe entsprang, wurde ihr genommen – eben jener Bruder, den Jeanne dem letzten Wunsch der Mutter nach nun suchen muss.

Zwei generationenübergreifende Handlungsstränge gibt es: Jeannes letztlich erfolgreiche Suche, an der sich später auch Simon und der Notar beteiligen, sowie Nawals früheres bitteres Dasein in einer ihr oft feindlich gesinnten Umgebung. Sie muss erleben, wie in der Region – man kann, obwohl das absichtlich nicht gesagt wird, den Libanon annehmen – Muslime und Christen sich gegenseitig ermorden. Sie irrt nach ihrem Kind forschend umher. Sie erschießt einen gegnerischen Politiker. Sie sitzt lange Zeit im Gefängnis. Sie weiß auch, dass sie durchhalten muss.

Das ist beeindruckend in Szene gesetzt: kompromisslos, hart, nüchtern, leider guten Teils die Realität widerspiegelnd. Die Religionskriege nehmen ja kein Ende, im Nahen und Mittleren Osten beispielsweise flammen sie immer wieder auf. Der Film ist davon ein unbestechlicher Spiegel.

Zum Allgemeinen kommt, am Beispiel Nawals deutlich gemacht, noch das persönliche Schicksal. Wajdi Mouawad, Autor des zugrunde liegenden Theaterstücks (original: „Incendies“, d.h. „Verbrennungen“): „Es ist . . . ein Stück über den Versuch, in einer unmenschlichen Situation sein Versprechen als Mensch zu halten.“

Das Spiel von Lubna Azabal (Nawal), Melissa Désormeaux-Poulin (Jeanne), Maxim Gaudette (Simon) und Rémy Girard (Notar) ist über Zweifel erhaben.

Thomas Engel