Genesis 2.0

Wie im Kinoabenteuer „Jurassic Park“ könnte die Gentechnik es schon bald ermöglichen, längst ausgestorbene Tierarten wiederzubeleben. Das Wollhaarmammut gilt seit dem spektakulären Fund eines fast vollständig erhaltenen Kadavers in Sibirien als Symbolfigur für die Pionierstimmung internationaler Genforscher/innen. Der Schweizer Filmemacher Christian Frei („War Photographer“) und sein russischer Co-Regisseur Maxim Arbugaev liefern mit ihrer Dokumentation „Genesis 2.0“ Einblicke in die komplexe Thematik, wobei Arbugaev eine Gruppe sibirischer „Mammut-Jäger“ begleitet, während Frei moderne Genforschungszentren besucht.

Webseite: riseandshine-cinema.de

Schweiz, China, Russland, Südkorea, USA 2018
Regie: Christian Frei, Maxim Arbugaev
Drehbuch: Christian Frei
Mitwirkende: Peter Grigoriev, Semyon Grigoriev, George Church, Spira Sleptsov, Woo Suk Hwang
Laufzeit: 113 Min.
Verleih: Rise and Shine
Kinostart: 17. Januar 2019

FESTIVALS/PREISE:

Sundance 2018 – World Cinema Documentary Special Jury Award for Best Cinematography

FILMKRITIK:

Eine menschenleere sibirische Insel im Arktischen Meer: Hier durchwaten jakutische Jäger die Landschaft, stochern im Boden herum, heben Löcher aus, kampieren in Zelten. Sie suchen Überreste der vor etwa 4000 Jahren ausgestorbenen Wollhaarmammuts. Seit die globale Erwärmung den sibirischen Permafrost immer weiter auftaut, ist hier eine regelrechte Goldgräberstimmung ausgebrochen. Der Fund eines erstaunlich gut erhaltenen Mammut-Kadavers stachelt die Hoffnung der Männer auf den großen Coup weiter an. Die Marktpreise, die das Elfenbein und die Kadaver der Mammuts erzielen, liegen immens hoch.
 
In Laboren auf aller Welt, insbesondere in Asien, träumen Wissenschaftler/innen derweil davon, mit Hilfe der Funde ein Mammut zu klonen. Die einen würden sich damit begnügen, die ausgestorbene Tierart zu rekonstruieren – andere wollen eigene Kreationen erschaffen. Vielen Menschen machen derlei Zukunftsaussichten Angst, andere empfinden es als gotteslästerliche Hybris, wiederum andere sehen in der Gentechnik die nächste technische Weltrevolution.
 
Die ethischen Implikationen der komplexen Thematik lassen die Filmemacher Christian Frei und Maxim Arbugaev außen vor. Stattdessen zeigen sie aktuelle Entwicklungen, ohne diese per Kommentar oder anderweitig zu bewerten. Die unkommentierten Aussagen der befragten Forscherinnen und Forscher überlassen es dem Publikum, eine Meinung dazu einzunehmen.
 
„Genesis 2.0“ teilt sich in zwei Erzählstränge, die im Grunde lose miteinander in Verbindung stehen. Im kinotauglicheren Strang begleitet der russische Kameramann und Regisseur Maxim Arbugaev die Mammutjäger in Sibirien. Dabei entstehen faszinierende Landschaftaufnahmen und Porträts der Männer selbst, die fern ihrer Familien auf den großen Fund hoffen und ihr eigenes Tun immer wieder anzweifeln. Zum einen, weil sie dem lokalen Aberglauben gemäß eine Strafe fürchten, wenn sie die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Zum anderen, weil die menschenfeindliche Natur sie unerbittlich auf sich selbst zurückwirft.
 
Im Parallelstrang besucht der Schweizer Regisseur Christian Frei verschiedene Forschergruppen, zum Beispiel das Unternehmen des südkoreanischen Stammzellenforschers Hwang Woo-suk, der kommerziell Schoßhunde klont, den US-Genetiker George Church oder die Finalrunde eines internationalen Studentenwettbewerbs mit Experimenten zur synthetischen Biologie. Die Ansichten der Molekular- und Gentechniker/innen gehen durchaus auseinander, sind aber alle von der Faszination für die Verheißungen der Gentechnik geprägt.
 
