Geheime Staatsaffären

Im Gegensatz zu vielen amerikanischen Filmen, die aktuelle politische Themen behandeln, geht Altmeister Claude Chabrol einen anderen Weg. Auf vielschichtige, extrem subtile Weise zeigt er die Faszination von Macht und den Missbrauch, zu der sie verleitet. Besonders Isabelle Huppert brilliert einmal mehr als Richterin, die gegen Korruption angehen will und langsam selbst den Möglichkeiten der Macht zu erliegen scheint.

Webseite: www.livressedupouvoir.com

L’Ivreese du Pouvoir
Frankreich 2006
Regie: Claude Chabrol
Buch: Odile Barski, Claude Chabrol
Kamera: Eduardo Serra
Schnitt: Monique Fardoulis
Musik: Matthieu Chabrol
Darsteller: Isabelle Huppert, Francois Berleand, Patrick Bruel, Robin Renucci, Maryline Canto, Thomas Chabrol
110 Minuten, Format 1:1,85
Verleih: Concorde
Kinostart: 20.7.2006

PRESSESTIMMEN:

Bewegend wie ein emotionales Drama, mitreißend wie ein Thriller – eine intelligente Studie über Korruption mit einer glänzenden Isabelle Huppert.
Cinema

Claude Chabrol, der Großmeister der bissigen Gesellschaftsanalyse, packt mit "Geheime Staatsaffären" ein besonders heißes Eisen an: sein Polit-Thriller ist inspiriert von der wahren Geschichte um die Affäre der Öl-Gesellschaft Elf Quitaine,d ie in den neunziger Jahren Frankreich erschütterte. Ein neuer, kritischer und präziser Blick in bester Hitchcock-Manier auf das immerwährende Spiel um Macht und Einfluss.
Der Spiegel

Aus dem Elf-Aquitaine-Korruptionsskandal machte der Großmeister des französischen Films, der 76-jährige Claude Chabrol, einen Film. Die hochkomplizierte Geschichte reduzierte er zu einer Parabel um Geld und Macht. Im Zentrum steht eine unerschrockene Untersuchungsrichterin – auch sie gab es in Wirklichkeit -, gespielt wird sie von der Kinolegende Isabelle Huppert. Korruption und Machtmissbrauch – diesem schweren Thema hat sich Chabrol mit Leichtigkeit und Witz genähert.
ZDF Aspekte

Eine engagierte französische Richterin mag die korrupten Deals zwischen Wirtschaftsmagnaten und Politikern nicht länger hinnehmen, setzt zum Kreuzzug für die Gerechtigkeit an und lernt selbst das süße und korrumpierende Gefühl der wachsenden Macht kennen. Ein fesselnder und boshafter Thriller über menschliche Moral, wie man es von Chabrol kennt und immer wieder gern anschaut Angelehnt an die skandalöse Elf-Aquitaine-Affäre.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Isabelle Huppert spielt die Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Kilmant (ein überaus bezeichnender Name), die vor dem größten Fall ihrer Karriere steht. Sie ermittelt gegen Angestellte eines Industriekonzerns, denen Untreue, Schmiergeldzahlungen und Zweckentfremdung öffentlicher Gelder vorgeworfen werfen. Doch schon die Tatsache, dass der Konzern nicht weiter präzisiert wird (auch wenn er lose an den aufsehenserregenden Prozess gegen Elf Aquitaine angelehnt ist, dessen Kreise bis nach Deutschland reichten) deutet an, worum es Claude Chabrol und seiner Co-Autorin Odile Barski hier geht. Nicht um die Darstellung von Korruption, einer zwangsläufig platten Anklage gegen ganz bestimmte Personen und Verhaltensweisen, von denen ohnehin jeder denkende Mensch ausgeht, sondern um abstrakte ethisch-moralische Fragen.

 

 

Schon die erste Szene zeigt die Macht, die mit einer Führungsposition einhergeht überdeutlich. Da sieht man den Manager Humeau (Francois Bérleand) durch lange Gänge laufen, das Handy am Ohr, diverse Sekretärinnen im Schlepptau, die um Aufmerksamkeit heischen und ihrem Chef jeden Wunsch erfüllen. Oft wird Chabrol in den folgenden zwei Stunden diese Kamerafahrt wiederholen, mit Männern (und es sind praktisch nur Männer) aus Wirtschaft und Politik, aber auch mit der Richterin. Denn diese bekommt im Laufe ihrer zunehmend erfolgreichen Ermittlungen immer mehr Macht und Möglichkeiten. Sie wird in ein größeres Büro versetzt, die Türen führender Politiker und Staatsanwälte stehen auf einmal offen, ein Magazin setzt sie auf die Titelseite, kurz, auch sie hat mit der Verführung der Macht zu kämpfen. Das erste Opfer ist ihre Ehe, die immer mehr in den Hintergrund rückt, immer unbedeutender wird, bis Jeanne schließlich ganz aus der gemeinsamen Wohnung auszieht.

Man kann sich niemand besser in dieser Rolle vorstellen als Isabelle Huppert. Von Beginn an verströmt sie eine an Arroganz grenzende Autorität, ist sich ihrer Macht in jedem Moment bewusst, lässt Angeklagte warten und sich von niemandem einschüchtern. Mit zunehmender Dauer wandelt sich das Bild. Immer häufiger streicht sie sich Schlaf aus den Augen, eine unbestimmte Furcht greift Besitz über sie, je stärker der politische Druck gegen ihre Ermittlungen wächst. Einerseits mit brachialen Methoden, wie der Verwüstung ihres Büros, andererseits mit dem wesentlich subtileren Versuch der Beförderung, die mit gewissen, natürlich nie ausgesprochenen Forderungen verbunden scheint.

Und so entwickelt sich der Fall, der viele Figuren umfasst, aber immer wieder auf das Doppel Charmant-Kilmant und Humeau zurückkommt. Beide außerhalb des Systems von Eliteschulen und Universitäten zu Erfolg gekommen, sind sie Seiten der gleichen Medaille. Beide glauben das Richtige zu tun, sich im legalen Raum zu bewegen und stoßen doch immer wieder auf Punkte, an denen ihr Verhalten zwar möglicherweise nachvollziehbar ist, moralisch gesehen jedoch problematisch ist. Wie Chabrol diesen Punkt herausarbeitet, ihn umkreist und die vielschichtigen Fragen, die er aufwirft andeutet, ohne allzu direkt zu werden, ist meisterlich. Nicht zuletzt auf Grund dieser subtilen Art ging Geheime Staatsaffären auf der Berlinale ein wenig unter, ein Schicksal, dass sich bei der regulären Kinoauswertung hoffentlich nicht wiederholt.

Michael Meyns