anonymen Romantiker, Die

Wie können zwei extrem schüchterne Menschen zueinanderfinden? – Die charmante, kleine Komödie liefert dazu eine hübsche Geschichte zum Mitfühlen und Mitschmunzeln. Genau der richtige Film für empfindsame Seelen, für hoffnungsvolle Mauerblümchen beiderlei Geschlechts und für alle, die an die unwiderstehliche Magie der Liebe glauben.

Webseite: www.die-anonymen-romantiker.de

Originaltitel: Les émotifs anonymes
Frankreich/Belgien 2010
Regie: Jean-Pierre Améris
Drehbuch: Philippe Blasband, Jean-Pierre Améris
Darsteller: Benoit Poelvoorde, Isabelle Carré, Lorella Cravotta, Lise Lamétrie, Swann Arlaud
80 Minuten
Verleih: Delphi Filmverleih
Kinostart: 11. August 2011

PRESSESTIMMEN:

Bittersüße Liebesgeschichte mit überzuckerten Momenten, meist aber zum Dahinschmelzen.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Angélique ist schüchtern, wobei das stark untertrieben ist, denn die junge Dame fällt schon mal gern in Ohnmacht, wenn sie von Fremden angesprochen wird. Ihr Selbstwertgefühl geht gegen Null; sie stellt nicht nur ihr Licht beständig unter den Scheffel, sondern bleibt am liebsten ganz im Verborgenen. Deshalb ist sie – die arbeitslose Schokoladenmacherin – in eine Selbsthilfegruppe gegangen und absolviert mit den Anonymen Romantikern ein 12-Punkte-Programm zum Mutigwerden und zur Überwindung von Berührungsängsten.

Jean-René ist ein alternder Fabrikant, dessen Lebenswerk vor dem Aus steht. Seine Pralinenmanufaktur ist beinahe pleite. Immerhin kann er es sich noch leisten, wegen seiner krankhaften Unsicherheit einen Psychologen zu konsultieren. Aber was nützt die schönste Therapie, wenn keine einzige Frau in Reichweite ist, um den Erfolg zu testen? Wie es der Zufall will, braucht Jean-René für seine Schokoladenfabrik dringend eine neue Vertreterin, die wieder Schwung in den Laden bringt.

Und schon nehmen die Konfusionen ihren unaufhaltsamen Lauf: Angélique bewirbt sich bei Jean-René, ohne zu ahnen, dass sie keineswegs als Chocolatière engagiert wird. Und natürlich traut sie sich nicht, das Missverständnis aufzuklären, als sie es bemerkt. Denn der neue Chef ist ihr sympathisch, und als er sie auch noch – auf Anraten seines Therapeuten – zum Essen einlädt, willigt sie ein.

In heller Panik sitzen die beiden Hasenfüße sich schließlich gegenüber. Sie sind füreinander bestimmt, und alle wissen es, außer dem Pärchen selbst. Diese zauberhafte und katastrophal endende Szene mit zwei panischen Tollpatschen gehört sicherlich zu den besten in einem Film, der seinen Hauptdarstellern viel Platz lässt, um in Details zu glänzen. Isabelle Carré spielt Angélique als anfangs stark verhuschtes Wesen. Von Minute zu Minute strahlt sie stärker und verwandelt sich schließlich in eine Art Schokoladenfee, die sowohl den Mann als auch die Fabrik vor dem Untergang rettet. Dass hier ein reizloser, älterer Herr die attraktive, junge Frau bekommen darf, wirkt allein durch die darstellerische Leistung von Benoit Poelvoorde einigermaßen glaubwürdig. Sein Jean-René ist leicht verstaubt und ziemlich altmodisch, aber sympathisch. Die übrigen Darsteller spielen den beiden Helden zu. Sie repräsentieren das wahre Leben: die Vernunft, den Mut und die Sachlichkeit. Und schon deshalb sind sie für die Handlung wenig relevant. Denn wer will sich schon mit der Realität befassen, wenn es um große Gefühle geht? Lediglich die Kolleginnen in der Schokoladenfabrik heben sich ein wenig ab: Sie fungieren als Mix aus griechischem Chor und skurriler Girls-Truppe.

