Göttliche Lage

Was macht eine Stadt wie Dortmund, die einem tiefgreifenden Strukturwandel unterworfen ist, deren Bevölkerung schrumpft, und auf deren Siedlungsgebiet riesige Industriebrachen klaffen? Sie stampft ein Villenviertel an einem künstlichen See aus dem Boden. Ulrike Franke und Michael Loeken begleiteten diesen Prozess fünf Jahre lang mit der Kamera. Sie stellen die Menschen in den Vordergrund, die von diesem Projekt betroffen sind.

Webseite: www.goettliche-lage.de

Deutschland 2014 – Dokumentation
Buch und Regie: Ulrike Franken, Michael Loeken
Kamera: Jörg Adams und andere
Schnitt: Bert Schmidt
Länge: 99 Minuten
Verleih: Real Fiction Filmverleih
Kinostart: 21. August 2014
 

FILMKRITIK:

Dortmund-Hörde: Ein Arbeiterstadtteil, der über Jahrzehnte von zwei gigantischen Industrie-Riesen geprägt wurde. Das Hochofenwerk Phoenix-West stellte Roheisen her, das benachbarte Stahlwerk Phoenix-Ost bearbeitete es weiter. Die beiden Werke schlossen 1998 beziehungsweise 2001. Phoenix-Ost wurde zu einem Industriedenkmal. Für das Gebiet von Phoenix-West hatte die Stadt andere, ehrgeizige Pläne. Hier sollte ein völlig neues Viertel entstehen. Rund um einen künstlich angelegten See wollten die Planer betuchte Häuslebauer anlocken, die sich hier ihren Traum vom Eigenheim verwirklichen sollten. 2006 begannen die Bauarbeiten, die von vielen Hoffnungen, aber auch Befürchtungen begleitet wurden. Wie würden die benachbarten Straßen mit ihren heruntergekommen Häusern und armen Mietern auf den Zuzug der neuen, betuchten Bewohner reagieren? Käme es durch Aufwertung zu einem Verdrängungswettkampf? Würde der hässliche Begriff „Gentrifizierung“ auch in Dortmund-Hörde Einzug halten?
 
Ulrike Franke und Ulrich Loeken sind Spezialisten, wenn es um die Begleitung des Strukturwandels im Ruhrgebiet geht. „Göttliche Lage“ bildet den Abschluss einer Trilogie, die mit „Losers and Winners“ über den Abbau eine Kokerei durch ein chinesisches Unternehmen in Dortmund begann und mit „Arbeit Heimat Opel“ über Lehrlinge im Bochumer Opel-Werk weiterging. Wie schon in den beiden Vorgängerfilmen stehen auch in „Göttliche Lage“ wieder die Menschen im Vordergrund.
 
Da ist die Kiosk-Besitzerin, die um den Fortbestand ihres kleinen Geschäftes bangt; die Vermarkterin, die die Grundstücke am See verkaufen soll; der Polizist, der im sozialen Brennpunkt von Hörde Streife läuft und mit den Menschen spricht. „Göttliche Lage“ umfasst einen Zeitraum von fünf Jahren – und arbeitet als Langzeitbeobachtung besonders eindrücklich anhand der jeweiligen Biografien den Fortgang des Projektes heraus. Dabei halten sich Franke und Loeken ganz im Hintergrund. Es gibt keinen Kommentar, nur die Protagonisten sprechen.
 
Wieder beweist das Regie-Gespann sein großartiges Gespür dafür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. So gelingen den beiden immer wieder Bilder, die das Geschehen auf überraschende Weise zusammenfassen oder kommentieren. Stellenweise wirkt die Erzählung fast schon satirisch überspitzt, obwohl diese Verdichtung immer aus den Vorgängen selbst rührt. So filmen die Regisseure erregte Diskussionen über den Standort eines alten Hochofens oder über den Kampf gegen Vogelfamilien, die sich auf dem See niederlassen und so das Wasser zu verschmutzen drohen.
 
So wirft der Film Fragen auf, die einerseits die regionale Situation sehr gut beschreiben, aber auch darüber hinaus weisen. Ähnliche Bauprojekte entstehen auch in anderen Städten – und immer wieder ergibt sich bei den Planungen die Frage, wie neue, am Reißbrett entstandene Viertel mit Leben gefüllt werden können. Und ob dabei nicht doch Ghettos für Reiche entstehen, die für eine soziale Schieflage sorgen. Franken und Loeken sind vorbildliche Dokumentaristen, die zwar leise ihre Zweifel anbringen, aber letztlich doch den Zuschauer in die Lage versetzen, sich selbst eine Meinung zu bilden.
 
Oliver Kaever