Golden Door

Emanuele Crialese erzählt die Geschichte einer italienischen Familie, die von hundert Jahren nach Amerika auswandert. Mit an Board des Atlantikdampfers ist auch Charlotte Gainsbourg, die hier als einzige Nicht-Italienerin im Ensemble vertreten ist. Ein unsentimentales Drama  und ein beeindruckendes Stück US-italienischer Kulturgeschichte zu Beginn des 20. Jahruhunderts.  

Webseite: www.goldendoor-derfilm.de

OT: Nuovomondo
Italien/Frankreich 2006
Regie + Buch: Emanuele Crialese
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Vincenzo Amato, Aurora Quattrocchi, Francesco Casisa, Filippo Pucillo, Federica de Cola, Isabella Ragonese, Vincent Schiavelli, Massimo Languardia, Filippo Luna, Andrea Prodan, Ernesto Mahieux
118 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 31. Mai 2007 

PRESSESTIMMEN:

 

Ein Film zwischen Realismus und Surrealismus, zwischen Naturalismus und Stilisierung: In "Golden Door" bedient sich Regisseur Emanuele Crialese scheinbar kaum miteinander vereinbarer Stile und Inszenierungsstrategien und schafft doch ein homogenes Ganzes. – Sehenswert.
tip berlin

Das vielschichtige, in düsteren Farben gezeichnete Zeitgemälde fesselt vor allem durch die überzeugenden Darsteller. Dabei feiert er nicht den amerikanischen Gründungsmythos des "melting pot", sondern setzt über 20 Mio. europäischen Auswanderern ein filmisches Denkmal. (SIGNIS-Preis der Internationalen Filmfestspiele Venedig 2006.) – Sehenswert-
film-dienst

FILMKRITIK:

In den 100 Jahren zwischen 1876 und 1976 wanderten 26 Millionen Italiener nach Amerika aus, den meisten von ihnen war das Privileg nich t gestattet, in einem Flugzeug auf gemütliche Weise den Atlantik zu überqueren. Die mü hevolle und wochenlange Anreise auf dem Seeweg war weitaus beschwerlicher und bedrohlicher, als man sich heutzutage vorstellen mag. Einen Einblick gibt der italienische Regisseur Emanuele Crialese („Lampedusa“ ) in seinem vierten Spielfilm „Golden Door“, der von einer sizilianischen Familie zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt, die ebenfalls den Entschluss fasst, Italien zu verlassen und ins gelobte Land aufzubrechen.
 
Von diesem „Amerika“ erzählt man sich unter den Bauern in der sizilianischen Provinz nämlich allerhand wundersame Geschichten, so sprießen dort angeblich mannshohe Pilze aus dem Boden, Karotten haben die Größe von Kanus, in den Flüssen fließt selbstverständlich Milch und Honig, während sogar Geld in Tale rn so groß wie Pizza von den Bäumen fällt wie reife Äpfel. 
Familienvater Salvatore (Vincenzo Amato) glaubt diese Märchengeschichten und verkauft seine besten Tiere – am Tag drauf bricht er mit den beiden Söhnen und seiner Mutter auf. An Board des hoffnungslos überfü llten Dampfers findet die Familie ein Plätzchen unter Deck. Die Massenschlafsäle mit unzähligen Etagenbetten und bescheidenen Lichtverhältnissen ä hneln eher Legebatterien, als einem Kreuzfahrtsschiff. Regisseur Emanuele Crialese vermag es hervorragend, diese klaustrophobischen Umstände zu vermitteln, ganz ungemütlich wird es einem plö tzlich im Kinosessel, so beengend wirken die Bilder. Komfort gibt es nirgends, höchstens auf dem Deck, wo Dritte-Klasse-Passagiere einen Blick auf die vornehmen Geschäftsreisenden erhaschen können. Auf den ersten Blick  auch äußerst wohlhabend, erscheint die geheimnisvolle englische Dame Lucy (Charlotte Gainsbourg), die mit blassem Teint, rotem Haar, feiner Tracht und blauem Pferdewettrennen-Hut die Reling entlang schwebt und dem schü chternen Salvatore und seinen Söhnen schöne Augen macht. Nicht ganz nachvollziehbar, warum so ein bourgeoises und feines Wesen das Nachbarbett der italienischen Bauern bezieht, entwickelt sich zaghaft eine Annä herung zwischen ihr und den Sizilianern. 
 
