Gestrandet

Schon Anfang 2014, als das Thema Flüchtlinge noch nicht beherrschend war, begann Lisei Caspers mit den Dreharbeiten zu ihrer Dokumentation "Gestrandet", in der sie fünf Flüchtlinge aus Eritrea beobachtet, die im ostfriesischen Dorf Strackholt untergebracht sind. Die Schwierigkeiten ihrer Integration sind geradezu emblematisch für das inzwischen allgegenwärtige Thema, das Engagement der Dorfbevölkerung oft leider nicht.

Webseite: http://gestrandet.pandorafilm.de

Deutschland 2015 – Dokumentation
Regie: Lisei Caspers
Länge: 80 Minuten
Verleih: Pandora Film
Kinostart: 7. April 2016
 

FILMKRITIK:

Fast zeitgleich mit "Gestrandet" kommt auch die Dokumentation "Cafe Waldluft" in die Kinos, zwei Filme, die sich mit der schwierigen Integration von Flüchtlingen in Ur-Deutsche Regionen beschäftigen. Was im einen Fall die Voralpen sind, ist hier das flache friesische Land – und ließe sich beliebig erweitern. 2014 gedreht, ein wenig vor den aktuellen Flüchtlingsströmen, die nicht nur die deutsche Politik bestimmen, beobachtet Lisei Caspers eine ganz spezielle Situation, die sich unweit ihres Heimatdorfes abspielt, die aber viel über den Umgang mit Flüchtlingen erzählt, wie er sich inzwischen in immer mehr deutschen Orten abspielt.

In einer Großstadt würden die fünf Flüchtlinge Aman, Mohammed, Ali, Hassan und Osman aus dem ostafrikanischen Staat Eritrea nicht auffallen, in einem kleinen, homogenen Dorf wie Strackholt in Ostfriesland ist das Quintett nicht zu übersehen. In einer Flüchtlingsunterkunft sind sie untergebracht und machen das, was Flüchtlinge vor allem tun: warten. Anfangs noch voller Hoffnung, nach geglückter Flucht aus dem vom Bürgerkrieg und einer brutalen Diktatur gebeutelten Land, endlich in Ruhe und Freiheit Leben zu können, bald von der schier endlosen Warterei zermürbt.

Denn auch 2014, als noch nicht täglich hunderte oder gar tausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, arbeiteten die deutschen Behörden ebenso gründlich wie langsam, ging alles seinen korrekten, bürokratischen Weg. Bei den Behördengängen wurden die Flüchtlinge von den einheimischen Unterstützern Christiane und Helmut begleitet, die sich als freiwillige Helfer für die Flüchtlinge engagieren dabei aber immer wieder an Grenzen stoßen. Teils an ihre eigenen, teils die der Gesellschaft, teils die der Flüchtlinge.

Wie diese unterschiedlichen Welten aufeinanderstoßen, ist der besonders interessante Aspekt von "Gestrandet", mit dem Lisei Caspers ganz unterschwellig viele Fragen andeutet: Helmut, der versucht, dem Quintett Deutsch beizubringen, bemängelt etwa den mangelnden Arbeitseifer, der dazu führt, dass auch nach Monaten eine Kommunikation kaum möglich macht. Wie er selbst erst später realisiert, hat die geringe Motivation Deutsch zu lernen weniger mit Faulheit zu tun, als mit der Ungewissheit, ob den Asylanträgen überhaupt stattgegeben wird. Und bis dies geschehen ist, dürfen Flüchtlinge nicht arbeiten und sind somit von einem essentiellen Teil des Lebens ausgeschlossen.

Doch auch die Frage ob es auch ein zu viel an Unterstützung geben kann, scheint der Film aufzuwerfen: So engagiert ist gerade Christiane, so oft besucht sie das Quintett, nimmt ihnen Arbeiten ab, bemuttert sie geradezu, dass man unweigerlich an die oft in Frage gestellten Strukturen der Entwicklungshilfe denkt: Wo Hilfe von Außen überhand nimmt, fehlt oft die Motivation, sich selbst zu helfen und sich nicht nur auf Andere zu verlassen.

Für die fünf Flüchtlinge aus Eritrea hatte das Warten nach gut einem Jahr ein Ende, ihren Asylanträgen wurde stattgegeben, teilweise konnten sie ihre Familien nachholen und langsam beginnen, sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Dass der bürokratische Prozess schon damals so lange dauerte, deutet die Probleme an, vor denen Deutschland inzwischen und wohl auf Jahre hinaus steht: Viel zu träge arbeitende Strukturen, die zwar meist genau und korrekt arbeiten, die Flüchtlinge aber zu schwer erträglichem Warten nötigen – und das meist nicht in der beschaulichen ostfriesischen Landschaft.
 
Michael Meyns