Geliebte Clara

Clara Schumann war ein Star in einer Zeit, als fast alle ihre Geschlechtsgenossinnen keine Chance hatten, ihre Talente zu entfalten. Und sie war eine moderne Frau, die neben ihrer Karriere eine Familie und eine Ehe managte – mit dem nicht minder berühmten Komponisten Robert Schumann. Helga Sanders-Brahms hat der Pianistin ein Porträt gewidmet, das vor allem deren Geschick herausarbeitet, sich in einer Männerwelt und schwierigen familiären Verhältnissen zu behaupten. Die Regisseurin verzichtet auf die Überhöhungen des Gefühlskinos und inszeniert ein nüchternes Kammerspiel – bisweilen sehr verhalten und  deshalb nicht ohne Längen. 

Webseite: www.geliebteclara.de

Deutschland/Frankreich/Ungarn 2008
Buch und Regie: Helga Sanders-Brahms
Darsteller: Marina Gedeck, Pascal Greggory, Malik Zidi
Länge: 107 Minuten
Verleih: Kinowelt
Kinostart: 4. Dezember 2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es ist ein Stoff, den sich ein Drehbuchautor nicht besser hätte ausdenken können. Da ist zum einen Clara Schumann, die als Pianistin in den Konzertsälen Europas gefeiert wird und ihren Erfolg genießt. Da ist zum anderen Robert Schumann, hoch gelobter Komponist und treuer Begleiter seiner Frau Clara. Und da ist nicht zuletzt der Nachwuchs-Komponist Johannes Brahms, der Robert Schumann verehrt und sich in dessen Frau verliebt. Eine solche Konstellation verheißt ein ordentliches Drama. Helga Sanders-Brahms konzentriert sich in ihrem Biopic auf die turbulenten Jahre zwischen 1850 und 1856. 1850 wird Schumann Musikdirektor in Düsseldorf und ist erstmals in der Lage, seine vielköpfige Familie selbst zu ernähren. Seine Frau muss nicht mehr auf lange Konzertreisen gehen. Im Überschwang der gesicherten Verhältnisse komponiert er die berühmte Rheinische Sinfonie. Seine Frau unterstützt und beflügelt ihn. 1853 tritt Johannes Brahms in Kontakt mit den Schumanns. Robert Schumann erkennt dessen Talent und fördert ihn. Seine Frau und die Kinder sind dem stürmischen jungen Mann bald sehr zugetan. Gleichwohl sind diese Jahre alles andere als einfach. Schumann kommt mit Orchester und Chor nicht zurecht. Seine Frau muss als Co-Dirigentin einspringen. Außerdem verschlimmert sich seine Krankheit, die mit rasenden Kopfschmerzen und Wahnvorstellungen verbunden ist. Nach einem Selbstmordversuch begibt er sich in Behandlung und stirbt umnachtet 1856.

 

Die Regisseurin, die auch das Drehbuch schrieb, formt aus diesen Ereignissen kein saftiges Melodram mit Liebesausbrüchen, Hochgefühlen und Abstürzen. Sie erzählt die Ereignisse zurückhaltend und geradezu protokollarisch. Auch ohne filmische Pointierungen wird jedoch deutlich, welch hohen Anforderungen Clara Schumann ausgesetzt war, mit welcher Energie und Übersicht sie in äußerst schwierigen Situationen agierte und wie sie Anfeindungen ausbalancierte, die ihr als Frau im Musikbetrieb entgegenschlugen. Sie war, und das ist das Kernanliegen des Films, eine sehr moderne und bewundernswerte Frau. Das wird sehr rational vermittelt, die sinnliche Ebene ist dagegen unterentwickelt. Martina Gedeck kann im offenbar sehr engen Regie-Rahmen der Titelheldin kein richtiges Leben einhauchen. Fulminante Auftritte wie die Hannah Herzsprungs in „Vier Minuten“, die ihr Innerstes nach außen kehrt, wenn sie am Klavier sitzt, sucht man hier vergebens. Vielleicht wollte Sanders-Brahms ihre Heldin eben nicht als genialische, sondern als rationale und kühl kalkulierende Frau zeichnen – der Filmwirkung ist das aber eher abträglich. Was Schumann als Künstlerin und Frau antreibt, bleibt undeutlich. Warum stellt sie ihre eigenen Ambitionen zurück, als sie mit ihrem Mann nach Düsseldorf geht? Warum erwägt sie nicht, ihre Kinder und sich vor ihrem Mann zu schützen? Erschwerend kommt hinzu, dass nicht Clara, sondern Robert Schumann (Pascal Greggory) immer mehr ins Zentrum des Films rückt. Was nicht an seiner Dominanz, sondern an seiner Schwäche liegt. Fast alles, was seine Frau und Brahms tun, ist auf ihn ausgerichtet, der in seinen letzten Lebensjahren immer weltentrückter dahinsiecht. So wirkt es oft nicht so, als ob zwei Sterne die „geliebte Clara“ umkreisen, sondern Clara Schumann und Brahms einen verglühenden Planeten begleiten.