Christian Horn

Mehr Collage als klassische Dokumentation und mehr Kunst als Information in zwei parallelen Geschichten um die Wiedererschaffung des Wollhaarmammuts und damit um die Korrektur der Schöpfung. Auf der einen Seite stehen Elfenbeinjäger in der sibirischen Arktis, auf der anderen Seite Bioingenieure und Gentechniker – Schlammwüste gegen steriles Labor, weiße Kittel gegen Gummistiefel, Klimaanlage gegen Permafrost. Der Film ist eine visuelle und intellektuelle Herausforderung für alle, die bereit sind, sich auf ungewohnte und ungewöhnliche Bilder und Gedankenströme einzulassen. Sicherlich keine leichte Kost, aber feines Cineastenfutter!

Der Klimawandel macht es möglich: Tausende von Jahren waren die Inseln in der arktischen See nördlich von Sibirien unter einer dicken Eisschicht verborgen. Das Eis ist verschwunden, der Permafrostboden taut auf und gibt dabei Relikte preis, die für Goldgräberstimmung sorgen: Mammutknochen, manchmal ganze Skelette, aber vor allem das Elfenbein der ausgestorbenen Elefanten. Auf der Suche nach den wertvollen und bis zu hundert Kilo schweren Stoßzähnen begeben sich mutige Männer jedes Jahr auf die ungewisse Reise zu den Inseln, die Sibirien im Norden vorgelagert sind. Maxim Arbugaev begleitet diesen Treck, der stark an Goldgräber in Alaska erinnert, und hält in spannenden Bildern fest, was die großenteils indigenen Jakuten bei ihrer Suche erleben und erleiden. Da läuft auch schon mal ein Eisbär durchs Bild, doch meistens versuchen die Männer sich gegen Schlamm, Regen, Schnee und Kälte zu behaupten. Unter extrem strapaziösen Bedingungen spüren sie im auftauenden Boden Elfenbein auf und hoffen dabei auf den großen Coup: einen perfekten Mammutstoßzahn, der ihnen auf einen Schlag ein Vermögen einbringt. Sie alle sind so etwas wie Glückritter, einige leiden sehr unter der Einsamkeit und unter der Trennung von der Familie. Doch einer von ihnen hat eine ganz besondere Geschichte: Sein Bruder ist ein Wissenschaftler, der das erste Mammutmuseum Russlands leitet. Gemeinsam machten die Brüder vor einigen Jahren einen sensationellen Fund: ein im Eis mumifiziertes Mammut, das noch Muskelfleisch und sogar flüssiges Blut enthält. Seitdem sucht der Wissenschaftler nach einer noch lebenden Zelle in dem Mammutkadaver. Denn er träumt davon, ein Mammut neu zu erschaffen. Dafür reist er zu Bioingenieuren und Gentechnikern. In Südkorea trifft er einen Gentechniker, der für 100000 Dollar jeden Hund klont und der sehr interessiert an dem Projekt ist. In China besichtigt er die größte Gentechnik-Fabrik zur Herstellung von DNA. In endlosen Reihen stehen hier die Sequencer, auf denen DNA analysiert und erzeugt wird. Diese Reisen begleitet Christian Frei und zeigt die Welt der Wissenschaft. Dabei wird wenig erklärt, es geht um die Vision des künstlich erschaffenen Lebens, hier soll die Natur repariert und revidiert werden. Mit ethischen Fragen oder Bedenken konfrontiert, gibt es dann von Seiten der chinesischen Gastgeber zunächst ein freundliches Lächeln, dann aber doch eher Verständnislosigkeit.

Die beiden Filmemacher erzählen zwei parallel laufende Geschichten, die sich dort kreuzen, wo das Undenkbare gedacht wird: die Vision vom perfekten und letztlich unsterblichen Menschen steht am Ende dieser Gedankenkette. Das Mammut ist da beinahe nur noch Mittel zum Zweck – für die fernöstlichen Wissenschaftsstrategen eine willkommene Aufgabe, vielleicht sogar aus PR-Gründen. Der Film ist durchaus kunstvoll und interessant gestaltet. Verbindende Texte beruhen offenbar auf gesprochenen Briefen und E-Mails, die sich Maxim Arbugaev und Christian Frei schreiben, sowie auf Notizen der Mammutjäger. Auch jakutische Lyrik ist dabei. Ob der Funke zum großen Filmpublikum überspringt, muss allerdings bezweifelt werden. Das liegt weniger an der Struktur und schon gar nicht an den Bildern aus der Arktis, sondern eher an der Erwartungshaltung, die sich mit dem Themenkreis Sibirien, Mammut und Genetik verbindet. Der Film ist allerdings eher eine anspruchsvolle Filmcollage als eine sensationslüsterne Durchschnitts-TV-Dokumentation.
 
Gaby Sikorski