Als sensibler Fußballer, der nach langem Zögern sein Coming Out wagt, hat Aurel Klug in der ARD-Soap „Sturm der Liebe“ für Furore gesorgt. Nun überzeugt er als ähnlicher Typ auf der großen Leinwand. Als Teenager Kolja verliert er seine Mutter und wird von einer neuen Familie adoptiert. Deren sechzehnjährige Sohn Sebastian steht dem plötzlichen Familienzuwachs zunächst skeptisch gegenüber. Doch die Jungs lernen sich schätzen. Aus der Beziehung wird bald mehr als nur eine ziemlich beste Freundschaft. Als wäre die sexuelle Orientierung nicht schon problematisch genug in der rückständigen Provinz, teilen die Teenies auch noch ein ganz besonderes Geheimnis. Das Debüt überzeugt durch visuellen Einfallsreichtum und zwei überaus leinwandpräsente Darsteller. Zur Belohnung gab’s beim Oslo Film Festival den begehrten Publikumspreis.
Über den Film
Originaltitel
Free at heart
Deutscher Titel
Free at heart
Produktionsland
DEU
Filmdauer
117 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Hegewald, Max
Verleih
Salzgeber & Co. Medien GmbH
Starttermin
01.01.1972
„Eigentlich kann man sich hier nur besaufen“, warnt der sechzehnjährige Sebastian (Linus Moog)
den fast gleichaltrigen Familienzuwachs Kolja (Aurel Klug). Die erste Begegnung der beiden Jungs verläuft frostig. Sebastian ist schüchtern, hat noch ein Stofftier im Bett und wagt sich zaghaft an seine erste Freundin. Stadtkind Kolja gibt sich cool und hat eine nicht ganz leichte Kindheit ohne Vater durchlebt. Seine alkoholkranke Mutter war Bildhauerin, ihr künstlerisches Talent hat er geerbt und zeichnet leidenschaftlich gerne. Zum neuen Objekt der malerischen Begierde wird schnell der Sohn der Gastfamilie auserkoren. Dort freilich kommt es bald zum großen Knall. Ein Familiengeheimnis wird gelüftet, sehr zum Ärger des Teenagers.
„Du solltest nicht so streng sein mit deinen Eltern!“, rät Kolja seinem Gegenüber beim gemeinsamen Angeln. Bei einer Wasserschlacht im See und einem nächtlichen Lagerfeuer kommen sich die beiden Jungs langsam näher. Als die Eltern verreisen, bietet die sturmfreie Bude noch mehr Möglichkeiten, ungestört zu chillen. Ein gemeinsamer Joint sorgt für die notwendige Entspannung. Am Morgen danach ist nichts mehr so, wie es war. „Ich glaub’, ich hab mich verknallt!“ gesteht Sebastian einem älteren Schwulen im Dorf. Der verwirrte Teenie will seine Gefühle freilich lieber leugnen. Als die verliebten Jungs schließlich doch noch zusammenfinden, drohen neue Gefahren. „Fuck Off“ wird von selbsternannten Tugendwächtern in großen Buchstaben an die Hauswand geschmiert. Und das ist erst der Anfang dessen, was der homophobe Mob noch an hinterhältiger Heimtücke bereithält: „Jagdszenen aus Niederbayern“, ein halbes Jahrhundert später nun in Niedersachsen.
„Großes Kino“ sei das, hieß es in der Begründung für die lobende Erwähnung in der Kategorie „Förderpreis Neues Deutsches Kino“ auf den vorigen Hofer Filmtagen. Der Film wisse, „in zarten Tönen, mit herausragenden Darstellern, die Entwicklung einer verbotenen Beziehung zwischen zwei jungen Menschen brillant zu inszenieren“, schwärmte die Jury. Über so viel Lob dürfte sich Schauspieler Max Hegewald freuen. Zehn Jahre hat er an dem Coming-of-Age-Drama gearbeitet, mit dem er hier als Autor und Regisseur sein Kinodebüt gibt. Mit psychologischer Präzision entwickelt er glaubwürdig seine jugendlichen Figuren, die zwischen Unsicherheit, Trotz und der ersten großen Liebe hin- und hergerissen sind. Mit visuellem Einfallsreichtum lässt er in idyllischen Naturbildern seine schwer verknallten Helden ihre erotischen Träume im Feinripp ausleben. Auch die gemeinsame Mofa-Fahrt in „Titanic“-Pose darf nicht fehlen, die jener aus „Sommer 85“ von
François Ozon in nichts nachsteht. Wie der erfahrene Franzose hat auch der deutsche Jungfilmer reichlich Glück mit seinen jungen Akteuren. Linus Moog und Aurel Klug geben die verliebten Jungs mit leinwandpräsenter Lässigkeit. Ihr charismatischer Charme lässt manche dramaturgischen Längen und Klischees leicht vergessen. Der schönste Beweis dafür ist der Publikumspreis bei einem Festival.
Dieter Oßwald