Volker Mazassek

Nach den unzähligen Filmen mit Rock und Pop nun einmal verdienstvollerweise ein im 19. Jahrhundert spielender Film mit klassisch-romantischer Musik. Denn die Clara des Titels ist keine andere als Clara Schumann, die damals berühmte Konzertpianistin und Gattin von Robert Schumann.

Über die Wunderkind-Zeit Claras oder die erbitterte Gegnerschaft ihres Vaters zur Heirat mit Robert wird nichts gesagt. Der Film setzt um 1850 ein, zu dem Zeitpunkt, zu dem Schumann als Musikdirektor nach Düsseldorf berufen wird. Robert und Clara sind mit ihrer Kinderschar glücklich, die mit großem Beifall aufgenommene Rheinische Symphonie entsteht, und wo immer Clara spielt, findet sie Anklang.

Die ersten Anzeichen von Schumanns Krankheit allerdings zeigen sich bald: Arbeitsausfall, mangelnde Konzentration Kopfschmerzen, Wutausbrüche, Wahnvorstellungen.

Der junge Johannes Brahms tritt in beider Leben. Sein Genie wird rasch erkannt. Brahms verehrt Clara unendlich, er wird aber seinerseits auch von Robert hoch geschätzt und geliebt. Fast ein ménage à trois. Die Schumann-Kinder und Brahms sind beste Freunde.

Roberts Krankheit schreitet voran. Selbstmordversuch. Auch die Ehe war schon besser. Schumann lässt sich in die Heilanstalt Endenich bei Bonn einweisen. Clara absolviert Konzertreisen zum Unterhalt der Familie. Sie sieht ihren Mann nur noch selten. Schumann stirbt in der Heilanstalt 1856. Er wird nur 46 Jahre alt.

Brahms hört nicht auf, Clara zu lieben. Doch die beiden verbringen ihr künftiges Leben nicht gemeinsam. Clara, selbst eine große Musikerin und Komponistin, bleibt ihrem Mann treu und setzt sich voll und ganz für sein Werk ein.

Helma Sanders-Brahms’ Film, an dem die Autorin und Regisseurin jahrelang arbeitete, lässt drei Schwerpunkte erkennen. Der erste ist, dass Clara Schumann im Grunde eine Vorläuferin jener heutigen Frauen war, die Beruf, Ehemann, Haushalt, Familie, Kinder und Muse unter einen Hut bringen müssen.

Der zweite Schwerpunkt ist die weibliche Hauptrolle. Ursprünglich war Isabelle Huppert für die Titelrolle vorgesehen. Jetzt ist es Martina Gedeck, und sie spielt die Frau in ihrer charakterlichen Stärke, in ihrer Liebe zu Robert, in der Sorge um die ihren, im emotional-zwiespältigen Verhältnis zu Brahms, in ihrer künstlerischen Virtuosität, in ihrer 19.-Jahrhundert-Erscheinung wunderbar.

Der dritte Schwerpunkt die Musik, die den Film ausfüllt. Die Komponisten: Robert Schumann, Johannes Brahms und Clara Schumann. Man kann darin schwelgen.

Etwas für Liebhaber.

Thomas Engel