Gegenüber

In Cannes gab es für diesen Quinzaine-Starter eine Lobende Erwähnung, beim Filmfest München 2007 den Preis für das Beste Drehbuch. Die Darsteller Matthias Brandt und Victoria Trauttmansdorff ernteten bei ersten deutschen Vorführungen stürmischen Applaus. Die Begeisterung ist einhellig: "Gegenüber", der vermeintlich "kleine Film" von Nachwuchsregisseur Jan Bonny überrascht mit einem großen, gewaltig erschütternden Drama.

Webseite: gegenueber-film.de

BRD 2007
Regie: Jan Bonny
Buch: Jan Bonny, Christina Ebelt
Darsteller: Matthias Brandt, Wotan Wilke Möhring, Victoria Trauttmansdorff
Produktion: Heimatfilm, WDR
Länge: 96 Min.
Verleih: W-Film
Kinostart: 11.10.2007

PRESSESTIMMEN:

Ein sich langsam entwickelnder, subtil beobachtender Film über die Lebensuntauglichkeit zweier Menschen, der keine dramaturgische Zuspitzung sucht, sondern die innere Not seiner Protagonisten durch eine Fülle von Detailbeobachtungen auszudrücken versteht. – Sehenswert ab 16.
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FILMKRITIK:

Die Beziehung von Georg Hoffmann (Matthias Brandt) und Anne (Victoria Trauttmansdorff) wirkt nach mehr als zwanzig Jahren Ehe leicht angespannt. Die Grundschullehrerin ist emotional gebrechlich, der ruhige und beliebte Polizist behandelt sie übermäßig vorsichtig. Georg ist Favorit für eine anstehende Beförderung zum Kommissar, aber so bescheiden, dass er selbst den eindeutig unfähigen, jüngeren Kollegen Michael (Wotan Wilke Möhring) vorschlägt. Zuhause erzählt der stille Mann nichts vom fast heldenhaften Einsatz, bei dem er Michaels Leben rettete. Zuhause schleicht Georg um Anne herum, immer krampfhaft bemüht, sie nicht aufzuregen, es ihr recht zu machen…

Solche Dramen kennt man, auch aus dem Kino reichlich. Doch dann bricht ein äußerst heftiges Psycho-Drama auf, das niemanden im Saal unberührt lässt. Hier sollte man eine Warnung vor dem Weiterlesen einbauen: Der Schock über alles, was sich hinter der Fassade einer nicht glücklichen, aber normalen Ehe abspielt, ist eindringlicher, wenn man vorher nichts ahnt. Es geht nicht nur um die eingeschlafene Sexualität. Oder die Leere, nachdem die Kinder aus dem Haus sind. Nein, ganz gegen die Erwartungen schlägt Anne ihren Mann regelmäßig mit unfassbarer Brutalität blutig und blau. Ihre psychotische Verachtung paart sich gewaltsam mit seiner unendlichen Erniedrigung. Und das ist kein sexuelles (Vor-)Spiel, das ist einfach nur nackte, verzweifelte Gewalt, erschütternd, schwer fassbar. Mit diesem Schock geht der Film in weitere Runden seiner Handlung, erklärt und entwickelt das Drama äußerst stimmig. Jetzt fügen sich die beklemmenden Familientreffs bei Annes völlig unsensiblem und rücksichtslosem Vater in eine psychologische Zwangsfolge von verletzenden Aktionen. Jetzt versteht man die erstickend verhaltene Stimmung, die Probleme der beiden Kinder, die immer alles gewusst haben und nie drüber reden konnten. Wobei all diese Szenen keineswegs die Distanz einer solchen Analyse haben, sondern voller Leben stecken. Leben in seiner grausameren Form! Exzellent auf sehr starke, entscheidende Szenen konzentriert.

