Filmemacher drehen gerne Filme über den eigenartigen, oft seltsamen Prozess des Filmemachens – das Publikum dagegen weiß mit diesen selbstreflexiven Versuchen über das eigene Schaffen oft wenig anzufangen. Ob sich dies bei Ulrich Köhlers „Gavagai“ anders gestaltet bleibt abzuwarten, der Berliner Auteur fährt in seinem sechsten Film jedenfalls alles auf, was Filme dieser Art anzubieten haben: Von Dreharbeiten zu einer „Medea“-Version, über Fragen der kulturellen Aneignung und Rassismus bis zu Affären hinter den Kulissen.
Über den Film
Originaltitel
Gavagai
Deutscher Titel
Gavagai
Produktionsland
DEU, FRA
Filmdauer
91 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Köhler, Ulrich
Verleih
Port au Prince Pictures GmbH
Starttermin
30.04.2026
Am Strand des Senegals schippert ein Boot vor sich hin, in ihm Kinder mit Rettungswesten. Man könnte an den Beginn einer riskanten Reise über den Atlantik, hin zu den verklärten Gestaden Europas denken, doch die Wirklichkeit ist banaler: Ein Film wird hier gedreht, die deutsche Schauspielerin Maja (Maren Eggert) spielt Medea, jene klassische Frauenfigur aus der antiken Tragödie, die in einem fremden Land belogen und betrogen wird und schließlich Mann und Kinder tötet.
Aus irgendeinem Grund hielt es ihre Regisseurin Caroline (Nathalie Richard) für eine gute Idee, diese Geschichte nun im Senegal anzusiedeln, fast alle Rollen außer Medea mit Schwarzen zu besetzen – so auch Medeas gegenüber Jason, der vom französisch-senegalesischen Schauspieler Nourou (Jean-Christophe Folly) gespielt wird.
Wie eine Kolonialherrin führt sich Caroline am Set auf, schreit und wütet, wenn etwas nicht so läuft, wie sie sich das vorgestellt hat. Dass gleichzeitig die Komparsen schlecht behandelt werden und nicht zum Catering zugelassen sind, stört sie dagegen kaum.
Wie sich das für Dreharbeiten gehört, haben die beiden Hauptdarsteller eine Affäre, während Maja per Zoom-Call mit ihrem offensichtlich zunehmend entfremdeten Mann (Hans Löw) über die Erziehung des Kindes spricht.
Monate später, der sonnige Senegal wurde mit dem tristen Berlin ausgetauscht, es ist Februar, auf der Berlinale wird der Film Premiere haben. Bei der Ankunft in seinem Hotel fühlt sich Nourou vom Portier rassistisch beleidigt, doch es ist Maja, die auf einer Entschuldigung besteht und schließlich für die Entlassung des – polnischen – Mitarbeiters sorgt. Auch die Affäre der Beiden ist vorbei, war vielleicht nur am Set möglich, vielleicht auch nur in der Fremde, in der exotischen Umgebung.
Vor gut 15 Jahren war Ulrich Köhler mit seinem Film „Schlafkrankheit“ selbst bei der Berlinale zu Gast, ein semi-autobiographischer Film, in dem der Autor und Regisseur Erfahrungen aus seiner Kindheit thematisierte, als er zusammen mit seinen Eltern in Afrika lebte. Auch damals spielte Jean-Christophe Folly eine Hauptrolle und erlebte in einem Berliner Hotel eine ähnliche Szene, wie sie nun die von ihm gespielte Figur Nourou erlebt.
Dieser Moment war für Köhler einer der Ausgangspunkte seines neuen Films, noch viel mehr aber manche Diskussion, die über die Berechtigung eines Films wie „Schlafkrankheit’“ entstand, ein von einem weißen Regisseur, mit einem hauptsächlich weißen Team in Afrika gedrehter Film. Seitdem hat sich die Diskussion über das, was Allgemein als Kulturelle Aneignung bezeichnet wird, keineswegs entspannt, selbst ein Film wie Köhlers wird von manchen als problematisch betrachtet. Und das obwohl dieser gar nicht dezidiert von Schwarzen erzählt, sondern gerade von oft ignoranten Weißen, die mit den Begebenheiten Afrikas kaum vertraut sind. Aber solche Feinheiten gehen in einer oft populistisch geführten Diskussion bekanntermaßen oft unter.
Nun reflektiert Köhler also in doppelter Weise sein eigenes filmisches Schaffen, stellt Fragen über das Verhältnissen von Menschen, deutet an, wie schwer es ist, Vorwürfen für ein vorgeblich unbedachtes künstlerischen Tun zu entgehen, so sehr man sich auch bemüht. Wie stets in seinen Filmen, bedient sich Köhler Ellipsen und Leerstellen, deutet mehr an, als auf den Punkt zu bringen, lässt Raum und Luft, verzichtet dadurch aber auch auf eine Zuspitzung, die manchmal gut tun würde. Ein kluger Film ist „Gavagai“ geworden, stellt interessante, relevante Fragen, bleibt aber auch etwas zurückhaltend, akademisch und kontrolliert.
Michael Meyns







