Ginger & Rosa

London 1962: Ginger und Rosa rebellieren gegen Eltern und gesellschaftlichen Mief und wollen nicht so sein wie ihre Mütter… In dieser Geschichte zweier Freundinnen steht ganz Elle Fanning als Ginger im Mittelpunkt des impressionistischen Films von "Orlando"-Regisseurin Sally Potter, der die Welt der 60er Jahre evoziert und ganz erheblich vom außerordentlichen Charisma seiner jungen Hauptdarstellerin lebt.

Webseite: www.gingerundrosa-derfilm.de

Großbritannien 2012
Regie, Buch: Sally Potter
Darsteller: Elle Fanning, Alice Englert, Christina Hendricks, Alessandro Nivola, Annette Benning, Oliver Platt
Länge: 90 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 11. April 2013

PRESSESTIMMEN:

 

" Die einfühlsame Coming-of-Age-Geschichte ist ein stimmiges Porträt einer Epoche, in der Aufbruchstimmung und Untergangsszenarien das Lebensgefühl einer ganzen Generation prägten."
Zitty Berlin

"Poesie und Protest: eine Jugend in London, im Schatten der Kubakrise. Die britische Regisseurin Sally Potter verwebt in ihrem zartbitteren Freundinnen-Drama „Ginger und Rosa“ das Private mit dem Politischen."
DER TAGESSPIEGEL

"Ein mitreißender, sorgfältig inszenierter Film, der die Themen Feminismus, Liebe und Musik mit Brechtscher Klarheit mischt und zu einer emotional wie intellektuell vergnüglichen Abrechnung mit linker Larmoyanz verdichtet. – Sehenswert."
film-dienst

FILMKRITIK:

London, 1962. Bald werden die Swinging Sixties beginnen, doch im Leben der 16jährigen Teenager Ginger (Elle Fanning) und Rosa (Alice Englert) ist davon wenig zu spüren. In kargen Reihenhäusern leben die Freundinnen mit Eltern, die sie nicht verstehen und mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen haben. Gingers Mutter Natalie (Catherine Hendricks) gab ihre Leidenschaft fürs Malen für die Ehe mit Roland (Alessandro Nivola) auf, einem selbsternannten Bohemian, der von einer Affäre in die nächste stürzt. Doch nicht nur die zerbrechende Ehe ihrer Eltern belastet Ginger.

Das extrem sensible, fast schon neurotische junge Mädchen ist geradezu besessen von der Möglichkeit einer nuklearen Katastrophe. Im August 1945 geboren, zum Zeitpunkt der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki, saugt Ginger jede Information über das Wettrüsten der Supermächte und Atomtests auf. Bald engagiert sie sich in der Friedensbewegung, ist entsetzt über die Ignoranz der älteren Generation, die in ihren Augen nur Tee trinkt und sehenden Auges in die Katastrophe rennt. Als zeitgleich Rosa eine Affäre mit Roland beginnt und die Kuba-Krise ausbricht, verzweifelt Ginger endgültig an der Welt.

Im Gegensatz zu den Experimenten ihrer letzten beiden Filmen „Yes“ (komplett in Versen gesprochen) und „Rage“ (ausschließlich aus Monologen bestehend) mutet Sally Potters neuer Film „Ginger & Rosa“ fast konventionell an. Doch dass die Regisseurin von „Orlando“ und „Tango Lessons“ ein Faible für ungewöhnliche Konstruktionen hat, die nicht immer zwingend wirken, zeigt sich auch hier. Subtil ist es nicht immer, wie persönliche Erfahrungen eines jungen Mädchens mit gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft werden. Wie die Zeit der 60er Jahre geschildert wird, mit ihrer schizophrenen Dualität von Aufbruchsstimmung, sich anbahnender sexueller Freiheit, die dennoch von der tristen, grauen Nachkriegsmoral geprägt wird, ist fraglos autobiographisch geprägt. Doch der Versuch, möglichst viele Facetten anzudeuten, lässt Potters Drehbuch manches Mal überfrachtet wirken.

Zum Glück jedoch hat Potter großes Talent im impressionistischen Evozieren von Stimmungen und hat einmal mehr eine großartige Riege von Schauspielern versammelt –  aus der die bei den Dreharbeiten gerade einmal 13 Jahre alte Elle Fanning herausragt. Zig Filme hatte Fanning schon hinter sich, als sie 2010 in Sofia Coppolas „Somewhere“ zum ersten Mal eine Hauptrolle spielte und sich mit ihrem gedankenverlorenen, gleichermaßen jungem und melancholisch wirkenden Gesicht perfekt in die Welt von Coppola fügte. Seitdem überzeugte Fanning in J.J. Abrams „Super 8“, in Francis Coppolas „Twixt“ und Cameron Crowes „Wir kaufen einen Zoo“. In „Ginger & Rosa“ spielt sie nun ihre bislang vielschichtigste Rolle, bewegt sich mit Leichtigkeit von kindlichem Enthusiasmus zu fast erwachsener Melancholie und wirkt bei dieser emotionalen Achterbahnfahrt doch nie forciert. Angesichts dieser außerordentlichen darstellerischen Leistung einer der talentiertesten Schauspielerinnen unserer Zeit übersieht man sehr gern manch bemühte Dramaturgie in Sally Potters letztlich unbedingt sehenswertem „Ginger & Rosa“.

Michael Meyns

Ginger und Rosa sind 17 Jahre alt und dick befreundet. Das Pubertätsalter ist noch nicht vorbei. Auflehnung heißt die Parole: gegen die Mütter Natalie und Anoushka, gegen die gefährliche Kuba-Krise (Anfang der 60er Jahre unter John F. Kennedy und Fidel Castro), gegen die atomare Bewaffnung, gegen den Kalten Krieg.

Mit Gingers sympathischem Vater Roland ist die Verständigung besser. Er scheint eine Art romantischen Idols zu sein. Zu dritt machen sie Ausflüge auf dem Segelboot. Dazwischen immer wieder Liebesgefühle oder Wutausbrüche.

Gingers Eltern trennen sich. Das Mädchen findet Unterschlupf bei dem homosexuellen Männerpaar Mark und Mark sowie deren Dichterfreundin Bella. Rosa geht einen anderen Weg. Sie tut sich mit Roland zusammen. Die Freundschaft der beiden Mädchen bekommt Risse.

Als Rosa schwanger wird, ist das Drama perfekt. Die Mädchen sind noch zu jung, das Erstaunen ist groß, das Entsetzen ebenfalls, das Vertrauen dahin. Diskussionen und Emotionen allenthalben zwischen Roland und Natalie, mit Bella und Anoushka, mit den beiden schwulen Männern.

Ginger muss jetzt ihren Weg allein finden. Immerhin versöhnt sie sich mit ihrem Vater.

Ein Pubertäts-, Familien-, Liebes- und Schicksalsdrama. In guten Bildern und einem sehr, sehr getragenen Rhythmus manifestiert es sich. Autorin und Regisseurin Sally Potter hat eben ihren eigenen, eigenwilligen Stil, der manchmal gewöhnungsbedürftig ist.

Die Erwachsenenrollen, die des Roland (Alessandro Nivola) ausgenommen, sind hier weniger wichtig, obwohl es sich zum Teil um bekannte Darsteller wie Annette Bening, Timothy Spall oder Oliver Platt handelt. Den Vogel schießt die junge Elle Fanning als Ginger ab. Sie spielt sehr ausdrucksstark und dürfte auf jeden Fall ihren Weg machen.

Thomas Engel