Wie Angélique und Jean-René, die beiden um sich selbst kreisenden Angsthasen, schließlich zusammenfinden, ist hübsch anzusehen. Und ihre romantische Geschichte, die rund um feine Schokoladen kreist, ist zwar vorhersehbar, aber herzerwärmend. Die Dialoge sind effektiv und wenig geschwätzig. Ihr Charme beruht mehr auf den originellen Charakteren als auf einer ausgeklügelten Gag-Strategie. Für cineastische Feinschmecker gibt es eine Reihe von Filmzitaten, darunter sogar ein erfreuliches Wiedersehen mit „Sound of Music“.

All das hebt den Film angenehm ab von sattsam bekannten, knalligen Beziehungskomödien mit durchgeknallten Teenies und hormonell herausgeforderten Jungs. Denn dies ist ein erwachsener Film für erwachsene Menschen, die hier umso mehr ihren Spaß haben werden.

Gaby Sikorski

Angélique Delange hat im höchsten Grade Minderwertigkeitskomplexe. Auch eine Selbsthilfegruppe mindert das nur bedingt. Früher hatte sie für die Firma Mercier feinste Schokolade hergestellt. Jetzt aber ist sie arbeitslos, weil Mercier verstarb.

Sie bewirbt sich bei einer anderen Chocolaterie, nicht ahnend, dass diese fast pleite ist und dass deren Chef Jean-René an der gleichen Überempfindlichkeit leidet wie sie.

Im Gegensatz zu ihren früheren Fähigkeiten muss sie jetzt Vertreterin spielen.

Jean-René bekommt von seinem Therapeuten den Auftrag, jemanden zu berühren, jemanden einzuladen. Angélique ist die Auserwählte. Das erste Treffen endet zwar mit einem Kuss, aber dennoch problematisch.

Immerhin hilft sie der Firma mit neuen Kreationen.

Anlässlich eines Kongresses müssen die beiden sich ein Zimmer teilen. Zunächst herrscht Hochgefühl, doch das Ende ist wieder ein Fiasko.

Jean-Renés Angestellte retten zusammen mit ihrem Chef die Situation. Sie verfolgen Angélique, als sie sich zur Selbsthilfegruppe aufmacht. Jean-René gesellt sich zu allen, schüttet sein Herz aus.

Der Regisseur Jean-Pierre Améris berichtet, dass er das Thema aus Selbsterfahrung aufgriff. „Es ist definitiv mein intimster und autobiographischster Film.“ Und sinngemäß weiter über seinen ehemals emotional überforderten Zustand: Wenn ich aus dem Haus musste, öffnete ich die Türe einen Spalt, um zu sehen, ob niemand auf der Straße war. Wenn ich zu spät zur Schule kam, wagte ich nicht, den Klassenraum zu betreten. Durch meine Leidenschaft fürs Kino konnte ich in der Sicherheit des dunklen Saales Angst, Spannung, Freude und Hoffnung erleben – ohne mir Sorgen zu machen, ob mich jemand dabei beobachtet.

Also eine Art filmische Selbsttherapie von bedingtem thematischem Interesse – immerhin formal professionell durchgezogen. Die Hauptlast ruhte auf den beiden Protagonisten Isabelle Caré als Angélique und Benoit Poelvoorde als Jean-René. Man spürt, dass sie absichtlich verhalten agieren mussten. (Poelvoordes sehr lebendiges darstellerisches Gegenstück ist derzeit in Dany Boones „Nichts zu verzollen“ zu sehen.)

Immerhin, so meinen die Macher, könnten die „anonymen Romantiker“ (Originaltitel „Die anonymen Emotionen“) manchen Menschen, die sich in einer vergleichbaren Lage befinden wie Jean-René und Angélique, weiterhelfen. So sei es denn.

Thomas Engel