Gefahr und Begierde

Ang Lees nach "Brokeback Mountain" neues Meisterwerk erzählt von der erotischen Affäre zwischen einer jungen Dissidentin und einem ranghohen Geheimdienstmitarbeiter im besetzten China von 1942. Ein Thriller voller Geheimnisse und formvollendeter Schönheit, der in Venedig mit dem Goldenen Löwen als bester Film und für die beste Kamera ausgezeichnet wurde.

Webseite: www.gefahrundbegierde.de

OT: Lust, Caution (Se Jie)
Regie: Ang Lee
Buch: Wang Hui Ling
Darsteller: Tony Leung, Tang Wie, Joan Chen, Wang Leehom, Anupam Kher
156 Minuten
Verleih: Tobis
Kinostart: 18.11.2007

PRESSESTIMMEN:

Ein elegisch inszeniertes Drama um Begehren, Moral, Verrat und (sexuelle) Gewalt, das seine üppig ausgestattete Geschichte nuancenreich erzählt und zugleich eine Liebeserklärung an das mondäne Shanghai jener Jahre darstellt. – Sehenswert ab 16.
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FILMKRITIK:

Nachdem der Taiwanese Ang Lee, der seit 1978 in den USA lebt, in seinen Filmen von Western, Comicverfilmung bis Liebesdrama fast jedes Genre erprobt hat, kehrt er nun seinen Wurzeln zurück – dem asiatischen Kino. „Gefahr und Begierde“ ist ein epischer Spionagethriller, der zugleich Drama und Liebesfilm ist, und von seinem optischen Look stark an die Werke von Won-Kar Wai erinnert. Man könnte meinen, Hauptdarsteller Tony Leung, sei in gleicher Garderobe direkt von Wais „2046“-Set zu Ang Lee gekommen, mit dem Unterschied, dass seine Rolle düsterer, geheimnisvoller und vor allem sehr viel böser ausfällt.

 

Tony Leung spielt Herrn Yi, einen Staatsbeamten von hohem Rang, der 1942 in China mit den japanischen Besetzern kollaboriert und zum wichtigen Mann beim Geheimdienst aufsteigt. Er gerät ins Visier einer studentischen Theatergruppe, die in ihren patriotischen Stücken Stimmung gegen die Invasoren macht. Ihrem Anführer Kuang Yu Min (Wang Leehom) ist es mit der Kunst nicht genug, er will den Widerstand aus dem Untergrund unterstützen und Herrn Yi, in seinen Augen ein Volksverräter, zur Strecke bringen. Die Schauspielkollegin Wang Jiazhi (Tang Wie) soll die entscheidende Waffe sein: langsam wird sie sich ihm annähern, ihn in eine erotische Affäre verwickeln und schließlich für seinen Tod sorgen. Doch zwischen der jungen Frau und dem eigentlich verachtenswerten Kollaborateur entwickelt sich wider Erwarten eine ambivalente Beziehung, die zwischen Zuneigung, Liebe und Brutalität pendelt, emotional aufgeladen durch erotische Abenteuer, die sich in gemeinsamer, ruppiger Bettlakengymnastik äußern. 

Wie auch schon in „Brokeback Mountain“ erzählt Ang Lee von einer Liebe, die aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Barrieren um sie herum nicht sein darf. Mit dem Unterschied, dass sich seine Geliebten hier hinter einer ständigen Maskerade verbergen und niemals ihre wahren Gefühle offenbaren. Wie auch in der Romanvorlage von Eileen Chang offenbart sich hier der Gegensatz zwischen Vertrautheit und politisch bedingter Feindschaft, die aus ihren Charakteren tragische Figuren des Krieges macht. Dabei gelingt es Ang Lee seine Geschichte in permanenter Spannung und voller Todesangst zu erzählen. Dem emotionslosen und kaltblütigen Herrn Yi steht eine dissidentische Theatergruppe gegenüber, die geblendet von Vaterlandsliebe und Regierungskritik in naiven Aktionismus verfällt. Als sie im Affekt Herrn Yis Fahrer umbringen, stellen sie sich dabei so ungestüm und unbeholfen an, dass der Terror, die Angst und ihr eigener emotionaler Konflikt beim Todesakt ans Licht rücken. Sie alle sind Opfer einer staatlichen Repressionsmaschine, die sich scheinbar nur durch das verführerische Moment der verbotenen Erotik erweichen lässt.   

Zweieinhalb Stunden dauert Ang Lees neues Meisterwerk, das zwischen Film noir und Thriller pendelt und wieder einmal unterstreicht, dass der Taiwanese zu den großartigsten und vor allem vielseitigsten Regisseuren der Welt gehört.

David Siems