"Gegenüber" ist der erste Kinospielfilm vom 1979 in Düsseldorf geborenen Jan Bonny, der an der Kölner Kunsthochschule für Medien studierte. Das Buch zum eindringlichen und psychologisch stimmigen Film entstand gemeinsam mit Autorin Christina Ebelt, gedreht wurde "Gegenüber" an 32 Tagen komplett in Essen, Förderung erhielt der Nachwuchs hier von der Filmstiftung NRW. Immer wieder findet das Drama (be-)treffende Szenen für die inneren Verzweiflungen seiner Figuren: Georg versteckt sich zum Weinen in einer wenig beliebten Raum-Kapsel der Spielhölle ab. Als sich Anne zur weiteren Steigerung ihrer Grausamkeiten Georgs Kollegen Michael auf die Couch holt, setzt sich der Ehemann einfach daneben und löffelt eine Suppe aus. Die sichere Handkamera fängt dies alles in lebensnahen Sets ein.

Bis zum offenen Ende folgen Schlag auf Schlag gelungene Szenen, die verzweifelte Verstrickung in ungesunde Abhängigkeiten kann vielleicht zerrissen werden, der erschreckte Blick hinter die Fassade einer ganz normalen Ehe wirkt jedenfalls nach. Ein Muss für alle, die Gefühlskino nicht als Flucht vor hässlichen, aber echten Gefühlen sehen.

Günter H. Jekubzik

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„Bis dass der Tod euch scheidet“, heißt es in der Eheschließungsformel. Inzwischen wird dieser „lebenslängliche“ Satz absichtlich nicht mehr von allen gesprochen. Jede dritte Ehe wird spätestens nach einigen Jahren geschieden.

Um die Ehe, und nur um diese, geht in dem Film. Georg ist in Essen Polizist. Er hat einen für seinen Beruf eher untypischen Charakter: in sich gekehrt, nachdenklich, unentschlossen und unsicher auch. Immerhin hat er mit seiner zurückhaltenden Art gerade einem Kollegen das Leben gerettet.

Anne, seine Frau, ist Grundschullehrerin. Ihr psychischer Defekt ist unverkennbar: Sie fühlt sich vernachlässigt und gedemütigt, sie ist daher oft verzweifelt, aber auch ungewöhnlich aufbrausend. Regelmäßig schlägt sie ihren Mann.

Die beiden Kinder, ein Sohn und eine Tochter, sind bereits aus dem Haus. Sie studieren. Jeden Mittwoch findet bei Annes Eltern ein Familienessen statt. Der Großvater finanziert das Studium der Enkel. Es ist gerade Adventszeit.

Zwangsläufig erkennt man erst nach längerer Zeit, vielleicht erst nach Jahren, wen man geheiratet hat. Bei Georg und Anne ist die Erkenntnis, das „Gegenüber“, der Kontrast, die Konfrontation in vollem Gange. Ein schleichendes Ehedrama – scheinbar ohne Hoffnung und Lösung. Jedes Wort kann in einem alles zerfressenden Klima Streit hervorrufen. Explosion, Versöhnung, wieder Explosion, Schläge.

Regisseur Jan Bonny und Drehbuchautorin Christina Ebelt – erster Langspielfilm mit einer Lobenden Erwähnung bei der Quinzaine des Réalisateurs 2007 in Cannes und Preis für das beste Drehbuch beim Münchner Filmfest 2007 – haben zu einem extremen, brutalen, abschreckenden Ehebeispiel gegriffen (es gibt auch genügend andere Ehen), dieses aber konsequent und plastisch durchspielen lassen. Vielleicht, aber nur vielleicht, sind daraus auch gewisse Lehren zu ziehen, je nach Auffassung und Geschmack.

Eines steht jedoch fest: Matthias Brandt (Georg) und Victoria Trauttmansdorff (Anne) verkörpern ihre Rollen bis zur physischen Erschöpfung. Eine darstellerische Leistung. Eine erstklassige Ausführung der Intentionen des Regisseurs.

Unglückliches, verzweifeltes, abschreckendes Ehedrama – für manche vielleicht als Lehrbeispiel ausgedacht. Zweifellos gekonnt inszeniert.

Thomas Engel