Der spannendste Teil von „Golden Door“ bleibt dennoch zweifelsohne das Schlussdrittel, in der sich die Neuankömmlinge hunderten von Tests und medizinischen Untersuchungen bestehen müssen, um die „golden door “, die Tür in die Freiheit passieren zu dürfen. Spätestens hier läuft der Film zu großer Form auf, wenn er über die Gefühlswelten seiner Em igranten sinniert. Wer wird die Tests sch affen, wer muss wieder die Reise zurück antreten? Was bedeutet Heimat? Kann es überhaupt eine neue Heimat geben? „Golden Door“ schafft es auf gä nzlich unsentimentale Art, seinem Drama Leben einzuhauchen, denn Emanuele Crialeses Geschichte bleibt durchweg nüchtern und beeindruckt mit schonungslosen Bildern einer entwurzelten Reisegruppe, die in eine unbekannte Zukunft aufbricht. 

 

David Siems 

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In den Flüssen fließt Milch und die Kartoffeln wachsen in Mannshöhe: Vor 100 Jahren erträumte sich die Alte Welt das ferne Amerika als Land der Verheißung und Wunder. Aus der Reise armer Sizilianer in die Neue Welt formt der römische Regisseur Emanuele Crialese einen spröden mythischen Bilderbogen in gemächlichem Tempo, ein fast körperlich erfühlbares Kino. „Golden Door“  erhielt bei den letzten Filmfestspielen in Venedig den Silbernen Löwen.

Hunderte behüteter Köpfe tummeln sich  auf engstem Raum. Durch die von oben betrachtete Menschenmasse zieht sich ein diagonaler Riss, der sich langsam und beharrlich zum Spalt, dann zum Graben vergrößert. Ein großes Schiff löst sich von der Kaimauer. Die Daheimgebliebene schauen den Auswandern  stumm vor Staunen und Angst in die Augen. Das Schiff ist riesig, die Fahrt lang, die See gnadenlos,.

Ein Witwer mit Namen Salvatore (Vincenzo Amato) reist mit seinen beiden Söhnen, von denen einer stumm ist, und seiner teufelsaustreibenden Mutter nach Amerika um der Armut in der Heimat zu entkommen. Zuvor hatte der abergläubische Mann eine lange Klettertour über karstige Geröllhänge unternommen, um den Rat der Bergmadonna einzuholen. Auf dem Schiff, das die Reisenden zusammenpfercht wie ein Straflager, trifft er die allein reisende Engländerin Lucy (Charlotte Gainsbourg), deren Vergangenheit ein Mysterium und deren Unnahbarkeit in all der Bedrängnis gewahrt bleiben soll. Da sie jedoch die Neue Welt nicht alleine betreten darf, wird sie Salvatore bitten, sie zu heiraten, was dieser begeistert annimmt. Damit heben sich die zwei aus den vielen Pflichtehen heraus, die nur aufgrund der Einreisebestimmungen geschlossen werden.

Auf Ellis Island, der Quarantäne- oder „Tränen“-Insel, müssen sich alle unangenehmen Tests unterziehen. Nicht wenige der Neuanömmlinge  werden – den neuen wissenschaftlichen Ansätzen der Eugenik folgend –  nach medizinischen Untersuchungen und Intelligenztests mit Fragen wie  „Wieviele Beine haben ein Pferd und ein Huhn zusammen?“ als ungeeignet für die Neue Welt ausgemustert. Nach dem Verlust der Heimat und der nicht ungefährlichen Überfahrt leiden die Auswanderer nun noch unter der Ungewissheit, überhaupt gut genug für die Neue Welt zu sein. Um diese Unerbittlichkeiten und Wechselbäder geht es hier, weniger um eine konkrete Geschichte. Die Figuren bleiben schemenhaft. Vincenzo Amato spielte schon in Crialeses vorhergehenden, ebenfalls preisgekrönten Filmen „Lampedusa“ und „Once we were Strangers“ die Hauptrollen. Charlotte Gainsbourg beschrieb die Dreharbeiten als einen „Theater-Workshop“, in dem es vor allem um Improvisation und Bewegungsarbeit ging.

