Fünf Tage ohne Nora

Am Anfang des Regiedebüts von Mariana Chenillo steht zwar der Tod der titelgebenden Nora, doch das Thema ist das Leben, die Familie, eine verflossene Liebe. Sehr bedächtig erzählt der Film, manchmal behäbig, entwickelt aber durch seinen Kontrast von christlichen und jüdischen Bestattungsritualen und seinen präzise entwickelten Figuren viel subtilen Humor, dem man nur wünschte, bisweilen etwas bissiger zu sein.

Webseite: www.kairosfilm.de

OT: Cinco dias sin Nora
Mexiko 2009
Regie: Mariana Chenillo
Drehbuch: Mariana Chenillo
Musik: Dario Gonzales Valderrama
Darsteller: Fernando Lujan, Ari Brickman, Erique Arreola, Juan Carlos Colombo, Max Kerlow, Angelina Palaez
Länge: 92 Min.
Verleih: Kairos Filmverleih
Kinostart: 11. November 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Nora hat ganze Arbeit geleistet, jedes Detail bedacht: In der Kanne brutzelt der Kaffee, im Kühlschrank ist jede Dose mit Anweisungen zur Zubereitung versehen, das frische Fleisch wird pünktlich geliefert und schließlich gelingt es ihr per Einnahme dutzender Tabletten, so präzise zu sterben, dass keine Zeit mehr bleibt, sie nach jüdischem Ritus vor dem beginnenden Pessach-Fest zu beerdigen. Sehr zum Unwillen ihres Ex-Mannes José, von dem Nora seit 20 Jahren geschieden ist. Dennoch leben die beiden – des einzigen Sohnes Ruben wegen – in unmittelbarer Nachbarschaft. Nun, beim 14. Selbstmordversuch, war Nora erfolgreich und inszeniert ein Treffen von Verwandten und Freunden, die endlich mit der Wahrheit konfrontiert werden sollen.

Wie die aussieht bleibt allerdings weitestgehend im Unklaren. Zwar zeigt Chenillo in einigen Rückblenden die Anfänge der Beziehung zwischen Nora und Jose, die in einem ersten Selbstmordversuch gipfelte, doch was Nora so labil machte, was sie ins Unglück stürzte und das Ende ihrer Ehe bedeutete, bleibt wie vieles andere offen. Vor allem die verworrenen religiösen Zugehörigkeiten wären es wert gewesen, etwas klarer beschrieben zu werden, resultiert doch ein Großteil des Humors des Films aus dieser Frage. Da der Sohn Ruben mit der Tochter eines Rabbiners verheiratet ist, soll Nora nach jüdischem Ritual beerdigt werden, was zunächst einmal bedeutet, dass sie eben die fünf Tage des Titels aufgebahrt und mit Trockeneis vor der Verwesung bewahrt werden muss, bis die ersten Tage des Pessach-Fest vorüber sind und eine Beerdigung möglich ist. Jose dagegen würde seine Ex-Frau lieber heute als morgen unter die Erde bringen und engagiert ein mexikanisch-christliches Unternehmen, das Noras Wohnung mit Blumengebinden und einem überdimensionierten Kreuz zustellt. Allein der sich auf Reisen befindende Sohn verhindert eine schnelle Beerdigung, denn ohne ihn will auch Jose Nora nicht beerdigen.

Ein wenig erinnert die Grundkonstellation von Mariana Chenillos Film an Komödien wie „Immer Ärger mit Harry“ oder „Sterben für Anfänger.“ Doch nur selten nutzt „Fünf Tage ohne Nora“ sein komödiantisches Potential wirklich aus, beschränkt sich statt dessen auf eine subtile Schilderung von Joses Erkenntnis, wie sehr ihn seine Ex-Frau trotz der 20 Jahre zurückliegenden Scheidung noch geliebt hat. Doch diese Erkenntnis und der mit ihr einhergehende Wandel bleibt kaum mehr als eine Andeutung, die sich nur in wenigen Gesten zeigt und nie ausgesprochen wird. Letztlich ist „Fünf Tage ohne Nora“ ein subtiles Regiedebüt, dem man dennoch bisweilen den Furor der Jugend gewünscht hätte, ein bisschen mehr Pep und Risikofreude. Denn obwohl Chenillo erst Anfang 30 ist, wirkt ihr Film eher wie der gediegene, kontrollierte, etwas zu abgeklärte Film einer viel älteren Regisseurin.

Michael Meyns

José und Nora sind zwar seit 20 Jahren geschieden, aber nicht gänzlich ohne Verbindung. Sie wohnen in Mexiko-Stadt in derselben Straße.

Nora bringt sich um. Schon mehrere Male hatte sie es versucht, nie hat es geklappt. Dieses Mal aber ist etwas daraus geworden.

Zuvor hat sie alle möglichen Vorbereitungen getroffen. José soll sich zum Beispiel um das Begräbnis kümmern. Doch es gibt gewaltige Stolpersteine. Da ist zuerst einmal das Pessach-Fest; niemand darf an diesen Tagen beerdigt werden. Darauf folgt der Sabbat; niemand darf da begraben werden. Hat sie das angeordnet, um José zum letzten Mal eins auszuwischen? Oder möchte sie wie früher und sogar über den Tod hinaus alles kontrollieren?

Fünf Tage also muss José ausharren. Aus Trotz bestellt er zuerst einmal ein katholisches Begräbnis. Danach geht es turbulent zu. Der Rabbi kommt und ebenso der Rabbi-Schüler Moisés, der neben der unter Trockeneis gelegten Nora ständig das Totengebet aufsagen muss. Der Sohn trifft mit Familie aus dem Ausland ein, nicht zu vergessen die Sarglieferanten, den Arzt, eine kurzsichtige Tante und die überaus christliche Haushälterin, die mit den jüdischen Begräbnisritualen nicht zurechtkommt. Auch ein von José aufgefundenes Foto spielt eine ganz entscheidende Rolle und führt zu einem unerwarteten Ende. Nora hat gewonnen, kann man da nur sagen.

Ein Regieerstling, der zum Schmunzeln bringt. Dramaturgisch durchinszeniert und gespielt ist er ziemlich gut. Immer ist bei José etwas los. Der schwarze, der subtile und der schrullige Humor fehlen in fast keiner Szene. Kein erhebendes Kunstwerk, aber ein unterhaltsamer Spaß.

Filmfestival-Preise u. a.: Moskau 2009 (Beste Regie); Miami 2009 (Publikumspreis); Biarritz 2009 (Bester Film).

Thomas Engel