„Golden Door“ gleicht über Strecken einem Stummfilm oder einem Tanztheater. Etwa wenn sich die Frauen an Bord in einer Reihe gegenseitig die langen Haare kämmen oder sich Menschen in Trachten aller möglichen Nationen vor der Zollpolizei aufreihen. Hinzu kommen Visionen der Reisenden, in denen sie wie Spielfiguren in Milch schwimmen. Viele der sprachlosen, meist im Halbschatten liegenden Einstellungen wirken wie die illustrierenden Spielszenen einer Dokufiktion. 

Emmanuele Crialese, der nach neun Jahren Studienaufenthalt in New York wieder nach Rom zurückkehrte, legte keinen Wert auf eine historische Aufarbeitung oder ein Drama oder sonst irgendeine Genreform. Er rekonstruierte aus den Briefen und Postkarten, die die ersten Einwanderer an die Daheimgebliebenen schrieben, eine Choreographie um abergläubische Hinterwäldler, die als „Prinzen“ das viel gepriesene Land betreten wollen, um die Verwandlung in den „neuen“ Menschen: „Ich folgte den Blicken der Neuanlömmlinge auf Ellis Island, um eine Bedeutung zu finden – oder um keine Angst zu haben, eine zu verlieren. Es gibt keine moralischen Urteile.“

Dorothee Tackmann

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Sizilien 1910. Die Landbevölkerung ist arm, nicht frei von archaischen Lebensformen, von Aberglauben, von Vorstellungen, in denen Geister und irrationale Kräfte umherschwirren. Den Bauern und Tagelöhnern geht es so schlecht, dass sie sich gezwungen sehen, sich nach einem neuen Leben umzuschauen. Die Neue Welt scheint das Zauberwort zu sein. Nach Amerika wollen sie auswandern, gerade mit Schuhen und den nötigsten Kleidern ausgerüstet, sonst ohne jede Habe. Millionen von Italienern haben das in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten des 20. Jahrhunderts getan.

Von der Auswandererfamilie Mancuso handelt dieser Film, von Salvatore, seinen Söhnen Angelo und Pietro sowie von seiner Mutter Fortunata. Mit tausenden anderer zusammengepfercht verleben sie im stickigen Rumpf eines großen Schiffes während mehrerer Wochen die Überfahrt. Immer geht es massenhaft, eng, laut, ärmlich und beschwerlich zu.

Dann das erste große Hindernis: die Insel Ellis Island, die alle passieren müssen, die in die USA wollen. Jeder wird streng überwacht, auf seine Gesundheit und die sonstige Eignung für die Vereinigten Staaten geprüft. Intelligenztests werden durchgeführt. Ihre Ehepartner können sich die Heiratskandidaten nicht selbst aussuchen. Das wird von den amerikanischen Beamten erledigt. Wer augen- oder lungenkrank ist, wer eine Fehlformation der Extremitäten aufweist, wer mit Tuberkulose oder Alkoholismus zu tun hat, wird sofort zurückgeschickt.

Eine geheimnisvolle Frau namens Lucy ist mit an Bord. Niemand weiß, wer sie ist, wo sie herkommt, was sie vorhat. Doch um in die USA einreisen zu können, muss sie einen Mann oder zumindest einen Beschützer haben. Salvatore wird ihr Ehemann.
Fortunata allerdings wird ihren Sohn und ihre Enkel möglicherweise verlassen. 

Ein sicherlich in zweifacher Hinsicht außergewöhnlicher Film. Er beeindruckt durch die Darstellung des archaischen Lebens, das diese Menschen führen, sowie durch die durchgehende Intensität der Massenszenen: in der Heimat, vor der Überfahrt, auf dem Schiff und auf der Schicksalsinsel Ellis Island. Auf eine gewisse Langgezogenheit und auf Wiederholungen hätte man allerdings verzichten können.

Der zweite Aspekt ist der politische, menschliche und moralische. Ellis Island war ein Zauberwort, aber auch ein Schreckenswort. Wie hart und teilweise unbarmherzig dort verfahren wurde, ist einem nicht immer ausreichend im Bewusstsein. „Golden Door“ leistet da begrüßenswerte, der Historie und der Wahrheit verpflichtete Arbeit. Immerhin wird die Zahl der Italiener, die zwischen 1876 und 1976 nach Amerika auswanderten, mit nicht weniger als 26 Millionen angegeben.

Thomas Engel